"Bei mir hat Grasser nie interveniert"
Ex-Telekom-Chef Boris Nemsič über die Millionen-Honorare für Peter Hochegger, die Kür des ÖIAG-Vorstandes und den Milliardendeal der Russen mit Ägyptens Handy-Milliardär Sawiris.

Foto © APA"Ich habe als Telekom-Vorstand kein Positionierungs-PR-Papier von Hochegger gebraucht", so Boris Nemsi?
In der Vorwoche zog Boris Nemsic gegenüber IV-Generalsekretär Markus Beyrer den Kürzeren um den Posten des ÖIAG-Vorstandes. Der im Juni 2010 beim russischen Mobilfunkbetreiber VimpelCom ausgeschiedene Ex-Telekom-Austria-Chef hat dennoch Terminstress. Er berät die VimpelCom bei der geplanten Übernahme des ägyptischen Mobilfunk-Riesens Orascom. Zwischen Moskau und Arlberg trafen wir ihn am Wiener Westbahnhof zum Interview.
Wie verfolgen Sie aus dem Ausland die Causa Grasser mit?
BORIS NEMSIČ: An Grasser kommt derzeit in den Medien keiner vorbei.
Mit Grasser taucht immer der Name Peter Hochegger auf - und jetzt auch die Telekom Austria, deren Chef Sie bis 2009 waren.
NEMSIČ: Die Agentur Hocheggers hat viele Jahre für die Telekom Austria gearbeitet, deshalb sind lange Verbindungen da.
Ihr Nachfolger bei der Telekom , Hannes Ametsreiter. lässt jetzt überprüfen, wie in zehn Jahren 25 Millionen an Honoraren zusammenkommen konnten. Stach Ihnen dieses riesige Volumen nie ins Auge?
NEMSIČ: Ich begrüße die Vorgangsweise Ametsreiters. Er hat genau das Richtige getan, jedem Hinweis nachzugehen, um zu klären, woher diese Volumina kommen. Zehn Jahre sind eine lange Zeit - ich weiß nicht, wie viele Aufträge es tatsächlich waren. Man muss auch klarstellen, dass die Telekom-Austria-Gruppe drei verschiedene Einheiten hatte. In der Mobilkom, die ich die ganze Zeit geführt habe, gab es diese Beträge nicht, daher sind sie mir nicht bekannt.
Sie fielen überwiegend in der Festnetzsparte ihres Vorstandskollegen Rudolf Fischer an?
NEMSIČ: Man muss dazu sagen, dass die Festnetzsparte die größte Sparte der Telekom war.
Haben Sie, so wie Fischer, auch ein Positionsierungs-PR-Papier von Hochegger gebraucht?
NEMSIČ: Nein, das habe ich nicht gebraucht. Ich kann das nicht kommentieren, weil ich den Inhalt nicht kenne.
Grasser war ja jahrelang als Finanzminister Ihr oberster Eigentümervertreter. Hat er jemals bei Ihnen auf die Telekom für den Lobbyisten Hochegger Einfluss genommen?
NEMSIČ: Bei mir hat Grasser nie interveniert. Er war auch nicht direkt unser Eigentümervertreter, sondern der ÖIAG und deren Vorstand bei uns.
Den kursierenden Verdacht, dass über die Agentur Hocheggers Telekom-Geld an Parteien oder Politiker geflossen ist, schließen Sie aus?
NEMSIČ: Ich kann nur ausschließen was ich weiß und konkret dazu ist mir absolut nichts bekannt.
Die Telekom soll außerdem für 28.100 Euro auch einen Flug bezahlt haben zu einen Jagdausflug nach Schottland auf Einladung des Lobbyisten Alfons Mensdorff-Pouilly - und zwar ausgerechnet für Markus Beyrer, der Sie gerade bei der Kür zum ÖIAG-Vorstand ausstach.
NEMSIČ: Über den Flug weiß ich nichts. Markus Beyrer kenne ich sehr gut und schätze ihn sehr. Er ist die beste Wahl für die ÖIAG wie sie heute aufgestellt ist. Ich ging mit einer Zukunftsplattform für die ÖIAG hinein, die derzeit leider nicht umsetzbar erschien. Ich wünsche Beyrer und der ÖIAG das Allerbeste.
Über Ihre Zeit bei VimpelCom sagten Sie, Russland ist viel brutaler, Sie hätten viel gelernt. Was?
