Sollen wir alle feige Ratten bleiben?
"Wir sollten nicht zu allem schweigen!" In seinem flammenden Beitrag erzählt Hubert Sauper vom Mölltal, den Menschen und dem Versuch, über Schatten zu springen, die im Tal lang sein können.

Foto © kk/PrivatDie geistige Enge seiner Heimat, die sich auch in der Zerstörung des Torsos von Hanspeter Profunser manifestierte, ist Sauper ein Dorn im Auge
Nein, es sind keine Neonazis, die hier regieren. Es ist ein rabiater Bauernsozialismus mit nationalem Antlitz, der hier den Rechtsstaat verludert und verlacht - zum Schaden jener, die nicht mitlachen können". So steht es im No-Go-Idyll von Florian Klenks Erkundungen am 12. April 2009 im Falter.
Treffend. Ich konnte nicht mitlachen, als am 30. April 2010 drei besoffene Burschen vor der alten Schule in Döllach lachend aus dem BMW sprangen und in der Bäckerei verschwanden. Am Tisch der Konditorei stand nicht etwa ein Ausnüchterungsfrühstück nach durchzechter Nacht, sondern Bier, von der Chefin serviert.
Es war sechs Uhr früh. Das Dorf begann zu erwachen, die Sonne strahlte in die schneeweißen Bergspitzen der Schobergruppe, ich war von einer Morgenpirsch mit dem Fernglas am Kirchplatzl stehen geblieben, um den alten Gangl Johann ein bisschen anzustänkern, der gerade aus der menschenleeren Kirche kam. "Hascht a schware Sind, Johann?" Das Dorf, wie es lebt.
Plötzlich zischte ein schwarzer BMW gekonnt gesteuert zwischen uns Oldies und der Kirche durch. O.k. Platz für die Jugend muss sein. Das Leben geht weiter.
Für einen der drei Burschen, die aus dem Wagen stiegen, war es aber schon einmal fast zu Ende. Er hatte vor zwei Jahren einen Autounfall verursacht. Nur durch die geistesgenwärtige Reaktion eines zufällig vorbeikommenden Polizisten gelang die Wiederbelebung, der ortsbekannte Raser lag monatelang zwischen Leben und Tod. Sein unschuldiges Opfer, ein 40-jähriger Familienvater am Weg in das Nationalparkbüro in Großkirchheim, wäre seinen fürchterlichen Verletzungen beinahe erlegen. Er lebt. Aber bestimmt kürzer und geschädigter, als es ihm zustünde.
Als ich daheim die Frühstückssemmel auspackte, der Kaffee dampfte, verspürte ich die trügerische Lust, alles zu vergessen, mich in das Idyll eines entlegenen Dorfes fallen zu lassen, keinen Wirbel zu verursachen. Die bürgerliche Feigheit flüsterte mir zu: Wirst dir doch keine Unannehmlichkeiten einhandeln. Das Gewissen des Alters rief meine eigene Jugend, meine eigenen Fehltritte und abenteuerlichen Ausritte in Erinnerung. Die Bequemlichkeit flüsterte: Was ist schon passiert?
Nichts! Aber was kann noch passieren? Werden die Burschen das schnelle Auto stehen lassen? Schlafen gehen? Ich kannte nur einen, den ohnehin durch Erfahrung nicht klug Gewordenen. Oder werden sie weiterrasen? Wer wird das nächste Opfer sein?
Dann griff ich zum Telefon. Der Polizist in Heiligenblut wusste Bescheid. Er hatte den Jüngling vor seinem schrecklichen Unfall vor zwei Jahren schon persönlich gewarnt. Er war diesmal schnell zur Stelle, stoppte die Spritzfahrt. Der Führerschein eines der Burschen war weg, sein Vater stellte mich zur Rede. Er bekam sie.
Eine Erkenntnis muss man bezweifeln. Leider. Denn die Erziehung, die Formung beginnt nicht beim Staat und seiner Exekutive, auch nicht bei den Wirten, sondern in der Familie. Und bei den Beispielen. Es wäre höchste Zeit, manchmal ein Beispiel für Zivilcourage zu geben, bevor noch mehr passiert.
Wenn sich ein Landeshauptmannstellvertreter rühmt, in Rekordzeit mit ständiger Geschwindigkeitsüberschreitung in zwei Stunden von Wien sein Klagenfurt erreicht zu haben, wenn ein Bürgermeister gerne "ein wilder Hund" ist, anstatt die Jugend vor Leichtsinn und Übermut zu warnen, wenn er als Abgeordneter Gesetzte überschreiten will, die das Schulrecht für jeden Bürger betreffen, ist nähere Betrachtung ratsam:
Ein junger Bursche, bekannt durch einen glimpflichen Sturz in den Bach verunglückte später schwer mit seinem Moped. Schwerste Kopfverletzungen mit der Implantation einer Metallplatte und Depressionen waren die Folge. Der Selbstmordversuch mit einem Schuss auf diese Metallplatte misslingt. Ist das nicht schrecklich genug? Ist es nicht Zeichen genug für die Verzweiflung, die hier Platz greift? Das Zahlenergebnis über Suizide im Mölltal müsste aufrütteln, wird aber kaschiert. Man schweigt.
