Theaterkritik"Tartuffe" in Graz: Ein Molière, den man nicht verpassen sollte!

Die letzte Premiere auf der großen Bühne des Grazer Schauspielhauses in diesem Jahr kann man auch als Heilsversprechen für die Zukunft sehen. Eine durchdachte, kurzweilige Inszenierung mit einem vom Publikum herzlich bedankten Ensemble.

Szene aus der Grazer "Tartuffe"-Produktion mit Pascal Goffin (links) © LUPI SPUMA/SH
 

"Wenn das heute wieder nichts wird, lege ich mein Abo im nächsten Jahr zurück", raunte eine mondäne Abonnentin vor der Vorstellung im Foyer. Nun denn: Rund eine Stunde und 45 Minuten später darf man konstatieren: Es wurde was! Und zwar etwas Außerordentliches. Hatte Intendantin Iris Laufenberg in dieser Saison bisher noch kein so glückliches Händchen in ihrem "Haus EINS", tut die Handschrift des in Basel lebenden Regisseurs Markus Bothe dem größten Theater der Stadt sehr gut. Wer seinem "Cyrano" im Frühsommer auf den Kasematten verfiel (und das waren viele), wird nun seine Molière-Arbeit lieben.

Hochstapler, Betrüger: Im Originaltitel "Tartuffe ou L'imposteur" wird schon eindeutig vor dem Protagonisten des 1664 in einer ersten Version uraufgeführten Stücks gewarnt. Doch für so einen verführerischen Heilsversprecher muss der Boden ja erst aufbereitet sein - und was die Thematik einer dysfunktionalen Familie oder Gesellschaft anbelangt, kann das mit einer Gültigkeit für 1664 und 2017 erzählt werden. Und tut es auch!

Premiere Tartuffe

Bothe erweist sich einmal mehr als Regie-Akrobat, dem sein Ensemble vertraut. Und mag dabei das eine oder andere Knie schmerzen. Er macht im smarten Bühnenbild, das sich im Finale bedrohlich neigt, ordentlich Tempo, ohne auf Momente des Innehaltens verzichten zu müssen. Und überlässt jeder Figur eine Schrulle, ohne dabei in blöden Klamauk zu verfallen. Jeder hier auf der "Festtafel" mit ihrem verschmutzten Tischtuch, das schnell zur Bettdecke werden kann, ist auf dem richtigen Platz, ob nun die trotz ihrer großen Augen undurchschaubare Henriette Blumenau als Elmire, die wunderbare Maximiliane Haß als Mariane oder die einzigartige Julia Gräfner als Zofe. Auch aus der Männer-Riege möchte man jeden hervorheben. Pascal Goffin ist der Verführer unserer Zeit, einer, der auf sich und seinen makellosen Körper schaut. Und Bakterien keine Chance gibt.

"Ist der ,Tartuffe' weniger lustig als eher tieftraurig? Ein gutes Haar lässt Molière tatsächlich an keiner seiner Figuren, er zeichnet sie alle als selbstbezogen, eitel und in (allerdings unterschiedlichem Maße) hilflos und verdorben – aber gerade das macht sie komisch", schreibt Dramaturg Jan Stephan Schmieding im Programmheft. An diesem Abend darf man schmunzeln und lacheln, ohne dabei den Ernst der Lage aus den Augen zu verlieren. Langer, herzlicher Applaus! Und das Abo wird nun wohl verlängert werden . . .

"Tartuffe" von Molière: Graz, Schauspielhaus (Haus EINS).
Aus dem Französischen von Wolfgang Wiens
Regie: Markus Bothe
Bühne und Kostüme: Alexandre Corazzola
Musik: Biber Gullatz
Ensemble: Henriette Blumenau (Elmire), Thorsten Danner (Cléante), Pascal Goffin (Tartuffe), Julia Gräfner (Dorine), Maximiliane Haß (Mariane), Simon Käser (Damis), Mathias Lodd (Orgon), Franz Solar (Madame Pernelle), Benedikt Steiner (Kommissar) und Florian Stohr (Valère)

Weitere Termine: 12., 13., 16. und 20. Dezember, jeweils 19.30 Uhr, am 31. Dezember um 16 Uhr, 18. und 19. Jänner 2018.
Karten: Tel. (0316) 8000.

Letzte Premiere im großen Haus für dieses Jahr: "Tartuffe" Foto © LUPI SPUMA/SH

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