NEMSIČ: In Russland sind die Eigentümer viel weiter vom Management entfernt, dafür greifen sie viel öfter und schneller durch. In Österreich sind vier, fünf Aufsichtsratssitzungen üblich, dort zehn oder zwölf, dazu wöchentliche Conference-Calls.
Jetzt beraten Sie die VimpelCom bei der Übernahme der ägyptischen Orascom um fünf Milliarden Euro. Sind Sie in der akuten Krise in Kontakt mit Eigentümer und Milliardär Naguib Sawiris?
NEMSIČ: Ich habe viele Freunde in Ägypten. Naguib gab ein viel beachtetes Interview auf CNN.
Er begrüßte Reformen, sagte aber auch, nicht alle wollen Mubaraks Rücktritt, er sei kein Monster.
NEMSIČ: Naguib Sawiris sagte sehr klar und deutlich, dass Demokratie dem Land gut tun wird.
Seine Orascom ist größter Netzbetreiber der arabischen Welt mit 100 Millionen Handykunden mitsamt der italienischen Wind. Wie weit ist der Übernahmedeal für ihren Ex-Arbeitgeber VimpelCom?
NEMSIČ: Ich wollte schon zu meinen Telekom-Austria-Zeiten eine Kooperation mit Orascom machen, damals hat das nicht geklappt, weil Orascom viel größer ist. Sawiris wollte damals sogar den Konzernhauptsitz nach Österreich verlagern. Jetzt bin ich im Coreteam von VimpelCom für diese Übernahme, wir verhandeln schon ein halbes Jahr. Wenn es gelingt, entsteht der fünftgrößte Netzbetreiber der Welt mit 200 Millionen Kunden, 21 Milliarden Dollar Umsatz und 45 Milliarden Dollar Firmenwert.
Warum bremst VimpelCom-Miteigentümer Telenor aus Norwegen nun den Mega-Deal?
NEMSIČ: Man befürchtet in Pakistan und Bangladesh direkte Konkurrenz, wir sehen kein Problem.
In Ägypten sieht man nun, welche Macht vom Handy ausgeht.
NEMSIČ: Das ist die Macht der Kommunikation. Auch der Versuch, die Handynetze herunterzufahren, hat nicht gewirkt. Die Handys sind Demokratisierung.
Was wird von Handys der Zukunft erwartet, was können sie?
NEMSIČ: Das hängt vom Einzelnen und seinem Beruf ab. Das Schöne ist, dass für jeden etwas da ist. Über 100.000 Apps eröffnen etwas für jeden Bedarf. Es ist einfach eine fantastische Welt.
Sie selbst sind ein iPhone-Fan?
NEMSIČ: Ich bin Blackberry-Fan. Das iPhone ist das schlechteste Handy aber zugleich das beste Gerät aller Zeiten. Als Telefon ist es fast untauglich, aber die restliche unbegrenzte Funktionalität mit der Benutzeroberfläche ist perfekt.
Features
Zur Person
Boris Nemsi? kam 1957 in Sarajevo zur Welt, studierte in Sarajevo und Wien. Ab 2000 Generaldirektor der Mobilkom Austria, ab 2006 auch Vorstandschef der Telekom Austria. 2009 schied er aus und wurde Vorstand bei VimpelCom in Russland, das er im Juni 2010 verließ
Konjunkturforum
Beim Konjunkturforum von Raiffeisen und "Kleine Zeitung" am 24. Feber im Casineum Velden steht das Thema Kommunikation im Mittelpunkt. U. a. referieren Boris Nemsic und Ernst Primosch. Anmeldung: elisabeth.kastner@rbgk.raiffeisen.at
Positionierter Vorstand
Rudolf Fischer war Festnetz-Chef der Telekom Austria bis er 2008 überraschend zurücktrat. Im Kurier bestätigte er gestern, dass er bei Peter Hocheggers Agentur ein Positionierungs-Profil bestellt und dann auch umgesetzt habe. Zum Volumen von 25 Millionen an Honorar könne er hingegen nichts sagen.
Ägyptens Handymogul
Naguib Sawiris ist koptischer Christ, besuchte die Deutsche Evangelische Oberschule in Kairo und studierte in Zürich. Sein Handynetz-Konzern Orascom hat 100 Millionen Kunden. Der Milliardär begrüßte vor wenigen Tagen auf CNN die Reformen, war aber gegen einen Rücktritt Mubaraks. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.










