Buch der Woche Graham Swift und das Fest des Erzählens

Ein Fest des Erzählens und des Erzählten. "Ein Festtag" von Graham Swift ist auch ein Festtag der Literatur.

Große britische Erzählkunst: Graham Swift © KK
 

Es ist ein Sonntag im März, aber der Sommer strahlt schon verheißungsvoll. Voll Verheißung ist auch dieser Tag: „Mothering Sunday“ heißt das Buch im Original. „Muttertag“. Doch wenig haben diese Geschichte und dieser Tag mit Müttern zu tun. Gleichsam am Rande des Buches nur radeln die Töchter des Personals pflichtgemäß ihrem rituellen Sonntagsbraten entgegen. Aber Jane, ebenfalls eine Dienerin, steuert an diesem Märztag auf den edlen Spross aus begütertem Haus, ihren Liebhaber, zu und wird auf diesem Anwesen Stunden verbringen, die sie prägen werden, aber nicht brechen. Um es vorwegzunehmen: Das ist die große Stärke dieses Buches – dass die vermeintlich kleine Hauptfigur lädiert ist, waidwund, aber im Erzählen das Erlebte groß macht. Zu Literatur!

Wechselspiele


Es ist ein Sonntag im März, wir schreiben das Jahr 1924, und Graham Swift schreibt auf knappen 142 Seiten eine fulminante Erzählung über das Erzählen. Die Rahmenhandlung: Jane, das Dienstmädchen, liebt seit Jahren den Herrn des nachbarlichen Herrschaftshauses, Paul. Wobei: Ist es Liebe, Gier? Oder nur ein feudales Wechselspiel? An diesem Märzsonntag jedenfalls öffnet Paul für Jane ausnahmsweise die Vordertür. Die Altvorderen sind nicht zu Hause, sie arrangieren für den Sohn dessen standesgemäße Hochzeit. Jane und Paul, Pardon, bumsen sich also ungestört durch diesen Sonnentag. Dann geht Paul weg. Dann stirbt Paul. Im Auto, auf dem Weg zur standesgemäßen Braut. Es bleibt ungeklärt, ob das ein ordinärer Unfall war oder ob Paul mit Absicht einen Baum angesteuert hat. So viel bleibt in diesem luftigen Roman in Schwebe; ach, wie schön!
Erzählt wird diese Geschichte aus der Perspektive von Jane. Von einer anderen Jane freilich. Aus der Dienstmagd wurde eine Bibliothekarin in Oxford, daraus eine berühmte Schriftstellerin. Eine unaufdringliche Geschichte der Emanzipation, auch das ist dieser Roman. Er ist so viel und möchte so wenig sein. Das war schon immer die Stärke dieses Autors.

Wahrheit und Fiktion


All die Szenen. All die echten und die in Büchern. Und all die, die dazwischenliegen. Graham Swift schreibt darüber, wie jemand über das Leben berichtet; ohne Furcht und Tadel; ohne die Vergangenheit zu erhöhen, ohne die Zukunft zu erhören. Gegenwärtig also. „Erzählen, Geschichten erzählen. Immer war da die Annahme, dass man Lügen verbreitete.“
Lügen? Was ist wahr, was Wahrheit? Was Fiktion? Jane die Schriftstellerin erzählt aus der Distanz, sie ist inzwischen 90 Jahre alt, aber sie bewahrt die Nähe zu diesem hitzigen Märztag 1924. Ihr Ton ruht fast beunruhigend in sich. Das Abenteuer der frühen Liebschaft führt sie zu den Abenteurern der Literatur; vor allem zu Joseph Conrad, in dessen „Herz der Finsternis“ sie eintaucht, ohne das eigene Licht zu verlieren. Jane, die reale Frau, findet einen neuen Mann, verliert ihn wieder; aber auch dieses Brechen kein ultimativer Bruch. Graham Swift schreibt im Schreiben über das Schreiben. Und seine wahrhaftige Heldin sagt: „Es ging darum, dem, was das Leben ausmachte, treu zu sein, zu versuchen, genau das einzufangen, was Lebendigkeit bedeutet, obwohl das nie gelang.“
Oh doch, es gelang. Und es kann fürwahr nur in Literatur eingefangen werden, das Leben. Oder, um mit Fernando Pessoa zu sprechen: „Felder sind grüner in der Beschreibung als in ihrem Grün.“

(Graham Swift: "Ein Festtag". dtv. 142 Seiten, 18,50 Euro.

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