RezensionNeuer Kehlmann-Roman "Tyll": Ein Schelm führt die Menschheit vor

Hexenjäger, Leichenberge, Dreißigjähriger Krieg: Autor Daniel Kehlmann lässt in seinem Roman ein düsteres Zeitpanorama entstehen.

Daniel Kehlmann
Daniel Kehlmann © APA/ROBERT JAEGER
 

Am 23. Mai 2018 jährt sich der Prager Fenstersturz, der als Auslöser des Dreißigjährigen Krieges gilt, zum 400. Mal. Schon jetzt erscheint der maßgebliche Roman über jene Zeit, in der unter Vorwand eines Religionsstreits der Kontinent für eine ganze Generation verheert und verwüstet wurde. Geschrieben hat ihn Daniel Kehlmann. Mit "Tyll" beweist der Österreicher erneut erzählerische Meisterschaft.

Konzeptuell schließt der 42-Jährige mit dem neuen Roman an seinen Welterfolg "Die Vermessung der Welt" (2005) an. Zeitlich geht er freilich ein Stück weiter zurück. Statt in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der er die beiden Forscher Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß aufeinandertreffen ließ, führt er seine Leser in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts. Er lässt ein in vielen, vornehmlich düsteren Farben gemaltes Zeitpanorama entstehen, in dem sich die auktoriale Erzählstimme ganz zurücknimmt und Raum gibt für eine Vielzahl von Figuren, Begebenheiten und Szenen, die alle eines gemeinsam haben: Man will mehr davon. Jedes einzelne der acht Kapitel, in denen Kehlmann mit Vor- und Rückblenden und aus unterschiedlichen Perspektiven seine Geschichte erzählt, könnte getrost bedeutend länger ausgeführt werden, ohne dass man seiner überdrüssig würde.

Leichenberge und verwüstete Landschaften

Verantwortlich dafür ist Kehlmanns Fähigkeit, sich ganz ohne sprachkritische doppelte Böden und reflektierende Distanz auf seine Gegenstände einzulassen. Das heißt keineswegs, dass dabei ein simpler, sich anbiedernder Erzählton angeschlagen würde, im Gegenteil - in den anspielungsreichen Verwebungen seines Materials ist der Autor ebenso geschickt wie seine Titelfigur beim Jonglieren oder Seiltanzen. Doch wenn er gleichsam in langen Kamerafahrten über die Scheißhaufen der Heerlager, die Leichenberge in den geplünderten Dörfern und die abgeholzten, verwüsteten Landstriche fährt, wenn er die Bestialitäten von Marodeuren oder im Auftrag der Kirche folternden Hexenjägern in Großaufnahme vor Augen führt, wenn er immer wieder die Verlorenheit des Einzelnen in einer Welt ohne Halt hervorhebt, dann ist das vor allem eines: großes Kino.

Daniel Kehlmann: "Tyll"
Daniel Kehlmann: "Tyll", Rowohlt Verlag, 480 S., 23,60 Euro Foto © Rowohl Verlag

Kehlmann hat sich ohne Zweifel viel Wissen über die Zeit angeeignet - und geht sehr frei damit um. Schon seine Hauptfigur Tyll Ulenspiegel hat im Dreißigjährigen Krieg eigentlich nichts verloren, sondern seine Wurzeln 300 Jahre vorher. Das macht aber nichts. Der hagere und flinke Sohn eines grüblerischen und wissbegierigen Müllers, dem seine rastlose Suche nach den Geheimnissen der Natur und der Mathematik zum Verhängnis wird, wächst dem Leser ebenso rasch ans Herz wie die Bäckerstochter Nele, die Tyll kurz entschlossen folgt, als es gilt, dem düsteren eigenen Schicksal zu entkommen und das Heil beim fahrenden Volk zu suchen - schutzlos, aber frei. Ihre Beziehung bleibt ebenso unkonventionell wie jene des tragischen "Winterkönigs" Friedrich von Böhmen zu seiner Gemahlin, der schönen englischen Königstochter Elisabeth Stuart.

Kehlmann führt die beiden, den dummen, tragischen König und den weisen, traurigen Narren, in seiner Geschichte ebenso zusammen wie in "Die Vermessung der Welt" Humboldt und Gauß, und auch diesmal ist das so schön und herzergreifend erzählt, dass einem die historische Wahrheit dabei herzlich egal ist. Der Arzt und Dichter Paul Fleming, der edle Martin von Wolkenstein, der Universalgelehrte Athanasius Kircher, der in die Londoner Pulververschwörung von 1605 verwickelte Jesuit Oswald Tesimond - sie alle haben gelebt bzw. haben reale Vorbilder. Sie irren durch ein von Hunger, Krieg und Seuchen heimgesuchtes Land, in dem die hygienischen Verhältnisse unvorstellbar sind und ein einzelnes Leben nichts zählt. Religion und Aberglaube, rohe Gewalt und herrschaftliche Autorität sind die bestimmenden Kräfte in einem Dasein, das für die einfachen Leute nicht viel zu bieten hat.

Sprechende Esel und Drachenblut

Und doch hat "Tyll" auch seine heiteren Momente, die das Waten in Morast und Unrat kurz vergessen lassen. Dann lässt Kehlmann erkennen, dass der sprechende Esel möglicherweise doch nicht bloß Teil eines raffinierten Bauchredner-Tricks ist oder lässt Drakontologen auf ihrer Suche nach dem Allheilmittel Drachenblut ausgerechnet dort die größte Hoffnung hegen, wo noch nie eine Drachensichtung überliefert wurde: Eben dies sei der sicherste Beweis für die Anwesenheit eines Drachen, deren typischste Eigenschaft die perfekte Tarnung ist. "Im selben Jahr starb in der Holsteinischen Ebene der letzte Drache des Nordens. Er war siebzehntausend Jahre alt, und er war es müde, sich zu verstecken", heißt es wenig später lapidar.

"Tyll" ist ein plastisches Zeitpanorama, ein großer Historienroman, eine verhinderte Schelmengeschichte und ein trauriges Märchen. Und es ist ein Menetekel, das deutlich vor Augen führt, wie die Welt wird, wenn die Menschheit die Menschlichkeit verliert: wüst und leer. Am Ende finden wir Tyll, den Spaßmacher ohne Spaß, und Elisabeth, die Königin ohne Reich, mitten in den Verhandlungen um den Westfälischen Frieden. Es ist ein von lächerlichen Ritualen und Hofzeremoniellen geprägtes, eitles Gerangel und Gezerre um Macht und Einfluss. Wie man denn ihre absurden, aussichtslos anmutenden Winkelzüge um die Wiedererlangung der böhmischen Krone nennen solle, wird die alte, verzweifelte Königin gefragt, die nichts mehr hat als ihren Stolz. Ihre Antwort kommt mit Grandezza: "Ich schlage vor, Ihr nennt es Politik."

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