Herr Messner, was hat Sie dazu veranlasst, auf den Spuren von Luis Trenker zu wandeln?
REINHOLD MESSNER: Also, auf den Spuren von Luis Trenker bin ich generell nicht. Von seinem romantisch-heldenhaften Alpinismus bin ich weit weg. Obwohl ich ihn als Filmerzähler sehr schätze. Trenker war Bergsteiger, Bergführer, ist aber schon in sehr jungen Jahren zum Film gekommen. Bei mir ist es umgekehrt. Ich komme erst am Ende des Lebens zu dieser Tätigkeit. Als Trenker anfing, Filme zu machen, bin ich zu den Achttausendern aufgebrochen. Dann gab es die Phasen, wo ich zum Nordpol, durch die Antarktis und die großen Wüsten gegangen bin. Ich war auch eine Zeit lang Museumsgestalter. Und jetzt, wo ich noch gesund bin, einen klaren Kopf habe und immer noch gerne erzähle, suche ich diese andere Form des Erzählens mit der Kamera. ServusTV hat mir die Möglichkeit gegeben, Regie zu führen in einer Geschichte, die ich immer schon auf die Leinwand bringen wollte.


Was ist das Spannende an dieser Geschichte, die sich 1970 auf dem zweithöchsten Berg Afrikas zugetragen hat?
MESSNER: Dass zwei Menschen am äußersten Rand der Welt in eine Situation geraten, die im Grunde nicht meisterbar ist. „Still alive“ handelt von zwei österreichischen Bergsteigern, Gert Judmaier und Oswald Ölz. Sie befinden sich beim Abstieg vom Mount Kenya. Einer stürzt 30 Meter in die Tiefe und zieht sich einen offenen Unterschenkelbruch zu. Dem anderen zerreißt es die Hände, weil er im letzten Moment ins Seil greift und versucht, den Sturz zu halten. Der junge Arzt Judmaier hat einen so schlimmen Bruch, dass er nicht runterbringbar ist. Er liegt da oben sieben Tage lang und der andere erkennt, er ist nicht zu retten. Und trotzdem folgen beide ihrem Instinkt. Der eine stürzt sich nicht vom Berg, was er eigentlich will, um dem anderen keine Last zu sein. Der andere hofft am Ende, dass er selbst stirbt, dass er befreit ist von dieser inneren Verpflichtung, weiterhin alles tun zu müssen. Und dann kommt das Wunder aus Innsbruck: Judmaiers Vater hat inzwischen eine Gruppe von Bergrettern aktiviert. Sie fliegen nach Afrika und holen die beiden im letzten Augenblick vom Berg.


Stimmt es, dass Sie Judmaier nach Ihrer persönlichen Nanga-Parbat-Katastrophe im Spital in Innsbruck kennengelernt haben?
MESSNER: Ja, ich lag in der Klinik. Professor Flora hat mir sukzessive die Zehen abgeschnitten, nicht alle, aber einen größeren Teil. Und da kam in mein Zimmer dieser ausgemergelte Judmaier und erzählte mir seine Geschichte, eine dramatische Geschichte – nicht so schlimm wie meine auf dem Nanga Parbat, wo mein Bruder unter einer Lawine begraben wurde –, aber eine Geschichte am Rande des Begreifbaren. Wir brauchten damals keinen Psychiater, sondern hatten uns gegenseitig als Stütze.


Angeblich sind Sie derzeit auch auf dem Sprung nach Hollywood?
MESSNER: Ich habe in New York zufällig einen Hollywood-Produzenten getroffen, einen ziemlich schrägen Vogel, dem ich eine Geschichte erzählte. Er sagte: Schreiben Sie das auf, ich verfilme es. Er hat inzwischen die Rechte gekauft und ein paar Jahre Zeit, das Projekt umzusetzen. Es ist eine Quintessenz von dem, was ich über die Berge weiß.

Hätte Sie eigentlich auch der Ötzi-Stoff gereizt, der gerade im Südtiroler Schnalstal Drehstart hatte?

MESSNER: Ötzi hat ja quasi unterhalb von meinem Schloss Juval gelebt, als Halbnomade. Das dramatische Ende, dass er mit einem Pfeil erschossen wurde, könnte man gut erzählen. Alles andere ist Spekulation. Ich sage ja immer: Er war auf der Suche nach einer Frau auf der anderen Seite und das ist halt immer schon gefährlich gewesen. Die Zeit wiederzugeben, hätte mich schon gereizt. Aber der Film, den sie jetzt machen, der wird halt ein bisschen an den Haaren herbeigezogen sein. Ich habe gerade eine Anfrage bekommen, ob ich einen Monsterfilm über den Yeti in den Alpen machen möchte. Aber so etwas kommt für mich natürlich überhaupt nicht in Frage. Der Yeti hat überhaupt nichts mit einem Monster zu tun und lebt außerdem im Himalaya. Er wäre eher etwas für einen zoologischen Dokumentarfilm.

Wann war Reinhold Messner eigentlich das letzte Mal im Fels?
MESSNER (überlegt kurz): Vor zehn Tagen mit meiner Kleinen. Meine Tochter ist eine begeisterte Kletterin. Mein Sohn hat mir vor Kurzem das Angebot gemacht, mit ihm auf den Campanile di Val Montanaia zu gehen. Das ist ein frei stehender Turm in den südlichen Dolomiten, auf dem ich noch nie war. Alleine schaffe ich den nicht mehr. Ich bin ja inzwischen ein älterer Herr. Meine Geschicklichkeit und Schnellkraft sind ein Zehntel von dem, was sie einmal waren. Aber ich habe immer noch Lust, im schwierigen Gelände zu klettern.