Konzertkritik 1Zweifler, Ironiker, Engel

Mathis Huber erinnerte zum Auftakt des sytyriarte-Konzertreigens an Wirkung und Auftrag von Nikolaus Harnoncourt. Danach fand die amerikanische Dirigentin Karina Canellakis ihre eigene Sprache für Beethoven. Von Michael Tschida

Karina Canellakis überzeigte mit Beethoven 1 + 8 © STYRIARTE/KMETITSCH
 

Den Humanisten, Dirigenten und Musikdenker. Den Risikoreichen, den Unermüdlichen, den Widerständischen. Den Methodiker, Zweifler, Überzeuger. Kurz: Den Menschen Nikolaus Harnoncourt ehrte Mathis Huber am Samstagabend in seiner Erinnerungsrede an den unersetzbaren Mitbegründer der steirischen Festspiele. Der im März verstorbene Ausnahmemusiker habe Ideen und Aufträge hinterlassen, die Werkstatt styriarte weiterzuführen: „Harnoncourt ist vorausgegangen. Wir folgen nach. Und ich hoffe, Sie alle gehen mit uns!“, appellierte der Intendant an sein Publikum.


Das durfte danach im vollen Stefaniensaal Karina Canellakis begrüßen, die Erste aus dem Trio, das nun den noch von Harnoncourt geplanten Koloss Beethoven-Zyklus stemmt. Die New Yorkerin wagte sich erstmals an das Pult eines Originalklangorchesters – und gewann. Nicht nur die Zuhörer, die sich schon im Vorjahr an einem Dvo(r)ák-Projekt der 34-Jährigen begeistert hatten und sie nun mit Standing Ovations belohnten – wohl auch als schöne Geste: „Come again!“


Canellakis hatte ja aus dem Mammutprojekt Beethoven 1 + 8 (sowie gestern Beethoven 2 + 7) übernommen. Mit dem Concentus Musicus saß ein Paradeensemble vor ihr, das Harnoncourts ausgefeilte „Klangrede“ auch ohne seinen Meister aus dem Effeff beherrscht. Dennoch suchte und fand Canellakis ihre eigene Sprache für die zwei kürzesten Symphonien des Bonner Giganten. Die „Erste“ hatte die Amerikanerin nach zunächst etwas vorsichtigem Herantasten mit straffen Tempi bald im Griff und forderte den Spezialisten an den alten Instrumenten Plastizität und feine Durchhörbarkeit ab.


In der „Achten“ eine Spur weniger fokussiert, strich Canellakis mit dem blendend disponierten Concentus um Konzertmeister Erich Höbarth doch das vertrackt Spielerische und die bis zur Ironie gedehnte Heiterkeit der Symphonie heraus. Beethoven war 1799 offenbar nach Tanzen: Im böhmischen Teplice schrieb er ja nicht nur zum Teil dieses Werk, sondern auch den berühmten Brief an seine bis heute nicht identifizierte „Unsterbliche Geliebte“: „Am 6ten Juli Morgends. Mein Engel, mein alles, mein Ich . . .“

Hörfunkausstrahlung am 3. Juli um 11.03 Uhr in Ö1

Kommentare (1)

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Elfriede41
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Die 2. und 7. von Beethoven war für mich ein Erlebnis

Harnoncourt hätte es nicht besser machen können. Ich bin noch immer von diesem Konzert stark beeindruckt und wir können nur hoffen, dass sie wieder nach Graz kommen wird. Gratuliere Herrn Huber zur Auswahl von Fr. Canellakis. Gut so, weiter so.

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