Sommergespräch aus Feldkirchen, VillachAlpinist Kurt Diemberger: "Die Berge rufen dich zurück"

Kurt Diemberger (85) steckte die Grenzen des Alpinismus als Erstbesteiger zweier 8000er neu. Der gebürtige Villacher und Emmy-Preisträger spricht im Haus seiner Kindheit am Ossiacher See über Ängste und das, was am Berg zurück bleibt.

Kurt Diemberger am Platz seiner Jugend - dem Ossiacher See
Kurt Diemberger am Platz seiner Jugend - dem Ossiacher See © Andreas Kanatschnig
 

Herr Diemberger, wie lebt es sich als Legende?
Nachdem ich nicht viel mit Medien zu tun habe, eher ruhig. Dadurch kann ich mich aber auf meine Bücher und die Zusammenstellung neuer Vortragsthemen konzentrieren. Und dazwischen lasse ich immer wieder die Seele baumeln, irgendwo in den Bergen oder an meinem Jugendplatz am Ossiacher See in Kärnten, wo die Natur rund um das Blockhaus noch so ist wie sie immer war.

Sie haben hier in diesem Haus am Ossiacher See ihre Jugend verbracht und kehren immer noch zurück. Wie sehr hat Sie dieser Ort geprägt?
Wenn ich hier um das Haus gehe, wo jeder einzelne Stein von meinem Vater aus dem Wald hierher gebracht worden und zu einem Steinboden zusammengesetzt worden ist, und zum Steg an den See gehe, dann ist die Zeit für mich nicht vergangen. Das Plätschern der kleinen Wellen des Ossiacher Sees erzählt mir von meiner Kindheit.

Sie kamen über Umwege zum Bergsteigen. Interessiert an der Geologie führte Sie die Suche nach Fossilien in die Berge. War das Bergsteigen für Sie damals nur Mittel zum Zweck?
Mein Vater ging mit mir auf den Kumitzberg in Villach und zeigte mir winzig kleine rote Granate im Fels. Da war ich wohl sieben Jahre alt. Ich hatte damals den Eindruck, diese Steine sind viel zu klein, da musste man doch größere finden. Unterhalb der Ruine Landskron habe ich auch gegraben und alte Tonscherben gefunden. Die größeren Steine fand ich dann, wir waren mittlerweile nach Salzburg übersiedelt, allein in den Hohen Tauern. Mit Hammer, Meißel und einer alten Landkarte war ich unterwegs und fand meine ersten Bergkristalle. Sogar einen herrlichen Smaragd. Eines Tages war es mir anstelle einer Kristallfundstelle wichtiger, den daneben aufragenden Gipfel zu erreichen. Das war der Larmkogel mit 3017 Metern. Als ich dort oben stand und die Wolken mich einhüllten, war mir so wohl ums Herz. Da war ich einfach glücklich. Seit damals bin ich Bergsteiger.

Zur Person

Kurt Diemberger (85) ist der einzige Mensch neben dem verstorbenen Hermann Buhl, der zwei Achttausender als erster erklomm: 1957 den Broad Peak und 1960 den Dhaulagiri.
Der Profi-Alpinist ist mit der Italienerin Teresa verheiratet. Diemberger hat vier Kinder – auch aus einer früheren Ehe.
Aufgewachsen in Villach und am Ossiacher See, lebt er heute in Salzburg und in der Nähe von Bologna. Diemberger ging in Villach zur Volksschule, studierte in Wien Betriebswirtschaft, unterrichtete kurz, wurde aber bald Profi-Bergsteiger.
Er schrieb viele Bücher und drehte mit der britischen Bergsteigerin Julie Tullis Bergfilme. 1981 erhielt er für eine Everest-Dokumentation einen Emmy.


In ihrer Karteikarte im historischen Alpenarchiv steht, dass Sie einer der beständigsten, aktivsten und erfolgreichsten Alpinisten nach dem Zweiten Weltkrieg sind. Wie wird man das?
Ich war in fast allen Bergen. Die Berge haben mich nicht mehr losgelassen, symbolisch könnte man sagen. Die Wolken, die mich am Larmkogel umhüllt haben und weiter zum Dachstein gezogen sind, die waren fast sinnbildlich. Ich brauchte wieder neue Gipfel. Mich haben vor allem Gebiete interessiert, wo es etwas zu entdecken gab. Also Erstbesteigungen, das Eindringen in verborgene Täler. Das hat auch dazu geführt, nicht nur das Glück zu erleben, sondern es auch weiterzutragen. Das hat mich dazu gebracht, mit der Filmkamera das, was man mit Worten kaum in die Tiefe bringen kann, im Bild festzuhalten. Dadurch wurde ich gemeinsam mit Julie Tullis als Kameramann der 8000er bekannt.

Mit Julie Tullis galten Sie als „höchstes Filmteam der Welt“. