Oh Gott! Ein rockender Pfarrer macht Schule
Pfarrer Gerhard Simonitti (37) ist Busfahrer, Bandmitglied und Besitzer einer alten Schule. Die Jungen zieht es in Scharen zu Hochwürden Wirbelwind" aus Radenthein.

Foto © Kalser Pfarrer, Busfahrer und Bandmitglied: Gerhard Simonitti
Wer Gerhard Simonitti fragt, ob er immer schon Pfarrer werden wollte, dem sagt er: "Eigentlich hätte ich gerne was gescheites lernen." Diese Antwort klingt für jene, die ihn nicht kennen, überraschend. Die ihn schon kennen, die überrascht gar nichts mehr. Auch nicht seine Aktionen: Vor kurzem kaufte der Priester (37) der Pfarrgemeinde Radenthein sogar eine aufgelassenen Volksschule. Nebenbei jobbt er als Busfahrer und ist Sänger der jungen Rockband "Gap".
Um Himmels willen, wozu das alles? "Die Volksschule habe ich gekauft, damit Familien oder Pfarrgruppen billig Urlaub machen können", erzählt Simonitti. Das alte, klobige Gebäude liegt im Bergdorf Kaning, oberhalb des Millstätter Sees. Die rot-umrandeten Fenster geben den Blick auf das ganze Talbecken rund um Radenthein frei. Hier in der ehemaligen Bergwerksstadt ist Simonitti seit sieben Jahren Pfarrer. "Als mir die Leute erzählt haben, wie teuer für sie die Schul-Wien-Wochen ihrer Kinder sind und dass manche Mütter zwei Jahre darauf sparen müssen, da entschloss ich mich, die Schule als Feriendestination zu nutzen."
Wandernde Holländer. Das Haus samt Turnsaal, Matratzenlager und allem Drum und dran wird um zwei Euro pro Kopf und Nacht vermietet. Die Gäste sind das ganze Jahr über willkommen: Meist quartieren sich Jugendgruppen, Pfarrgruppen oder Familien ein. "Die einen kommen aus Unterkärnten, die anderen aus Holland - und alle suchen ein bisschen das Abenteuer", sagt Simonitti. Da wird dann gewandert und die Gegend zwischen Bad Kleinkirchheim und Millstatt erkundet. Ach ja, Fußball gespielt wird auch. Darauf ist Simonitti besonders stolz. "Denn bei der Volksschule gibt es den einzigen ebenen Platz von ganz Kaning." Anfangs waren die Einheimischen kritisch. "Jetzt freuen sie sich über das Kindergeschrei in der ehemaligen Volksschule", so der 37-Jährige. Leise wird es auch in seinem Pfarrhaus nie: Denn mehrmals wöchentlich probt hier die Jugend-Band Gap. Weil sich bei einem Casting herausgestellt hat, dass alle in Frage kommenden Sänger im Stimmbruch sind, wurde der Pfarrer überredet, den Frontman der Band zu spielen. "Wir treten beim Kirchtag und überall dort auf, wo wir gewünscht sind. Man kann uns als Band für Kirchtage oder Hochzeiten und so mieten", sagt der Pfarrer. Und zieht, ganz der Musiker, gleich eine Visitenkarte aus der Hosentasche: Wir spielen für Dich fast jede Musik, ist da zu lesen.
Ansturm im Pfarrhaus. Schon während seiner Kaplanszeit habe er bemerkt, dass ihm Jugendliche vertrauen, sagt Simonitti. "Ich ziehe die Jungen regelrecht an", sagt er. Warum also diese Gabe nicht nützen, dachte sich Simonitti. Seit er in Radenthein ist, gehen die Jugendlichen bei ihm ein und aus - als ob das Pfarrhaus ein In-Club wäre. "Aber die Jungs und Mädels kommen zum Pfarrer und nicht zur Pfarre. Das muss einem immer klar sein." Damit er die Jugendlichen beschäftigen kann, lässt sich "Hochwürden Wirbelwind" neben Musikproben und Schul-Umbauten immer wieder was neues einfallen. So pachtete er neulich den Pfarrhof Maria Hilf, damit die Räume von "seinen" Jugendlichen hergerichtet werden können.
"Pfarrers Reisen".
Auch für "Pfarrers Reisen" lassen sich die Burschen und Mädchen immer wieder mitreißen. "Ich fahre beispielsweise jeden Sommer nach Frankreich, zum größten katholischen Jugendtreffen." Anfangs sind ein paar Mädels und Burschen aus seiner Gemeinde mitgefahren, dann ein paar mehr, dann noch ein paar mehr. "Als mein Auto zu klein wurde, machte ich den Busführerschein", sagt Simonitti. Jetzt fährt er jährlich einmal mit einem ganzen Reisebus voll Jugendlicher nach Frankreich. Und weil er die Lizenz zum Fahren hat - hilft er dem Reiseunternehmen Bacher auch so hin und wieder als Busfahrer aus.
Junge Wilde. Die Jugendlichen finden das "abgefahren". Andere haben ihm schon ausrichten lassen, "er solle die Älteren in der Gemeinde nicht vergessen." "Das habe ich mir natürlich zu Herzen genommen. Aber die Jungen haben es sicher schwerer, sich selbst zu organisieren als alterer," sagt er.
Problemkinder. Er ziehe nicht nur brave und fromme Jugendliche an, sagt der Pfarrer. "Im Gegenteil. Es kommen meist jene, die bei jedem Blödsinn dabei sind. Solche, die Probleme haben und keinen Job finden." Simonitti sagt: "Viele Eltern bekommen nicht einmal mit, dass ihre Kinder bei mir sind." Und wenn doch? "Die einen freuen sich. Und die anderen möchten es ihren Kindern verbieten, zu mir zu kommen." Noch bevor das Gegenüber nach dem Warum fragen kann, erklärt Simonitti. "Priester und junge Menschen waren eben schon einige Male in den Schlagzeilen. Aber leider aus schlimmen Gründen." Gott sei Dank, kann der junge Pfarrer mit solchen Vorurteilen umgehen. "Alle Kritiker wird man nie besänftigen können," sagt er. Aber versuchen kann man's zumindest. "Seit ich hier bin, haben die Menschen in der Pfarrgemeinde viel an Toleranz gelernt", findet Simonitti. Sein Wort in Gottes Ohr. Denn, wie sagt er? "Ich habe noch viel vor."








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