"An stärkerer Integration Europas führt kein Weg vorbei"
Peter Löscher, Vorstandschef des Siemens-Konzerns, spricht im Interview über Wege Europas aus der Eurokrise und über grüne Technologien.

Foto © APAPeter Löscher
Wie fällt Ihre Kurzdiagnose für das schuldengeplagte Europa aus?
PETER LÖSCHER: Europa hat viele Stärken, auf die wir uns besinnen sollten. Wir müssen eine vernünftige Balance finden zwischen Haushaltskonsolidierung einerseits und nötigen Investitionen andererseits.
Sogar Österreich bangt jetzt um sein Triple-A-Rating. Wie sehen Sie die Lage Ihrer Heimat?
LÖSCHER: Die solide Wirtschaftsleistung Österreichs steht klar im Gegensatz zu den jüngsten Schwankungen auf den Finanzmärkten. Österreich ist ein Wirtschaftsstandort mit hoher Reputation und politischer Stabilität. Das ist ein Wettbewerbsvorteil.
Was raten Sie der europäischen Politik als wichtigste Schritte an?
LÖSCHER: Europa muss das Vertrauen der Finanzmärkte in die Stabilität der Währungsgemeinschaft zurückgewinnen. Dabei kommt es vor allem darauf an, die überschuldeten Staatshaushalte weiter zügig und nachhaltig in Ordnung zu bringen und die richtigen Reformen für eine langfristige Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit einzuleiten.
Wie kann man sich Europa mit einer gemeinsamen Wirtschaftspolitik und -struktur vorstellen?
LÖSCHER: Was wir in Europa brauchen, ist ein verlässlicher Mechanismus der Haushaltsdisziplin in jedem Land, unabhängig von der politischen Gemengelage. Jedes Land wird sich auch in Zukunft mit seinen individuellen Stärken dem internationalen Wettbewerb stellen müssen.
Halten Sie derzeit ein stärker vereinigtes Europa für möglich?
LÖSCHER: Um die Zukunftsfähigkeit Europas zu sichern, führt kein Weg an einer stärkeren Integration vorbei.
Wo hat der Neoliberalismus aus ihrer Sicht überzogen?
LÖSCHER: Die Welt richtet sich nicht nach Theorien oder Ideologien. Die Soziale Marktwirtschaft ist ein Erfolgsmodell, weil sie die Freiheit auf dem Markt mit einem effizienten ordnungspolitischen Rahmen und sozialer Verantwortung verbindet. Die Missachtung der Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft hat den Nährboden für die Krise geschaffen. Die Soziale Marktwirtschaft ist das beste und auf Dauer leistungsfähigste Wirtschaftssystem.
Haben Sie Verständnis für die Occupy-Bewegung gegen Banken?
LÖSCHER: Wenn Bürger besorgt, verunsichert oder über Exzesse empört sind, findet das seinen Ausdruck. Die Finanzwirtschaft muss der Realwirtschaft dienen, nicht umgekehrt. Und die Wirtschaft muss durch Nachhaltigkeit letztlich der Gesellschaft und den Menschen dienen. Aber das sind Überzeugungen, die einem schon der gesunde Menschenverstand vermittelt und rechtfertigt keine allgemeine Kapitalismuskritik. Der Staat ist im Übrigen meist nicht der bessere Unternehmer.
Siemens legt Rekordgewinn hin. Droht jedoch die Krise der Eurozone Ihren Boom zu bremsen?
LÖSCHER: Wir müssen hierbei über den Tellerrand hinausschauen. Einer eingeschränkten Investitionstätigkeit einzelner Länder stehen stabile Geschäfte in den Kernländern Europas und deutliches Wachstum in den Schwellenländern gegenüber. Aus den Schwellen- und Entwicklungsländern kommen mittlerweile gut 60 Prozent des globalen Wachstums. Auch dort ist Siemens sehr gut aufgestellt. Insgesamt haben die Schwellenländer bereits einen Anteil von 33 Prozent an unserem Gesamtgeschäft.
Sie setzen auf die grüne Karte und wollen bis 2014 im Umwelt-sektor 40 Milliarden Euro Umsatz erlösen. Ihre Schwerpunkte?
LÖSCHER: Unser Umweltportfolio ist einer unserer zentralen Wachstumstreiber, und das aus gutem Grund. Schon heute nutzt die Menschheit die Ressourcen der Erde schneller als sie sich regenerieren können. Jedem ist klar: Wir müssen schonender mit unseren natürlichen Ressourcen umgehen. Das gilt insbesondere für Städte, die 80 Prozent der Treibhausgasemissionen verursachen. Städte sind ein wichtiger Wachstumsmarkt der Zukunft. Im neuen Geschäftsbereich Infrastructure & Cities haben wir die Lösungen, das Know-how und die Beratungskompetenz gebündelt, um Städte wettbewerbsfähiger und grüner zu machen.
Bei Windkraft wird das Geschäft härter, wo sind die Grenzen?
LÖSCHER: Der Wettbewerb wird härter. Wir setzen konsequent auf Innovationen und wollen auch künftig als Technologieführer erfolgreich sein. So haben wir unsere Produktion für Windturbinen auf eine Serienfertigung umgestellt. Damit konnten wir die Produktionszeit von 36 auf rund 17 Stunden halbieren.
Im Solarbereich mussten Sie in Israel mit Solel hohe Abschreibungen tätigen. Ist Siemens mit dieser Technologie gescheitert?
LÖSCHER: Nein, denn der Markt für Solarthermie befindet sich derzeit noch in einer sehr frühen Entwicklungsphase. Die Technologie hat Potenzial und kann ein Bestandteil im Energiemix der Zukunft sein. Mit den aktuellen Staatsschuldenkrisen sind einige Projekte, insbesondere in den Ländern Südeuropas, ins Stocken gekommen und der Markt hat sich nicht so rasch entwickelt wie zunächst erwartet. Fest steht: Wir wollen im Solarbereich, zu dem auch die Photovoltaik-Technologie gehört, eine führende Rolle spielen.
2011 hat sich Siemens aus dem Nukleargeschäft verabschiedet. Was haben Sie in Russland vor?
LÖSCHER: Siemens ist seit fast 160 Jahren in Russland zu Hause. Mit unseren russischen Partnern verbindet uns eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit, die wir weiter ausbauen werden. Allein in den kommenden drei Jahren wollen wir eine Milliarde Euro in Russland investieren. Mit unseren Technologien können wir einen wichtigen Beitrag bei der Modernisierung des Landes leisten.
Features
Zur Person
Peter Löscher (53) stammt aus Villach und ist seit 2007 Chef des Siemens-Konzerns
Siemens erzielte im Geschäftsjahr 2010/11 mit 402.000 Mitarbeitern 73,5 Mrd. Euro Umsatz, 7 Mrd. Euro Nettogewinn










