Die Erinnerung blieb 70 Jahre lebendig
In Bad Eisenkappel erinnert eine Ausstellung an der Schicksal der Familie Scharfberg. Die Kaufleute wurden 1938 vertrieben. Jetzt kamen ihre Nachfahren am Ort der Erinnerung zusammen.
Während Menschenmassen aus dem Pfarrsaal von Bad Eisenkappel strömen, geht der Eisenkappler Josef Novak mit einem Tischtuch in den Händen auf die israelische Juristin Orly Shenhar zu. Der Atem stockt, als sie sich mit Tränen in den Augen in die Arme fallen. Das Tischtuch hatten Orly Shenhars Großeltern, die Eisenkappler Kaufleute Marianne und Joseph Scharfberg, 1938 - kurz vor ihrer Flucht aus Österreich nach Israel - als Dank für Fluchthilfe ihrer Bediensteten Nezi Jeric-Lechthaler geschenkt. Novak erklärt im Namen der Familie Helga, Hilde und Helmut Lechthaler: "Wir hielten euch in lebendiger Erinnerung."
Vertreibung. Unmittelbar nach der NS-Machtübernahme am 12. März 1938 gehörten das im Ort ansässige jüdische Kaufmannsehepaar und ihr fünfjähriger Sohn Kurt zu den ersten Eisenkappler Opfern des NS-Regimes. Ihr Textilwarengeschäft wurde "arisiert", die Scharfbergs wurden gewaltsam und unter Mithilfe lokaler NSDAP-Mitglieder und Sympathisanten aus Eisenkappel vertrieben. "Was sie uns damals angetan haben, war furchtbar, aber dass sie uns die Heimat genommen haben, das ist nicht zu verzeihen", beschrieb Regina Spierer, Schwägerin von Marianne Scharfberg, ihre Gefühle.
Geschichte wird öffentlich. 70 Jahre danach widmet der slowenische Kulturverein Zarja diesem Thema die Ausstellung "Wir gehörten hierher - Tu smo bili doma". Darin werden die Ergebnisse umfangreicher Recherchearbeiten durch das Historikerteam Lisa Rettl und Werner Koroschitz zur Geschichte der Familie Scharfberg einer großen Öffentlichkeit präsentiert. Obmann Willi Osina: "Denn nur, wenn wir uns auch dafür interessieren, was den anderen widerfahren ist, erfahren wir, wodurch wir geworden sind, was wir sind und wie es um uns steht."
Erinnerungen werden wach. Am Vortag dieses in Kärnten einmaligen Aktes des Gedenkens kamen 13 Nachkommen der Familie Scharfberg aus Israel und den USA in Bad Eisenkappel an. Nach einem gemeinsamen Abendessen mit Bürgermeister Dietfried Haller, der "der Aufarbeitung der Familiengeschichte große Bedeutung" zusprach, folgte am nächsten Tag eine Wanderung an Orte der Erinnerung durch den Markt. "Da haben wir mit Kurt immer gespielt, dort haben wir nachts uns etwas zum Essen besorgt, und im Sommer gingen wir in den Kozlakgraben Heidelbeeren klauben. Ja, und da war das kleine Geschäft, wo ich von Marianne immer ein Bonbon bekam", führte Ludwig Jeric, Kindheitsfreund vom Kurt, die kleine Gruppe durch die Gassen.
Soldaten zugewinkt. "Dort müsste Kurt, mein Vater, gestanden haben, als die Parade der deutschen Soldaten vorbeizog. Er hat uns immer erzählt, wie er ihnen zuwinkte, ohne zu wissen, welches Unheil sie darauf folgend ihm anrichten werden", ergänzt Kurt Scharfbergs Sohn Gabriel Shenhar. "Du stehst da, siehst die Schönheit des Ortes und hast ein pastorales Gefühl, die Kirche, Glockengeläut und versuchst dir vorzustellen, was passiert ist, damals 1938. Die Geschichte zeigt, dass es für die Scharfbergs keinen Platz gegeben hat in Eisenkappel, denn wenn sie geblieben wären, hätte sie vermutlich das gleiche Schicksal ereilt wie Joseph Scharfbergs Mutter und seine beiden Schwestern, die im Holocaust ermordet wurden", erzählt Gabriel den Kindern über den Heimatort ihrer Urgroßeltern, die sie nicht kannten.











