"Die Jugend hat es nicht leicht"
Ist die "heutige Jugend" wirklich so aggressiv, wie es scheint? Christa Rado, Leiterin der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapeutik am LKH Villach, im Interview.

Foto © Zore"Die Jugend von heute ist an sich ganz in Ordnung! Schlagzeilen machen nur Einzelne", Primaria Christa Rado
Nach dem jüngsten Angriff auf einen Villacher Türsteher durch einen Jugendlichen wird der fehlende Respekt junger Menschen vor Autoritätspersonen beklagt. Sei es vor Pädagogen, Polizisten oder auch den Eltern. Können Sie das bestätigen?
CHRISTA RADO: Da geht es speziell um Anerkennung von Autoritäten. Seit den 68ern gibt es die durchaus berechtigte und auch positive gesellschaftliche Entwicklung gegen Angst vor Autoritäten. Man will selbstbewusste, kritische Kinder erziehen. Doch so ganz funktioniert das nicht. Es wird hier oft das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und auch dort, wo man Autoritäten brauchen würde, diese abgeschafft. Aber auffällig sind tatsächlich nur Eskalationsspitzen.
Manchen, wie den engagierten Villacher Streetworkern, gelingt eine gute Kommunikation mit jungen Menschen. Was machen sie anders?
RADO: Sie haben die Fähigkeit die jungen Menschen dort abzuholen, wo sie sind. Auch über die Sprache. Aber, wichtig: Ohne sich zu verstellen!
Aggressive Verhaltensweisen von Jugendlichen sind leider auch in Villach Tagesthema. Kann man da Ursachen benennen?
RADO: Es geht da meist um eine kleine Gruppe. Überwiegend betrifft es "Problem-Jugendliche" meist Schulabbrecher, Arbeitslose, Menschen ohne Perspektive selten auch Wohlstandsverwahrloste, die durch aggressives Verhalten Selbstwert generieren. Fatal wäre es zu sagen "die Jugend von heute ist so". Natürlich sind die Jugendlichen anders als früher, sie finden sich auch in einer anderen Umwelt vor.
Ist die viel zitierte Reizüberflutung, auch ein Auslöser für solche aggressiven Handlungen?
RADO: Reizüberflutung kann bei Kindern die biologische Entwicklung im Nervensystem stören. Heute gibt es neue mediale Welten. Täglich werden Szenen ins Wohnzimmer gespült, die früher nicht zu sehen gewesen wären: Schon bei den Nachrichten wird bei furchtbaren Szenen heute draufgehalten. Grundsätzlich ist es aber so, dass extreme Sachen von extremeren Persönlichkeiten konsumiert werden. Bei den meisten Jugendlichen handelt es sich nur um kurze Phasen, in denen sie Gewaltszenen medial konsumieren.
Und bei Videospielen?
RADO: Da schaut das ein bisschen anders aus: Man kann in eine Scheinwelt eintauchen. Wer im Leben eher unsicher und gedemütigt ist, kann Allmachts- und Größenfantasien ausleben.
Scheinbar rebellieren Jugendliche auch stärker als früher...
RADO: Der Sinn einer Jugendkultur ist es, dass die ältere Generation das nicht versteht. Es wird jungen Menschen nicht leicht gemacht: Kommen Totenköpfe in der Mode auf, tragen es auch die 30- 40 Jährigen. Also muss die Jugend, um sich abzugrenzen, immer extremer werden: in Mode, Benehmen, Verhalten.
Auffällig ist die Jugendsprache, die mit Phrasen wie "Hey Alter!" oft sehr derb und unhöflich klingt .
RADO: Da betrifft es wieder Einzelne. Aber: Je schlechter sich jemand verbal ausdrücken kann, desto eher wird er es körperlich versuchen.
Inwiefern spielt hier Alkohol auch eine Rolle?
RADO: Fatal ist, dass der Alkohol, in unserer Gesellschaft voll akzeptiert wird. Kaum jemand sagt was, wenn Jugendliche an der Draulände betrunken herumsitzen. Doch je weiter die Grenzen, desto hefiger werden sie überschritten! Ein kultivierter Umgang mit Alkohol ist dem "Vorglühen" gewichen. Zwischen Weinkultur und Besäufnis wird nicht mehr unterschieden.
Mit welcher Art von Bewusstseinsbildung kann man da auf diese jungen Menschen zugehen?
RADO: Ein guter Anfang ist das Gespräch in der Familie. Klar kommen die Eltern gestresst vom Job heim und es geht auch nicht um alleinerziehende Mütter. Es geht um Qualitätszeit, die man für sich für Kinder nimmt. Wichtig ist Vermittlung von Bindung und Werten. Jugendliche, die in der Familie gut eingebunden sind, sind gefestigt. Doch wer gibt Orientierung, wenn die Eltern ausfallen? Dann suchen sie sich diese in Gruppen und in Gewalt.
Features
Hier gibt es Rat und Tat
Internet. Umfassende Informationen über das Projekt "Click & Check" für Eltern, Lehrer und Schüler gibt es im Internet unter www.clickundcheck.at.
Polizei. Wer Kontakt zu Präventionsbeamten im Bezirk/ in der Stadt sucht, einen Termin mit dem Kriminalreferat vereinbaren unter (059) 133 22 90-301 oder 302.
E-Mail. Internet-Anfragen in Villach unter: spk-k-villach@polizei.gv.at.
Jugendamt Villach. Krisenintervention, Erziehungsberatung und vieles mehr bietet auch die Jugendwohlfahrt Villach. Servicezeiten: Dienstag und Donnerstag von 8 bis 12 Uhr und auf Vereinbarung. Tel. (0 42 42) 205-38 00. Jugendliche können sich auch unabhängig von ihren Eltern beraten lassen. Alle Gespräche sind vertraulich, kostenlos, freiwillig und auf Wunsch auch anonym.








