Interview"Wir waren vielleicht etwas naiver"

Vom Lehrling zum Geschäftsführer: Ennstal-Milch-Chef Harald Steinlechner über Schule, Lehre, Chefsein mit 31 und darüber, warum man Hausverstand nicht lernen kann.

© Alexander Danner
 

Er war ein guter Schüler, tat sich leicht beim Lernen. Nachsatz: "Aber die Schule hat mich nicht interessiert." Viel eher traf man den jungen Harald Steinlechner zuhause beim Fußballspielen oder beim Schifahren auf der Piste. Frei nach dem ökonomischen Prinzip tat er in der Schule das Nötigste, um den maximalen Nutzen herauszuholen. Bis die Eltern ein Veto einlegten. Was aber tun? "Mit 15 hat man nicht den großen Überblick", sagt Steinlechner heute. Und erzählt, wie er sich von der Molkereilehre zum Geschäftsführer der Ennstal Milch emporgearbeitet hat.

KFZ-Mechaniker, Einzelhandelskaufmann – sie hätten auch einen gängigeren Lehrberuf ergreifen können, wie kamen sie auf die Milchwirtschaft?

HARALD STEINLECHNER: Mein Vater hat in der Molkerei gearbeitet. Damals war Sicherheit ein großes Thema. Die Molkerei galt als sicherer Arbeitsplatz, denn Bauern würde es im Ennstal immer geben. Die Molkerei war mir vertraut, aber die Hürde war, dass man eine landwirtschaftliche Ausbildung gebraucht hat, um lernen zu dürfen. Das Lehrlingswesen war zu der Zeit noch nicht sehr fortschrittlich.

Schon wieder Schule ...?
Das war recht spannend. Wir hatten keinen Bauernhof, ich war der einzige Nicht-Bauer. Nach zwei Jahren in der landwirtschaftlichen Fachschule in Gröbming, habe ich „Molker und Käser“ gelernt. Das klingt noch so, als hätte man nur Melken und Käsemachen gelernt. Inzwischen heißt es Molkereitechnologe und man wird Molkereifachmann.

Können Sie melken?
Freilich, ich hatte in der Landwirtschaftsschule eine umfassende Ausbildung. Man lernt Schweißen, Traktor fahren, Fruchtfolgen, Tierzucht – das war alles sehr interessant und hat mich geprägt. Ich habe dort irgendwie auch das „Leben“ gelernt.

Nach der Lehre haben sie als jüngster Meister die Prüfung absolviert – was war denn ihr Meisterstück?
Wir mussten einen speziellen Käse herstellen. Als Meister habe ich dann auch geglaubt, Meister zu sein, habe aber bald gemerkt, dass ich mich noch einmal weiterbilden muss. Mit 22 bin ich für zwei Jahre nach Kempten gegangen, an die Technikerschule für Milch und Molkereiwesen. Dort gab es schon eine Milchindustrie. Das war eine andere Welt und hat meinen Horizont erweitert.

H. Steinlechner
"Man wächst mit der Verantwortung und dem Tun." Foto © Alexander Danner

Wie konnten Sie Ihr Wissen dann einsetzen?
Ich habe spannende Aufgaben in der Entwicklung bekommen, das Qualitätsmanagement mitaufgebaut, bin in die Betriebsleitung gegangen. Dann bin ich zu Campina in Heilbronn und konnte mich dort mit Abläufen und Prozessen beschäftigen. Mit 31 Jahren habe ich dann die Geschäftsführung der Ennstal Milch übernommen.

Hat man sie geholt oder wie kam es dazu, dass sie plötzlich Geschäftsführer wurden?
Ich war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort wie die Fußballer sagen.

Zur Person

Harald Steinlechner (48) ist Geschäftsführer der Ennstal Milch KG. Nach Lehre und Meisterprüfung ging er an die Fachschule für Milch und Molkereiwesen nach Kempten (D), danach als Trainee nach Heilbronn. 2009 schloss er die University of Salzburg Business School in General Mangement ab.

Sie haben sich doch sicher im Laufe ihrer Ausbildung einen Namen gemacht, haben an den richtigen Stellen angedockt, ein Netzwerk aufgebaut – und dann ist eben an sie gedacht worden.
Der Typ war ich gar nicht. In Netzwerken habe ich nicht gedacht. Für mich war immer das Interesse wichtig, das Lernen – ich war nach der Gymnasialzeit in allen Schulen der Beste, weil es mich interessiert hat. Partner, Netzwerke entstehen – aber ich glaube nicht, dass man sie haben will, um nach vorne zu kommen, sondern man geht einen Weg und dann entstehen Netzwerke. Das ist ein anderer Zugang.

Wie haben Sie Ihre ersten Schritte als Chef erlebt?
Mit 31 habe ich mir die Geschäftsführung noch etwas anders vorgestellt, aber man wächst mit der Verantwortung und dem Tun.

Was hat ihr jetziger Job heute noch mit dem des „Molkers und Käsers“ von früher zu tun?
Meine Tätigkeiten sind zu 95 Prozent nicht mehr die des klassischen Lehrberufs. Aber ich kenne mich aus. Das ist wesentlich. Sonst wäre es, als würde man Betriebswirtschaft studieren und vom Basiswissen keine Ahnung haben. Über Reinigung etwa braucht man mir nichts zu erzählen, seit ich in einem riesigen Tank mit Gummistiefeln gestanden und ihn mit heißer Lauge geschrubbt habe. Das Wissen ist ein Grundstock und bringt einem eine gewisse Akzeptanz ein.

Melken muss ein angehender Molkereitechnologe nicht können, was denn?
Ein Gefühl für Lebensmittel, für den Rohstoff Milch muss man mitbringen. Außerdem technisches Verständnis für die Verarbeitung und man darf das Qualitäts-Kostenthema nicht aus den Augen verlieren. Der Beruf ist vielfältig – allein die Produktentwicklung etwa ist eine Spielwiese. Dort steht man nicht so unter Druck, kann kreativ sein und das Gelernte selbst anwenden.

Sind Sie zufrieden mit der Berufsschulausbildung?
Da hat sich in den letzten Jahren wahnsinnig viel getan. Die Per- sönlichkeitsentwicklung wird jetzt stärker berücksichtigt, der Mensch steht mehr im Mittelpunkt. Gerade wenn man mit dem Meister abschließt, ist meist Führungsverantwortung damit verbunden. Darauf versucht man schon früh einzugehen.

Wie kann man also Karriere mit Lehre machen?
Konsequent bleiben. Die Guten finden einen Weg, durchzuhalten. Offenheit ist auch wichtig, und Hausverstand. Den kann man nicht lernen.

Wie sehr haben sich über die Generationen die Lehrlinge geändert?
Die Einstellung hat sich geändert. Wir waren vielleicht etwas naiver. Die neue Generation ist besser informiert, hat ein enormes Selbstvertrauen. Die Verlockungen durch Social Media sind andere. Es gibt viel mehr Möglichkeiten, auch viel mehr, fehl zugehen. 

Was halten Sie von der Lehre mit Matura?
Die Frage ist, was man nachher machen will. Wir sind da offen und haben auch Maturanten bei uns, die die Lehre anschließen. Ich bin ein Freund der Kurzlehre nach der Matura. Das ist ein Thema der Zielsetzung. Mir war immer wichtig, Verantwortung zu übernehmen. Wenn ich die beste Ausbildung habe, möchte ich sie auch nutzen.

Führung bedeutet für Sie ...?
Mehr Einsatz und mehr Verantwortung, Entscheidungen zu treffen. Führung ist Handwerk. Man kann von guten Vorgesetzten oder auch von schlechten lernen – damit man weiß, wie man es nicht machen sollte.

Haben sie schon immer gewusst, dass sie Chef werden wollen?
Ja. Das muss aber jeder für sich selbst entscheiden.

Dort ist ein Lehrling Geschäftsführer – schlägt ihnen das heute noch entgegen?
Nein, es ist Sache jedes einzelnen, was er aus sich macht. Es gibt heute Weiterbildungs- und Studienmöglichkeiten ohne Ende, man muss sie nur nutzen.

7 Fakten, die Sie wissen müssen

1. Durchhalten! Bei Gegenwind nicht gleich aufgeben.

2. Positiv bleiben - Jammern bringt einen nicht weiter.

3. Auf die Eltern hören. Sie wissen einfach mehr als man selbst mit 14.

4. Interesse. Der Beruf muss einem Spaß machen, dann bleibt man am Ball.

5. Solides Basiswissen. Man muss wissen, wovon man spricht.

6. Langer Atem. Wenn man gut ist, wird man sich durchsetzen.

7. Gesellschaft. Gesellschaftliches Engagement prägt.

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