Forschung aus Kärnten - PH„Geschichte ist ein Medienfach“

Mehr Bezug zu den Schülern und anregende Lernprozesse – das wünscht sich Pädagoge Manfred Seidenfuß vom Geschichtsunterricht. Geschichte soll nicht nur von Gewinnern, sondern auch von Verlierern erzählen.

Die Vermittlung von Geschichte könnte auch Bezug zu den zahlreichen Inszenierungen von Geschichte vertragen, meint Seidenfuß
Die Vermittlung von Geschichte könnte auch Bezug zu den zahlreichen Inszenierungen von Geschichte vertragen, meint Seidenfuß © Fotolia
 

In Ihrem Buch „Endstation Geschichtsunterricht“ haben Sie die Sicht von Schulabgängern auf das Fach untersucht und fordern als Konsequenz einen zeitgemäßen Geschichtsunterricht. Wie muss dieser aussehen?
MANFRED SEIDENFUSS: Zeitgemäßer Unterricht heißt, dass Lehrer ihre gedankliche Arbeit den Bedürfnissen und den Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen widmen. Die Lehrkraft ist für anregende Lernprozesse verantwortlich, die optimalerweise genutzt werden und Wirkung entfalten. In zweiter Linie hat sie bei dieser Arbeit den Auftrag der Gemeinschaft zu erfüllen.

Wie definieren Sie diesen Auftrag?
Ich kenne in Österreich außer Politik und Religion kein Unterrichtsfach, das in der Öffentlichkeit derart präsent ist. Geschichte ist ein Medienfach. Das wird zu wenig im Geschichtsunterricht genutzt. Also nicht nur die historischen Personen und ihre Geschichten sollten thematisiert werden, sondern die sich in der Zeit verändernden Inszenierungen.

Geschichte ist ein weites Feld und in den engen Schranken des Stundenplans kaum umfassend zu vermitteln. Wo sollte zeitgemäßer Geschichtsunterricht die Schwerpunkte setzen?
Da haben Sie recht und die Geschichte nimmt noch Tag für Tag zu, und das bei steigender Bevölkerungszahl! Für die Öffentlichkeit ist vor allem das Verständnis der Zeitgeschichte wichtig. Das ist nachvollziehbar, weil die nachwachsende Generation an die kulturellen Grundlagen und gesellschaftlichen Entwicklungen anschließt. Es ist verständlich, dass die Lehrpläne gerne die Erfolgsgeschichten auftischen. Lehrkräfte sollten aber auch die Verlustgeschichten oder Alternativgeschichten thematisieren. Gerade Österreich hat in der Vormoderne viel zu bieten. Ich denke nur an das komplexe Miteinander im Habsburgerreich, das ja Jahrhunderte einigermaßen funktionierte und in gewisser Weise eher an das schwerfällige Europa 2017 erinnert als das aktuelle Österreich. Meines Erachtens kommt es darauf an, dass die jungen Menschen denken lernen, dass sich die Sicht auf die Welt und das Leben unter sich verändernden (zeitlichen) Rahmenbedingungen tief greifend wandeln kann.

Zur Person

Manfred Seidenfuß lehrt und forscht an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg (Deutschland). Er interessiert sich besonders für die Professionalisierung und Kompetenzentwicklung von Geschichtslehrern. Sein jüngstes Buch handelt von der Relevanz des Geschichtsunterrichts aus der Sicht von Schülerinnen und Schülern. Einen Einblick in seine Arbeit gibt Seidenfuß als Referent am Symposium der Österreichischen Gesellschaft der Geschichtsdidaktiker in Klagenfurt am 22. September.

In Ihren Studien haben Sie festgestellt, dass die aktuelle Geschichtspädagogik in schlimmsten Fall das Gegenteil bewirken kann. Fallen Ihnen dazu konkrete Beispiele ein?
Mir ist besonders in Erinnerung, wie sich Jugendliche in Gruppeninterviews über die Geschichtsvermittlung in der KZ-Gedenkstätte Natzweiler-Strutthof beschwerten. Einer sagte mir, er setzte das „Augenbrauenzusammendrückgesicht“ auf und gut war’s. Damit wird aber nichts erreicht – die Jugendlichen wollten ja verstehen, wie Menschen unter bestimmten Rahmenbedingungen zu Mördern und Verbrechern wurden, die nach Dienstschluss liebevoll mit ihren Kindern spielten, oder wie manche Insassen zu Denunzianten wurden. Stattdessen wurden sie einer reinen „Schocktherapie“ – so ein Schülerzitat – ausgesetzt, da fand kein Lernen statt.

Nehmen die Schüler, die Sie interviewt haben, denn auch etwas Positives aus dem Geschichtsunterricht mit?
Alle Jugendlichen aus den Gruppeninterviews meinten, dass Geschichtsunterricht einen praktischen Nutzen für das Leben habe. Sie hätten gelernt, kritisch mit Nachrichten und anderen Darstellungen umzugehen oder dass unterschiedliche Versionen von Geschichten denkbar und plausibel sein können. Es beeindruckte mich, dass sich alle gegen die neuen, individualisierten Lernformen aussprachen und stattdessen Diskussionen im Klassenzimmer oder die Auseinandersetzung mit Sach- und Werturteilen der Mitschülerinnen und Mitschüler favorisierten.

Historisches Treffen an PH

Bis zu 120 Teilnehmer werden erwartet, wenn Ende September an der Pädagogischen Hochschule Kärnten das 7. Symposium der Gesellschaft für Geschichtsdidaktik Österreichs über die Bühne geht. Angesagt hat sich ein internationales Fachpublikum aus Deutschland, der Schweiz und Österreich.

Auch interessierte Geschichtslehrer und Studierende sind eingeladen. Thematisch kreist die Veranstaltung um die Frage der Professionalisierung des Geschichtsunterrichts. Dieser habe zwar gesellschaftlich hohen Stellenwert, sei aber am stärksten von Stundenkürzungen betroffen, sagt der Mitorganisator Christian Pichler.

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