TrauerredeHelmut Gram: Teufelsreporter mit Belmondo-Lächeln

Hunderte Weggefährten aus seinem privaten Umfeld, Sport und Wirtschaft erwiesen Hofrat Helmut Gram gestern die letzte Ehre. Chefredakteur Hubert Patterer verabschiedete sich mit einer Rede vom langjährigen Kleine Zeitung Mitarbeiter.

Gram war begeisterter Harley-Fahrer
Gram war begeisterter Harley-Fahrer © KK/Privat
 

Viel zu früh ging Helmut Gram im Alter von 63 Jahren von dieser Welt. Der eiserne Kämpfer verlor den Kampf gegen eine schwere Krankheit und wurde gestern, Montag, im Waldfriedhof Villach verabschiedet. Hunderte Weggefährten erwiesen Hofrat Gram die letzte Ehre. Die Kleine Zeitung verabschiedete sich von einem ihrer loyalsten und engagiertesten Mitarbeiter. Unser Mitgefühl gehört seiner Familie.

Die Trauerrede von Chefredakteur Hubert Patterer: 

Liebe Familie Gram, liebe Weggefährten!

Ich weiß, es fällt uns allen nicht leicht, aber ich denke, wir haben die Pflicht, heiter zu bleiben und uns nicht in jenes Entsetzen und jene Traurigkeit fallen zu lassen, die übermächtig war, als wir vor einigen Tagen in der Redaktion die Todesnachricht erhalten haben.

Die Traurigkeit würde im Widerspruch zu all dem stehen, was den Helmut, den Helme, wie ihn die Kollegen in einer lässlichen Demontage des Vornamens genannt haben, ausgemacht hat, und wie wir ihn erlebt haben.

Etwa, wenn er in die Redaktion schoss, als Wirbelwind, und bedenkt, immer von einem anderen Beruf oder einer anderen Tätigkeit oder einem anderen Amt, mit einer Beschwingtheit, einem Elan, einer Menschenfreundlichkeit und einer positiven Energie, die etwas durch und durch Ansteckendes hatte. Man war in seiner Gegenwart irgendwie verträglicher als sonst, weniger zynisch, besser gestimmt und zugetaner, und das hat mit ihm zu tun gehabt und dem, was von ihm und seinem Charisma abstrahlte. Nie hat er Streit im Zoo ausgelöst oder war gar selbst in einen verwickelt, meistens dämmte er ihn durch sein bloßes Dasein im Nu ein, durch seine hastige, sonnige Liebenswürdigkeit.

Den Raum mit Sonne geflutet, jeden Verdruss ins Gegenteil verkehrt: Der Trauersong von Grönemeyer, den wir gehört haben, hat gut gepasst. Das kommt hin. Auch das Motiv der Sonne auf der Parte, die Sonne, in die Sonne zu sehen, die sich auf dem Meer oder dem See spiegelt, das ist stimmig und kitschfrei. Das Bild wird ihm gerecht wie das abgebildete Porträt mit dem Sonnenbrillenblick ins Weite hinaus und dem marineblauen Sommershirt. Er war ein ziemlich cooler Typ.

Und im nächsten Augenblick, so schnell konnte man gar nicht schauen, wenn er kam, hatte er schon in der einen Hand seine Zigarette (das Feuerzeug klickte im Minutentakt), und in der anderen Hand seinen Espresso und vor sich seinen aufgeklappten Laptop.

Gerhard Nöhrer hat mir beim Wegfahren in Graz erzählt, dass er in jungen Jahren gegen den Helmut Badminton gespielt hat, österreichische Meisterschaften, und er könne sich erinnern, dass der Helmut, Vizemeister, während des Seitenwechsels sich eine ang‘heizt hat. Wir haben keinen Faktencheck gemacht, aber ich fürchte, es stimmt.

Das Feuerzeug, der Kaffee und der Laptop, das war sein magisches Dreieck. Und dann sah man auf seinem Platz in der Redaktion nur noch, wie die Finger wie Derwische in schwindelerregendem Tempo über die Tastatur tanzten. Ungestüm und zielsicher, nahe an der Sachbeschädigung.

Der Espresso, das war kein Zufall. Espresso, das war seine Art zu leben.

Er war schnell im Denken, er hat schnell geschrieben, er war schnell in der Bewegung, und er hat schnell gelebt. Das Schlimmste, das man ihm antun konnte, war, wenn er einem Kollegen per Mail eine Information für eine Geschichte zusteckte, und er bekam keine schnelle Antwort.

Nicht weil er sich missachtet gefühlt hätte. Sondern, weil er in Sorge war, dass die Geschichte früher woanders stehen könnte. Er war der kompetitivste Hofrat, den ich je kannte.

Er hat geschrieben wie ein Berserker. Die Zeit, die er für einen Dreispalter benötigte, brauchten andere für den ersten Satz. Ich zum Beispiel.

Wenn er in der Eishalle abends im Einsatz war, ist es vorgekommen, dass er nach dem ersten Drittel den Text als Entwurf bereits fertig hatte.

Manchmal übertrieb er es mit dem Tempo.

Und dann konnte es passieren, dass sich das Spiel nicht an seinen Text hielt und im letzten Abschnitt eine überraschende Wende nahm. Dann zog Helmut hastig an seiner Zigarette, drückte die Löschtaste und hämmerte - die Sportkollegen können es bezeugen - in drei bis vier Minuten den neuen Artikel ins System. Zeitgleich mit dem Schluss-Signal auf dem Eis war der Text in der Redaktion.

Andere hätten einen Nervenarzt gebraucht.

