Horst Pirker: "Ich freue mich über das flüchtige Glück"
Vom Verleger zum Entsorger: Horst Pirker im Sommergespräch über Abschied und Neubeginn und was ihm ganz besonders wehgetan hat.

Foto © Günther MandlHorst Pirker, Vorsitzender des Vorstands der Saubermacher Dienstleistungs AG in Graz stammt aus Pusarnitz
Er zählte zu den gefragtesten Medienmanagern Europas. Der Pusarnitzer Horst Pirker, Jahrgang 1959, führte die Styria Media Group AG, deren Flaggschiff die Kleine Zeitung ist, von einer regionalen Verlagsgruppe zu einem international äußerst erfolgreich agierenden Medienunternehmen. Im Herbst 2010 hat er nach 25 Jahren das Unternehmen verlassen. Seit Februar 2012 ist er Vorsitzender des Vorstandes der Saubermacher Dienstleistungs AG in Graz.
Ein viertel Jahrhundert lang haben Sie als Verleger ihr Herzblut darauf verwendet, dass möglichst viele Zeitungen gedruckt werden. Nach einem Intermezzo bei Red Bull Media House stehen Sie jetzt dem größten österreichischen Entsorgungsunternehmen vor. Vom Verleger zum Entsorger? Ist das der Lauf der Zeit?
HORST PIRKER: Nein. Es ist das Ergebnis einer persönlichen Entwicklung, die nicht nur von eigenen Wünschen bestimmt war, sondern auch von persönlichen Rahmenbedingungen. Ich habe mich aus privaten Gründen von Red Bull trennen müssen und bin eben meiner Familie zuliebe wieder nach Graz zurückgekehrt.
Was ist der größte Unterschied im Managen eines Medienkonzerns und eines Abfallentsorgers?
PIRKER: Die Saubermacher Dienstleistungs AG mit ihren über 4000 Mitarbeitern ist ja kein Entsorgungsunternehmen im ursprünglichen Sinn mehr. Zu 99 Prozent bestimmen die Wiederaufbereitung und Wiederverwertung der Rohstoffe das Geschäft. Wir haben eine ganz starke Umweltkomponente und das ist ein Segment, das großes Potenzial für die Zukunft hat. Es ist ein Unternehmen, das sich mit Haut und Haaren der Nachhaltigkeit und der Umwelt verschrieben hat und dort auch nicht nur ökonomische Interessen verfolgt. Insofern bin ich wieder in einem Unternehmen, dessen Sinn über das reine Gewinnstreben hinausgeht.
Fiel Ihnen der Abschied von der Styria schwer?
PIRKER: Der Abschied ist mir sicher schwergefallen. Es war aber Zeit, diese Trennung, die durchaus schmerzhaft für alle Beteiligten war, auf sich zu nehmen. Die Auffassungen über das, was wichtig und was weniger wichtig ist, zwischen mir als Vorstandsvorsitzendem und Mitgliedern des Aufsichtsrates sind weit auseinandergeklafft. Es war Zeit für einen neuen Lebensentwurf.
Als Ort für das Sommergespräch in Ihrer Oberkärntner Heimat wählten Sie die Wallfahrtskirche Maria in Hohenburg hoch über dem Lurnfeld. Für Sie ein besonderer Ort der Erinnerung?
PIRKER: Die Hohenburg ist mir schon sehr wichtig. Ich war hier sehr oft in meiner Kindheit auch als Ministrant. Und neben der Kirche war immer die Burgruine wichtig. Da haben wir als Kinder gespielt, kindliche Ausgrabungen veranstaltet, weil wir auf einen Schatz hofften. Gefunden haben wir meist nur Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg, aber auch das war natürlich spannend. Das Goldeck im Winter und das Strandbad Meixner im Sommer waren weitere Mittelpunkte unserer Bewegungsräume in meiner Jugend. Noch heute habe ich viele Freunde rund um den Millstätter See, mit denen ich Kontakt halte.
Hat ein Topmanager, der Vater von fünf Kindern ist, immer genug Zeit für seine Familie gehabt?
PIRKER: Für die Kinder hatte ich sicher zu wenig Zeit. Aber auch für meine Frau und für mich selber. Und das ist auch heute noch so. Die Frau, die Kinder und nicht zuletzt ich selber kommen da zu kurz. Das Zeitfenster ist absehbar. Ich wollte immer im Alter von 50 Jahren aufhören zu arbeiten, jetzt wird es vielleicht mit 55 Jahren sein.
Was war der größte Fehler in Ihrer Karriere?
PIRKER: Ich habe, wie alle Menschen, viele Fehler gemacht. Unternehmerisch habe ich das Glück gehabt, dass mir sehr viel aufgegangen ist. Da muss so viel passen, man muss einfach auch viel Glück haben. Wenn ich über Fehler rede, tun mir jene am meisten weh, wenn ich Mitarbeitern nicht gerecht geworden bin. Das ist mir sicher gelegentlich passiert. Und im privaten Bereich, wo ich meiner Frau, meinen Kindern und mir selber zu viel zugemutet habe. Diese Verkürzungen tun auch sehr weh.
