ÖBB stellen Polen die Rute ins Fenster
Nach ständigen Problemen mit dem EC "Polonia" machen die ÖBB Druck auf die polnische Staatsbahnen. ÖBB weisen Vorwurf, die Südbahnstrecke werde stiefmütterlich behandelt, zurück.

Foto © WeichselbraunDer EC "Polonia" der Bundesbahnen sorgt seit Monaten für negative Schlagzeilen und heftige Fahrgast-Kritik
Noch sind die Vorfälle von vergangenem Sonntag in lebendiger Erinnerung: In Wiener Neustadt mussten 100 Fahrgäste den EC "Polonia" aus Wien verlassen. Die restlichen Passagiere litten auf dem Weg nach Kärnten unter verstopften Toiletten und ausgefallener Waggonheizung. Die Zuggarnitur der polnischen Staatsbahnen, die täglich zwischen Warschau und Villach verkehrt, sorgt bereits seit Monaten für negative Schlagzeilen. Das ist auch Birgit Wagner, Chefin des Personenverkehrs bei den ÖBB, bewusst: "Dieser Zug ist unser Sorgenkind." Weil man jedoch bemüht sei, allen Bahnkunden eine möglichst gute Dienstleistung zu bieten, habe man den Polnischen Staatsbahnen ein Ultimatum gestellt: "Wenn sich die Missstände nicht bald ändern, lösen wir den Kooperationsvertrag auf." Das ist aber nicht kurzfristig, sondern erst mit der Fahrplanänderung im nächsten Frühjahr möglich.
Die Vorfälle rund um den "Polonia" verstärken den Eindruck, die Südbahnstrecke werde von den Bundesbahnen stiefmütterlich behandelt. Wagner stellt das in Abrede: Man sei gerade dabei, verstärkt Railjets, die modernsten verfügbaren Zuggarnituren, zwischen Wien und Villach einzusetzen. Die modernen Waggons versprechen den Fahrgästen höchstmöglichen Komfort. Ab nächsten April werde es hochwertiges Catering geben. "Schon jetzt bieten wir in den Zügen Nespresso-Kaffee an, nächstes Jahr komplettiert frischgebackenes Gebäck das Gourmet-Erlebnis", sagt Wagner.
Auch Landeshauptmann Gerhard Dörfler will sich als Verkehrsreferent des Landes dieses Problems annehmen. Er hat ein Gespräch mit ÖBB-Generaldirektor Christian Kern vereinbart, der die Weihnachtsferien in seinem Haus am Millstätter See verbringt: "Ich werde ihn auffordern, zwischen Wien und Villach besseres Wagenmaterial einzusetzen und das Service für die Fahrgäste zu verbessern. Solche Dramen, wie sie sich am vergangenen Sonntag im Polonia abgespielt haben, dürfen nicht mehr vorkommen." Es müsse doch möglich sein, bei großem Ansturm mehrere Waggons einzusetzen. "Geht leider nicht", sagt Birgit Wagner, "denn es gibt keinen Bahnhof in Österreich, in dem sofort verfügbare Waggons herumstehen."
Zugpannen
Kein Licht, keine Heizung
Zwei Stunden saßen im Jahr 2003 bei eisigen Temperaturen Fahrgäste in einem defekten ICE-Zug im Salzburger Flachgau fest: Weder Licht noch Heizung funktionierten. Die Passagiere durften wegen hoher Sicherheitsbestimmungen nicht aussteigen. Immer wieder fällt in Waggons die Heizung aus.
Versperrte Toiletten
Eine böse Überraschung gab es im August 2011 für ÖBB-Passagiere von Salzburg nach Klagenfurt: Wegen technischen Defekts waren alle WC außer Funktion. Kein Einzelfall: Im Mai 2011 waren die Toiletten im Zug von Lienz nach Innsbruck gesperrt. Verdreckte WC regen zudem auf.
Weniger Güterzüge
Immer öfter müssen Betriebe für den Transport ihrer Produkte, wie etwa Holz, von Güterzügen auf Lkw umsteigen. Denn die finanzielle Sanierung der ÖBB-Güterverkehrstochter Rail Cargo hat für Unternehmen, die nicht in Gewerbegebieten angesiedelt sind, ungute Folgen.
Lokführer vergaß Stopp
Viele Passagiere staunten Ende September 2011 nicht schlecht, als ihr Intercity-Zug - entgegen dem Fahrplan - nicht im Bahnhof Treibach-Althofen stehen blieb. Auch Informationen gab es damals keine. Dieser Bahnhof gehört nämlich zur modernen, personalfreien Sorte.
Brütende Hitze
Mehr als 40 Grad im Zug! Zugetragen hat sich der Horrortrip einer St. Pauler Schulklasse im Juli 2010 von Rom nach Klagenfurt. Die Klimaanlage des Waggons war defekt. Die Schüler bekamen die Fahrtkosten in der Höhe von 1444 Euro von den ÖBB rückerstattet.
Schaffnerlose Züge
Seit Mitte des Jahres gibt es in Kärnten in den Nahverkehrstriebwagen der Typen Desiro und Talent keine Zugbegleiter mehr. Beim Verein Fahrgast häufen sich deshalb Beschwerden: Angeblich nehmen Vandalismus und Sachbeschädigungen in diesen Zügen zu.










