Wiener Festwochen: "Wir wollen in die Stadt hinaus"

Zum Auftakt der Wiener Festwochen wünscht sich Neo-Intendant Tomas Zierhofer-Kin nicht nur einen Perspektivenwechsel, sondern auch ein Hinausgehen aus der Stadt.

Intendant Tomas Zierhofer-Kin
Intendant Tomas Zierhofer-Kin © APA
 

Jutetaschen haben die Festwochen erobert: Mit Tomas Zierhofer-Kin hat das Wiener Festival nicht nur einen neuen Kapitän, sondern gibt sich auch verjüngt und ausgesprochen hip. Ein Ausdruck davon ist das neu eingeführte Zentrum, Performeum genannt und hinter dem Hauptbahnhof in einem ehemaligen Bierlager angesiedelt. Hier geht vieles: Kunst-Hotspot, Partylocation und intellektuelles Wellnessen.

Dabei sei das alles "gar nicht so neu", betonte Zierhofer-Kin bei der Eröffnung des Performeums am Donnerstagabend. Mit der diesjährigen Ausstellung, aber auch zeitgenössischen Clubmusikschienen setze man Traditionen fort - Avantgarde und Underground hätten schließlich immer schon einen Platz bei den Festwochen gehabt. "Wir wollen in die Stadt hinaus gehen, wollen wirklich Wiener Festwochen sein und nicht Festwochen der inneren Bezirke." So sei auch die Festivalzentrale in Favoriten "ein wichtiges Zeichen". Letztlich gehe es ihm und seinem Team um einen "Perspektivenwechsel".

Diskurs in lauen Sommernächten

Dieser wird auf dem weitläufigen Gelände in mehrfacher Hinsicht angeboten, sofern man sich darauf einlässt. Zwischen schwitzenden Leibern im aufblasbaren Hamam, unter verwelkenden Pflanzen in Daniel Lies "Death Center for the Living" oder entlang unterschiedlicher Installationen, die sich mit der Kolonialgeschichte des Westens auseinandersetzen, soll dabei vor allem eines gelingen: das Fest. Immerhin hat der neue Intendant jenes auch als ein zentrales Anliegen ausgerufen. Dank vorhandenem Industrie-Chic, gestalterischen Eingriffen des Stuttgarter Architektenbüros umschichten und vielfältigem Angebot bekommt man jedenfalls Lust auf laue Sommernächte mit Musik, Performance und Diskurs.

Beim Rundgang stößt man gleich in der ersten Halle auf "The Conundrum of Imagination". Hier finden sich einige der insgesamt 16 Positionen der diesjährigen Festwochen-Ausstellung, die sich auch im Leopold Museum ausbreitet. Zum Auftakt erfüllte dabei etwa Dineo Seshee Bopape ihre Arbeit mit Leben: Auf und neben Ziegelsteinen ausgebreitet, fasst die südafrikanische Künstlerin unzählige Widerstandsmomente gegen kolonialistische Unterdrückung zusammen, die eine Kollegin vortrug. Bopape selbst saß dabei inmitten ihrer Steinsammlung und bearbeitete Tonstücke, den festen Griff von Herrschern nachahmend und die neuen Figuren wieder behutsam im Raum verteilend.

Schwitzen in mehrfacher Hinsicht

Wenige Schritte weiter trifft man auf das zumindest von außen recht beeindruckende "Hamamness" - jenen dreiteiligen, an überdimensionale Iglus gemahnenden Aufbau, der nicht nur mit wechselnder Farbgebung die Sinne bespielt, sondern im Inneren zum Schwitzen anregt. Badezeug scheint bei rund 45 Grad Temperatur nicht nur ein guter Hinweis, sondern unbedingt erforderliche Ausstattung, um sich in der Folge beim mehrstündigen Genuss unterschiedlichen Themen zu widmen. Bis zum Ende der Festwochen stehen dabei etwa "Gender Jihad" oder "Kollektive Melancholie" als Überbegriffe zur Auswahl.

Abkühlung wartet in Form von Eis am Stiel - jedoch nicht unbedingt so, wie man sich das üblicherweise vorstellt. Wer aber Erfrischung in Form von Penissen, Füßen oder anderen Körperteilen nicht abgeneigt ist, kann nach Herzenslust schlecken. Der Eisstand wird in weiterer Folge auch an anderen Orten in der Stadt aufgestellt werden. Bis dahin wird sich wohl auch Lies "Death Center for the Living" spürbar verändern: Der in Sao Paulo lebende Künstler setzt sich in einer weiteren Halle mit dem Übergang von Leben und Tod auseinander, konkret in Form einer raumgreifenden Pflanzeninstallation. Auf dem Boden sind Erde und Stroh ausgebreitet, auf Matten kann der (bloßfüßige) Besucher Stellung beziehen und sich an Dutzenden, kreisförmig aufgehängten Blumenbouquets, Obstnetzen und einem zentral platzierten Hanfbaum sattsehen und vor allem -riechen. In Tagen, Wochen wird dann der Verfaulungsprozess bei einigen Objekten weit fortgeschritten sein, während aus kompakten Erd-Ringen wiederum Neues entstehen soll. Begleitet wird all das von die Magengrube massierenden, elektronischen Klangflächen, die den meditativen Charakter dieser Erfahrung zusätzlich unterstreichen.

Ein kunterbunter Fiebertraum

Optisch weit davon entfernt, aber nicht minder Aug, Ohr wie Nase ansprechend, zeigt sich das von Ben Pryor kuratierte "House of Realness": In der wahrscheinlich größten Halle des Performeums wird hier (an noch drei weiteren Abenden) die "queere ekstatische Praxis als Widerstand" ausgerufen. Irgendwo zwischen Clubbing-Atmosphäre, kunterbuntem Fiebertraum und Variete-Klischee angesiedelt, darf man sich von Vogue-Performern modische Extravaganzen präsentieren lassen, wird mit aufwendigen Licht- und Nebelskulpturen eingelullt und kann sich auf den unzähligen, im Raum verteilten Polstern die bequemste Position für den erst ab 18 Jahren freigegebenen Genuss suchen. Ein Highlight ist dabei der Auftritt des "Transgenre-Künstlers" Justin Vivian Bond, der mit Bandbegleitung Pop, Jazz und Folk verknüpft.

Aber fehlt da nicht noch etwas? Ja, und zwar all jene Punkte, die Zierhofer-Kin und Kollegen aus unterschiedlichsten Gründen doch nicht umsetzen konnten. Um darauf aber nicht verzichten zu müssen, holte man sich das Performance-Kollektiv God's Entertainment an Bord, das nun unter dem Titel "This is not Wiener Festwochen?" verschiedenste Interventionen im Performeum setzt. Die erste hörte auf den Namen "This is not famous?" und zitierte für die Dauer einer knappen Viertelstunde das Video "Famous" vom Rapper Kayne West, in dem dieser Prominente wie Rihanna, Bill Cosby oder Donald Trump nackt in einem Bett liegend inszeniert. Bei den Festwochen sind das dann einfach ein gutes Dutzend nackte Personen, die vermeintlich schlafend auf einem Podest liegen und umrundet werden können. Angesichts etlicher gezückter Handys hätte man wohl auch fragen können: "This is not voyeurismus?" Zu sehen gibt es in jedem Fall vieles, wenn man sich in die Tiefen des Performeums vorwagt. Eine Festivalzentrale, die diese Bezeichnung wirklich verdient.

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