Ihr größter Erfolg?
PIRKER: Mein größter Erfolg ist der größte Erfolg meiner Frau. Nämlich, dass die Kinder sehr gerade aufgewachsen und überhaupt nicht abgehoben sind. Das wäre ja bei der Funktion und beim Umfeld des Vaters nicht abwegig gewesen. Sie sind ganz normale junge Frauen und Männer. Das ist der größte Erfolg und der gehört zu einem überwältigenden Anteil meiner Frau und einen kleinen Anteil hab ich wohl auch daran. Unternehmerisch ist mein größter Erfolg mit der Styria verbunden.
Würde es Sie reizen in die Politik einzusteigen?
PIRKER: Nein, das reizt mich überhaupt nicht. Ich wurde mehrfach in meinem Leben auf ein politisches Engagement angesprochen. Ich bin dafür ganz wenig geeignet. Ich habe Zeit meines Lebens immer polarisiert. In der Politik muss man mehr harmonisieren als polarisieren. Und dann kommt noch dazu, dass ich extrem ungern die Unwahrheit sage. Auch die Verbiegungstoleranz muss größer sein.
Haben Sie schon in Erwägung gezogen, selbst ein Medium zu gründen?
PIRKER: Ich habe seit meinem Ausstieg aus der Styria ein paar Beteiligungen an kleinen, feinen Medienunternehmen. Da werde ich sicher weitertun. Ich habe aber nicht das Ziel, reich oder mächtig zu werden. Mich interessieren die Menschen und strategische Entwicklungen. Mein Engagement ist als Liebe zu den Medien zu sehen, die für mich schon immer ganz besondere Güter waren.
Hat es Sie nie gereizt Chefredakteur zu werden?
PIRKER: Das Schreiben hat mich immer gereizt. Der Journalismus reizt mich und auch die Funktion eines Chefredakteurs finde ich reizvoll. Aber ich habe mich anders entschieden und diese Bereiche sind strikt zu trennen.
Was fehlt Ihnen noch zum Glück?
PIRKER: Ich halte das Glück für einen höchst flüchtigen Zustand. Ich bin eher mit den Wienern einer Meinung, die sagen das Glück ist ein Vogerl. Sie meinen damit die Flüchtigkeit und ich finde, das ist gut so. Ich freue mich über Momente des flüchtigen Glücks.
Features
Zur Person
Horst Pirker stammt aus Pusarnitz. Er maturierte in Spittal und studierte in Graz. Pirker promovierte in Rechtswissenschaften und Betriebswirtschaftslehre. 1984 trat er in die "Kleine Zeitung" ein. Er war von 1999 bis 2010 Vorstandsvorsitzender der Styria Media Group und von 2004 bis 2010 Präsident des österreichischen Zeitungsverbandes. Auffassungsunterschiede mit den Eigentümervertretern über die zukünftige Ausrichtung veranlassten ihn im September 2010 die Styria zu verlassen. Für Aufsehen sorgte der Wechsel des Medienmanagers zu Dietrich Mateschitz. Pirker übernahm Red-Bull-Media-House, Ende 2011 musste er aus privaten Gründen nach Graz zurück. Zum 1. Februar 2012 trat er als Vorsitzender des Vorstands in die Saubermacher Dienstleistungs AG ein. Er lehrt als Professor für Medienmanagement und Medienentwicklung an der Karl-Franzens-Universität. Pirker ist verheiratet, Vater von fünf Kindern und lebt in Graz.
Wortspenden
Wie gelingt das Leben? Mit Zufriedenheit im Sinne von Dankbarkeit und Unzufriedenheit im Sinne von Neugier.
Kraft geben mir immer wieder: An erster Stelle kommt der Glaube, dann die Familie und die Mitarbeiter des mir anvertrauten Unternehmens.
Egon Kapellari ist: Einer meiner ältesten Freunde und ein großer Mann des geschriebenen geistlichen Wortes.
Als Vater bin ich: Liebevoll.
Meine Hobbys sind: Laufen und Lesen. Ich lese alles, was ich in die Hände kriege und was ein gewisses Niveau nicht unterschreitet.
Mein größter Wunsch: Dass den jungen Menschen auf der ganzen Welt nicht ihre Zukunft geraubt wird.
Meinen Kindern mitgeben möchte ich: Dass Gott auch auf oft krummen Zeilen gerade schreibt.
Was ist in Ihren Augen eine Herausforderung: Die Menschen zu lieben.
Sorgen bereitet mir: Dass die technische Entwicklung die menschliche Evolution erbarmungslos überholt. Der Mensch hat nicht die Fähigkeit, Schritt zu halten.
Haben Sie noch berufliche Pläne? Ich möchte das mir jetzt anvertraute Unternehmen so entwickeln, dass ich es guten Gewissens weitergeben kann.
Meine ganz persönliche Vision: Im Alter von 55 Jahren nicht mehr zu arbeiten und endlich mehr Zeit für meine Familie, auch die Herkunftsfamilie, und mich selbst zu haben.













