Maja Haderlap: "Ich freue mich über jede Ortstafel"
Für Maja Haderlap war der Kompromiss über die Ortstafeln ein großer Schritt in die richtige Richtung, das Aus für Zwergschulen einer in die falsche.

Foto © Eggenberger
S ie beschreiben in Ihrem Buch "Engel des Vergessens" die Orte Ihrer Kindheit um Bad Eisenkappel/?elezna Kapla. Haben sich diese durch das Schreiben oder den Erfolg für Sie verändert? Kann man Orte umschreiben?
MAJA HADERLAP: Die Orte sind tatsächlich nicht dieselben geblieben. Die Orte in der Literatur lösen sich immer von denen in der Realität, auch dieses Buch hat ein Eigenleben entwickelt und steht jetzt dazwischen. Und ich bemerke plötzlich, wie die Zeit gearbeitet hat: Ich war doch sehr in meiner Kindheit verhaftet, jetzt merke ich wie sehr sich Eisenkappel und die Gräben verändert haben, die Bauernhöfe und wie alt wir, meine Generation, schon geworden sind.
Begegnen Ihnen die Leute hier als Bachman-Preisträgerin anders als bis vor einem Jahr?
HADERLAP: Ein bisschen. Ich habe bei vielen, vor allem bei Frauen, die ich schon lange kenne, das Gefühl, dass sie liebevoller geworden sind. Das empfinde ich als sehr angenehm.
Sie bekamen im vergangenen Jahr das Goldene Ehrenzeichen des Landes und die Ehrenbürgerschaft ihres Heimatortes verliehen. Wo bewahren Sie die Auszeichnungen auf?
HADERLAP: Den Orden in einem Schrank. Und für die Ehrenbürgerschaft hat sich der Gemeinderat etwas Schönes einfallen lassen: Jeden Morgen, wenn ich zum Frühstück komme, sehe ich die Wolkenskulptur von Rudi Benetik im Esszimmer.
Welche Auszeichnung bedeutet Ihnen mehr?
HADERLAP: Ich habe mich über beide gefreut. Die Verleihung der Ehrenbürgerschaft empfand ich als fast familiär. Das Ehrenzeichen des Landes hat eine politisch-symbolische Bedeutung. Ich habe mich darüber gefreut, weil dies bis vor ein paar Jahren nicht möglich gewesen wäre. Aber ich bin nicht naiv und weiß natürlich, dass es auch den Verleihern symbolisch nützt.
Wie beurteilen Sie den Orts- tafelkompromiss?
HADERLAP: Dieser Kompromiss war richtig - wenn die Diskussion weiter geführt wird. Und es gibt ja noch einige offene Punkte, also muss das Gespräch weiter geführt werden. Es ist ein Eingewöhnungsprozess für die Bevölkerung. Es ist eine Bejahung der Situation nach der jahrzehntelangen Verdrängung. Die Menschen haben die zweisprachigen Ortstafeln zum überwiegenden Teil angenommen. Ich persönlich freue mich über jede Ortstafel, an der ich vorbeikomme: Ah, da haben sie schon wieder eine aufgestellt!
Hat sich das Klima im Land dadurch verändert?
HADERLAP: Ein positives Erlebnis nach all den Rückschlägen und Verletzungen ist sicher eine Hilfe. Es zeigt den Slowenischsprachigen in den Dörfern und Gräben, dass Veränderung möglich ist, wenn man sich für etwas einsetzt. Sie haben es ja schwer genug, sich im Alltag zu behaupten. Vorher hat man ja nur über Ängste und Phantome geredet: Die Ortstafeln seien gleich der Anschluss an Jugoslawien! Jetzt schauen sich auch die Deutschsprachigen die Wirklichkeit an - und sie ist harmlos. Ein großer Schritt ist gemacht. Und der Weg geht immer irgendwie weiter.
Wie nehmen Sie die Stimmung in der Stadt Völkermarkt heute wahr?
HADERLAP: Ich bin nicht oft genug in Völkermarkt, um das beurteilen zu können. Ich hatte aber ein schönes Erlebnis in der Neuen Burg, wo slowenische Künstler wegen der Sprengung des Museums bis in die Neunzigerjahre ja nicht auftreten durften. Nach einer Lesung vermischte sich die Bevölkerung. Es war ein entspanntes sprachliches Durcheinander, das ich als sehr wohltuend empfand. Früher wurde es einem ja immer gleich als politisches Statement ausgelegt, wenn man Slowenisch sprach. Da vermischten sich plötzlich die zwei Kulturen wie selbstverständlich.
Die Volksschule in Leppen, die Sie besucht haben, wurde geschlossen. Was halten Sie davon?
HADERLAP: Das Argument, dass man in den Sammelschulen ein besseres pädagogisches Angebot machen könne, verstehe ich, aber es stimmt nicht ganz. Heute ist man auch in Leppen global vernetzt, kann sich jedes Unterrichtsmaterial herunterladen, das man braucht. Soziologisch gesehen halte ich die Schließung von Zwergschulen daher für nicht zielführend. Es trägt zur Landflucht bei. Die Kinder wachsen schon mit dem Gefühl auf, da wo ich lebe, da ist nichts, das hat keinen Wert. Als ich am Stadttheater Kinderführungen machte, fiel mir auf, dass die vitalsten und neugierigsten Kinder immer aus den Zwergschulen kamen. Die Regionalpolitik muss wissen, wie sie die Zukunft gestalten will. Sparen ist nie unschuldig. Es verfolgt immer Interessen. In diesem Fall nicht die der Menschen aus den Gräben. INTERVIEW:











