Ihre allererste Opernproduktion – und dann gleich die „Entführung aus dem Serail“. Ist dieser Start mit Mozart etwas Besonderes?
GIEDRE SLEKYTE: Ja, dass ich mit so einem Meisterwerk mein Debüt bei einer eigenen Produktion geben darf, ist ein Geschenk, das nicht jedem jungen Dirigenten zuteil wird. Und das dann noch dazu mit diesem fantastischen Orchester, das wir hier am Haus haben.


Die Oper ist nicht nur für Dirigenten, sondern auch für Sänger eine Herausforderung, oder?
Die Hauptrollen des Stückes sind an der Grenze der menschlichen Möglichkeiten angesiedelt – vor allem die Rollen von Constanze und Belmonte. Belmonte hat vier schwierige Arien und für die Konstanze braucht man eigentlich einen dramatischen, einen lyrischen und einen Koloratursopran in einer Person. Das haben wir hier in Klagenfurt mit Anna Rajah. Das ganze Ensemble ist einfach hervorragend, das ist eine große Freude für mich.


Woher kommt Ihre enge Beziehung zum Gesang?
Ich habe mit fünf Jahren angefangen zu singen und das lange gemacht. Ich hatte dann auch Chor als Hauptfach, was sich hin zum Chordirigieren entwickelt hat. Deshalb kann ich zumindest die Probleme der Sänger nachvollziehen. Ich glaube, dass mein Vokalgehör ein bisschen hilft - das ist natürlich ein Vorteil, wenn man Opern dirigieren will.


Was ist das Großartige an der Musik von Mozart?
Man hört oft: „Oh, Mozart ist so schön.“ Ich finde, das ist eine Beleidigung für diese Musik. Es ist eine so reiche Musik und die „Entführung“ ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie sich in einem Werk viele verschiedene Elemente mischen: Es ist ein komisches Singspiel und damit lustig und fröhlich. Aber es schwenkt bis hin zum tiefsten Drama. Eine meiner Lieblingsnummern ist die Traurigkeits-Arie von Konstanze: Die zwei Klarinettisten spielen nur bei dieser Nummer Bassetthorn und es ist wirklich wichtig, dass es richtig besetzt wird. Es ist harmonisch sehr komplex mit vielen Dissonanzen und gleicher Text wird musikalisch zweimal sehr unterschiedlich ausgedrückt. So ein Stück wie die „Entführung“ beinhaltet einfach alles, was es an Gefühlen geben kann.


Kommen Sie eigentlich aus einer musikalischen Familie?
Nein, mein Vater ist Mathematiker und meine Mutter Zahnärztin. Ich bin über den Chor zum Dirigieren gekommen.


Sie sprechen sehr gut Deutsch. Wie wichtig sind Deutsch und Italienisch, wenn man Opern dirigieren will?
Eigentlich sehr. Englisch braucht man sowieso, wenn man international unterwegs ist. Aber ich will ja auch die Operntexte verstehen und habe deshalb auch Italienisch gelernt. Außerdem wird in Litauen nicht alles, was mich interessiert, übersetzt. Briefe von Brahms etwa oder andere wichtige Literatur gibt es dann halt leider nicht auf Litauisch.


Sehen Sie sich eher als Opern- oder als Konzertdirigentin?
Ich liebe es, mit Texten zu arbeiten, tief in einen Stoff hineinzugreifen und herauszuarbeiten, wie ein psychologischer Konflikt musikalisch ausgedrückt wird. Und es macht mir viel Spaß, mit Regisseuren über ein Stück zu diskutieren.


Regisseur der „Entführung“ ist Michael Schachermaier. Wie klappt die Zusammenarbeit?
Für ihn ist es auch die erste Opernarbeit als Regisseur. Ich finde das sehr mutig vom Stadttheater Klagenfurt, zwei jungen Leuten eine Produktion zu geben. Und es war mit ihm von Anfang an sehr angenehm, er will so viel wie möglich über die Musik erfahren. Wir sprechen viel über die Figuren und wie sie von der Musik getragen werden. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es sein kann, dass – und das kommt ja gar nicht so selten vor – ein Regisseur seine Arbeit macht und ein Dirigent unabhängig davon seine Arbeit. Und dazwischen stehen die Sänger, die anders spielen sollen, als sie singen und dabei völlig zerrissen sind.