Wir haben in diesem wunderschönen Mölltal seit Jahrhunderten gelernt zu kuschen, sich anzupassen an die Kirche mit ihren Konventionen, an die Goldgewerken mit ihrer rigorosen, monetären Gewinnsucht, an Wirtschaftspotentate mit ihrem Machtstreben. Haben wir in den Familien, in den Schulen gelernt, dass wir in Österreich mittlerweile einen Rechtsstaat haben? Dass wir eine demokratische Republik seit gut 50 Jahren sind? Dass bei uns das Recht vom Volk (Demos) ausgeht und nicht von einem radikalen Landespolitiker oder einem eigensinnigen, vielleicht ungeschulten Bürgermeister?
Und wir haben in diesem wunderschönen Mölltal einige hervorragende Menschen. Manche bleiben hier, aber viele wandern einfach ab. Nicht nur, weil sie hier keine Arbeit finden, auch, weil sie dieses Milieu, diese Lebensweise nicht aushalten. Viele wertvolle, gebildete Menschen verziehen sich in ihre Häuser, verschließen Augen und Ohren. Sie haben kapituliert gegen die Folgen des Aufbegehrens, sie mögen im Alter nicht mehr kämpfen gegen Dummheit, Neid, Gehässigkeiten. Schade! Denn dann treten Gaukler und fahrende Sänger in den Leerraum, die sich als Urviech ausgeben, glauben, ein Tal und seine Eigenart vertreten zu müssen und merken nicht, dass sie nur missbraucht, benützt, verlacht werden. Ich kann nicht mitlachen, wenn man im Deutschen Fernsehens auf die Quizfrage etwa antwortet: "Ein Mölltaler ist ein Rohling aus einem Bergvolk."
Es gibt hier so viele fleißige Häuslbauer, die ein ganzes Tal mustergültig gestalten. Sie vertreten oft unter lebensgefährlichen Bedingungen auf den schwierigsten Baustellen Europas die Begriffe für Fleiß, Verlässlichkeit und Mut. Warum müssen sie als rasende Bullen verkauft werden? Weil man lacht, wenn ein Flegel in einem Gastlokal im Dorf mit seinem Moped Gummi radierend Kreise zieht! Man stellt es unter YouTube ins Fernsehen! Soll sich hier ein Gast wohlfühlen? Will man den Tourismus überhaupt?
Nein. Die Übernachtungszahlen sinken, viele Wirtshäuser sperren zu, die Betreiber sind frustriert, ausgelaugt, finanziell am Ende. Und sie sind nicht die Faulsten oder die Dümmsten.
Aber sie finden kein Verständnis für ihre Bemühungen um die Ressourcen der Vergangenheit: eine Ausstellung aus der Zeit des Goldbergbaues findet im Dorf kaum Interesse, sagt der Bürgermeister, die Geschichte des Saumhandels, der mittelalterlichen Transportgeschäfte auf Pferderücken stößt auf einige Schwierigkeiten, wenn man es mit Reitpferden nachempfinden will. Und gerade das hebt dieses geschichtsträchtige Mölltal über viele andere Alpentäler. Also was bleibt?
Es bleibt die Hoffnung. Vielleicht ist alles nur einem Wandel unterlegen. Vielleicht bekennt sich diese seit Jahrhunderten erschreckte, belogene, gedemütigte, katholische Bevölkerung einer freieren Denkweise. Einer Toleranz Andersdenkenden gegenüber. Noch nie seit Menschengedenken hatte die Bevölkerung die Möglichkeit, friedlich den ganzen Globus zu bereisen. Die Menschen vieler Erdteile können es sich auch leisten. Und sie stoßen fast überall auf Toleranz. Sollen wir dann ein türkisches Kind mit Österreichischem Pass aus der Schule weisen, wie es der Bürgermeister begehrt? Dem Dorfbewohner das Grundrecht der freien Meinungsäußerung durch Ächtung vergällen? Zusehen, wie einem Künstler, der einen nackten Männertorso in Großkirchheim ausstellt, die Figur vernichtet wird, obwohl sie dem Bürgermeister gefiel? Sollen wir alle feige Ratten bleiben, die sich dann unerkannt verkriechen? Nein, wir sollten nicht zu allem schweigen!
Die Jugend soll und muss sich zu ihren Gedanken und Wünschen, auch zu ihren Abneigungen bekennen. Dazu sind verständnisvolle Diskussionen da. Und das Alter hat die Verpflichtung, die Jugend zu verstehen. Sie sollte die Gelegenheit haben, Erfahrung einzubringen, ohne vom lautesten Rowdy niedergeschrien zu werden. Vielleicht wird das Mölltal dann ein ruhender Pol im Trubel der Außenwelt. Das Tal mit seiner herrlichen Luft, dem reinen Wasser, den Wäldern und Bergen. Sogar der erste Österreichische Nationalpark hat sich hier eingenistet. Vielleicht brauchen wir gar keinen turbulenten Tourismus. Vielleicht geht es ein bisschen bescheidener auch. Ich weiß es nicht! Aber ich hoffe.
Ich habe in meinem Leben viele Fehler gemacht. Aber einem möchte ich nicht mehr verfallen, denn er könnte der größte sein: zu schweigen.













