NachtkritikPeter Turrini und das Zimmer mit Aussicht

Peter Turrinis „Fremdenzimmer“, uraufgeführt im Wiener Theater in der Josefstadt. Ein exemplarisches, auch heimtückisches Lehrstück über den Wandel von Fremdenfeindlichkeit in Mitgefühl.

Erwin Steinhauer verkörpert in "Fremdenzimmer" in der Josefstadt August Knapp © APA/HERBERT PFARRHOFER
 

Eigentlich will Samir, Flüchtling aus Syrien, nur rasch irgendwo sein leeres Handy aufladen. Er landet in einer Wiener Gemeindewohnung, ebenerdig, düster, bewohnt von einem älteren Ehepaar. Es hat sich längst nichts mehr zu sagen und untermauert dies durch den Austausch von Gemeinheiten. Die Trostlosigkgeit hat die Hauptmiete übernommen. 

Erneut beweist Peter Turrini in seinem jüngsten Bühnenwerk „Fremdenzimmer“, dass er der scharfsichtigste Diagnostiker der österreichischen Seele ist. Und dass er als begnadeteter Theatermacher alle Mittel und Methoden kennt, all die Defekte aufzuzeigen, bravourös, scheinbar einfach, schlicht genial. Es ist ein aktuelles österreichisches Zustandsblld, das der Autor  präsentiert, reich an Vorurteilen und Misstrauen, noch reicher an Scheu vor allem Fremden. Turrini selbst kennt keinerlei Berührungsängste. Bösartig und hinterlistig ist sein Wortwitz, fast kabarettistisch sind einige der zahlreichen Minisequenzen, die Hausherr Herbert Föttinger, Turrinis kongenialer Lieblingsregisseur, in seiner rund neunzigminütigen Version präsentiert. Aber wie so oft bei Turrini wohnen das Lachen und die Verzweiflung, das Trostlose und die Hoffnung, Tür an Tür. Und so ist es letztlich Samir, der den größten Beitrag zur Integration leistet. Er erhält eine Bleibe in der Wohnung, er lässt in dem Ehepaar längst vergrabene, verschüttete, verdrängte Gefühle wieder erwachen. Füreinander, miteinander. 

Peter Turrinis ausgewogene Mischung aus Situationskomödie, Flüchtlings- und Ehetragödie und realistischer Bestandsaufnahme in einem Land, in dem der Vollholler blüht, ist eine Lektion in Toleranz, es ist ein Zimmer mit Aussicht. 

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