Stefanie-Sargnagel-Uraufführung"Ja, eh!": Drei Steffis und ein Voodoo in einem Beisl

Der Bachmann-Text von Stefanie Sargnagels mündet in einen temporeichen Theaterabend mit Musik von Voodoo Jürgens. Uraufführung war am Mittwoch im Rabenhof-Theater in Wien.

In Spiellaune: Miriam Fussenegger, Saskia Klar und Lena Kalisch, allesamt Ende 20 © Pertramer
 

"Mir wurde gerade meine eigene Depression und Psyche quasi in einem Musical vorgespielt", schrieb Stefanie Sargnagel nach ihrem Probenbesuch von "Ja, eh!" auf Facebook. In der ersten Dramatisierung ihrer Texte blitzt die Tragik immer wieder auf. Bei der Premiere am Mittwoch im Wiener Rabenhof aber wurde vor allem gelacht, auch dank Einlagen der laut "Gap" "musikalischen Sargnagel", Voodoo Jürgens.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis es die mit auf Facebook publizierten Kurztexten bekannt gewordene Sargnagel ans Theater schafft. Kongenial versteht es die Wiener Autorin, mit selbstironischen Statusmeldungen, abgründigen Milieudarstellungen und präzisen Menschenbeobachtungen Bilder vor dem geistigen Auge entstehen zu lassen. Das gibt reichlich Stoff für urige Szenen und Dialoge. Christina Tscharyiski (Regie) und Fabian Pfleger (Dramaturgie) aber gehen bei der Dramatisierung von Sargnagels mit dem Publikumspreis beim Bachmannpreis-Wettlesen ausgezeichneten Text "Penne vom Kika" einen anderen Weg.

Zum Stück

"Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis" im Rabenhoftheater, Rabengasse 3, 1030 Wien. Texte: Stefanie Sargnagel, Musik: Voodoo Jürgens, Regie: Christina Tscharyiski, Dramaturgie: Fabian Pfleger, Bühne: Sarah Sassen, Kostüme: Catia Palminha, mit: Miriam Fussenegger, Saskia Klar, Lena Kalisch. Weitere Termine: 25. und 26. April sowie 12., 22. und 23. Mai. www.rabenhoftheater.com

Mit stimmig eingestreuten Passagen aus weiteren Kommentaren und Büchern Sargnagels wird der Fokus ganz auf die Figur der so selbstgefälligen wie unrunden Ich-Erzählerin gelenkt, die von gleich drei Schauspielerinnen dargestellt wird: Miriam Fussenegger, Saskia Klar und Lena Kalisch, allesamt Ende 20, in Pulli, Jogginghose und mit brünetter Bob-Perücke. Immer gemeinsam auf der Bühne, bestreiten sie abwechselnd und in beachtlichem Tempo eine Art langen, inneren Monolog, in dem es primär um die Zerrissenheit zwischen Nichtstun und Funktionieren, Kunst und Brotjob, geregeltem und selbstbestimmtem Leben geht. Verstärkt auf drei Stimmen, erhalten die Gedankengänge mehr Nachdruck, schaukeln sich hoch. Wird etwas unisono proklamiert, mutet das wie ein Manifest, ein Mantra, eine Kampfansage an.

"Mir fehlt der Wandverbau in meinem seelischen Wohnzimmer", heißt es da an einer Stelle. Ein Wandverbau aus Holz, Sinnbild für das spießige Kleinfamilien-"Unglück" und zugleich vielleicht notwendiger "Schritt Richtung Normalität", ziert dann auch stimmig die Bühne im Rabenhof, an deren linkem Rand die drei Musiker Jürgens' Platz finden. In und über die unterschiedlich großen Kästchen kann man klettern; hier blitzen aber auch Utensilien aus dem Sargnagel-Kosmos auf: das nach allzu vielen sinnlosen Auftragstexten beerdigte Poesievögelchen, die Weihnachtsdeko im grindigen Beisl.

Kongeniales Duo: Voodoo Jürgens und Stefanie Sargnagel Foto © Pertramer

Beisl und Bier

"Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis" mag in Sargnagels Welt spielen, entfernt sich aber deutlich vom lakonischen Wiener Original mit charakteristischer roter Baskenmütze, als das die 31-Jährige wahrgenommen wird. Das Schauspielensemble gibt vielmehr eine überdrehte, fast an Manie grenzende Version dieser Kunstfigur: Der Grinser allzu breit, die Bewegungen überzeichnet, die übergroßen Pullover löchrig und die Sprache Theaterdeutsch statt Dialekt, schrammt das vor allem im ersten Drittel gerade so an der Klamaukgrenze vorbei, ruft Assoziationen an die knallige "Feuchtgebiete"-Verfilmung hervor. Je vertrauter man mit dem zurückhaltenden Auftreten Sargnagels ist, das - ebenso wie ihre Zeichnungen - untrennbar mit der literarischen Figur verbunden ist, desto länger braucht man, sich auf das Geschehen einzulassen.

Nur zwischendurch blitzt die eine oder andere kaputte Figur aus der von Sargnagel beschriebenen und Jürgens besungenen Tschocherl-Kultur auf, rutschen Fussenegger, Klar und Kalisch - etwa kongenial bei der von Liebeskummer geplagten Diva Mercedes - in Mundart ab. In solchen Momenten funktioniert auch der Bogen zu Voodoo Jürgens, der mit Off-Kommentaren wie "Nächste Station: Eislaufplatz" im tiefsten Wienerisch einige Lacher und mit Musikeinlagen (u.a. "Wien bei Nacht" und "Nochborskinda") Begeisterungsstürme generiert. Höhepunkt ist seine eigens für das Stück kreierte Nummer "Eislaufplotz": Ausgehend von einem älteren Ehepaar, das die Ich-Erzählerin am Eis beobachtet, erzählt der Liedermacher auf Rollschuhen die Geschichte einer jungen, verbotenen Liebe am Tullner Eislaufplatz.

Spielfreude

Ja, eh - man hätte sich von Jürgens mehr direkte Bezüge zum gesprochenen Text, und von der Aufführung mehr Spielszenen und wechselnde Charaktere gewünscht. Hat man diese Erwartungshaltung überwunden, offenbart sich ein von ungemeiner Spielfreude, Melancholie und derbem Humor getragener Theaterabend, der auch beweist, dass Sargnagels Texte unabhängig von ihr funktionieren und allgemeingültig für die Generation der von zu vielen Möglichkeiten Überforderten bestehen: Wenn Freunde mal wieder nicht auf SMS antworten, berührt das, wenn der innere Schweinehund in Eislaufschuhen überwunden wird, reißt das mit. Hundertprozent stimmig ist das alles noch nicht; ein unterhaltsamer, gefeierter Auftakt zu hoffentlich mehr Theaterarbeiten von und mit Sargnagel aber allemal.

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