42 Jahre hat er für die Kleine Zeitung gearbeitet und für sie gelebt. Helmut Gram bleibt ein Teil von ihr. Die Funktion, die er ausübte, stand in keinem Kollektivvertrag. Er war unser Teufelsreporter. Ein Teufelsreporter ist ein Teufelskerl und noch ein bisschen mehr. Ein Teufelsreporter kennt zum Beispiel keinen Dienstort. War er in der Karibik oder in Vietnam und es lief ihm im Hotel ein heimischer Küchenchef über den Weg, bekam die Redaktion noch in derselben Nacht einen „Steirer des Tages oder Kärntner des Tages“, samt mitgelieferter Fotoserie und griffigem Titel.

Er war der Erste, der im Vorjahr vom tödlichen Zwischenfall beim Ironman in Klagenfurt erfuhr und die Exklusivmeldung der Redaktion übermittelte. Vom Krankenzimmer aus.

Die Krankheit zerrte und rüttelte an ihm, aber an der Leidenschaft des Energiebündels hat sie sich die Raffzähne ausgebissen, bis zuletzt. Wann und wo Robbie Williams im Spätsommer vor seinem Kärnten-Konzert abstieg, in welcher Bucht am See er mit seinem Vater badete, wusste niemand.

Er schon.

Das Sanatorium in Warmbad Villach war ein Jahr lang die zweite Villacher Stadtredaktion, die die erste regelmäßig mit Geschichten, Infos und Recherche-Empfehlungen versorgte. Hätte der Helme für jede Exklusiv-Information und jede Solo-Geschichte und jeden väterlichen Rat ein eigenes Informations- und Beraterhonorar verlangt, die Zeitung wäre ein Fall für das Insolvenzgericht.

Dort also, in dieser geheimen Villacher Kommandozentrale in Warmbad, durfte ich ihn zuletzt besuchen, an einem dieser milden, schönen Nachsommertage, wie sie nur in diesem Bundesland vorzufinden sind. Auf dem Tisch in seinem Krankenzimmer stand der aufgeklappte Laptop. Sonst nichts. Helmut hatte einen blauen Trainingsanzug an, er schoss aus dem Bett wie ein Eishackler aus der Box. Dann warf ich ihm den Zeitungsstapel zu und er setzte seine lässige getönte Brille auf, und wir verbrachten auf der Terasse der Cafeteria einen wunderbaren, geschwätzigen, endlosen Nachmittag. Wir plauderten, bis die Sonne verschwand. Über unsere Kinder, die Freuden und Sorgen und die Klippen, über die sie drüber mussten. Über das Wechselbad aus Hoffnungen und Rückschlägen, über neue Therapieversuche, an die er sich mit Zuversicht klammerte. Und, natürlich: Über die Redaktion, die Neuigkeiten, über die er längst bescheid wusste, und über die Umbrüche der Branche, über die man dem digitalen Junkie nichts erzählen musste. Und über die legendäre Feier zu seinem 50er im schönen Haus der Familie nahe an der Bleibergerstraße, aufgefrischte Erinnerung, Villachs einzige illegale Hausbesetzung, verursacht durch die erweiterte Sportredaktion, und es war ungewiss, ob das Haus danach jemals wieder bewohnbar war.

Und selbstredend über den VSV, seinen VSV, und wie wichtig es sei, dass die KLZ nicht nur beim KAC Sponsor ist, sondern auch bei den Blau-Weissen wieder, und wer das Versäumnis in Graz kleinrede, verstehe die Psychologie der Villacher nicht, der kapiere nicht, dass Kärnten zwei rechtmäßige Landeshauptstädte habe, getrennt durch einen See.

So ging es dahin, unterbrochen nur durch das unentwegte Klicken seines Feuerzeugs. Dann hat der Helmut noch gefragt, ob er ein Foto auf Facebook posten könne, er war selbstverständlich im Dienst, und wir stellten uns scherzend zum Selfie auf und taten unbeschwert.

Dass er mit 63 den Kampf verlor, er mit seinem Kämpferherz, das wir in aufmunternden und doch hilflosen Mails bis zuletzt beschworen haben, ist etwas Ungehöriges, Unerhörtes. Dieser fernwehsüchtige Villacher Hemmingway mit der lässigen Brille, dem menschenfreundlichen Gesicht und dem gewinnenden Belmondo-Lächeln, hätte mit seiner Männerpartie - alle hier - gerne noch das eine oder andere Land bereist, Dubai vor allem. Er hat Kollegen gebeten, die Zeitspannen zu googeln, um zu prüfen, wie sich das mit der Ernährungssonde ausgehen könnte. Auch ein Boot hat er noch bestellt, keine Ahnung, was für eines, aber es kann sich nur um ein Schnellboot handeln, so viel steht fest.

63 ist skandalös, eine entsetzliche, nicht gutzumachende Unsportlichkeit des Schicksals, um in der Sprache zu bleiben. Vielleicht hilft der Trost und der Hinweis, dass Helmut Gram gar nicht 63 wurde, sondern viel mehr Jahre in sein Alter gesteckt hat. Er hat verdichtet mehrere Leben in einem gelebt, war alles zugleich, achtsamer Familienvater, ranghöchster Zollwachebeamter, Hofrat, Vagabund und eben, sein Hauptberuf, Teufelsreporter, der im Morgengrauen seine Stories schrieb und nach dem Tagwerk als Finanzbeamter abends zum Nachtdienst in der Sportredaktion einrückte. Nicht ein paar Mal, jahrzehntelang.

Wenn das so ist und es war so, dann muss der Helmut, und das versöhnt, mindestens 150 Jahre am aufrechten Buckel gehabt haben, während er äußerlich jung, dynamisch, gebräunt und lebenshungrig geblieben ist.

In der Redaktion wird er fehlen. Jeden Verdruss ins Gegenteil verkehren: Wir werden uns zusammenreißen.

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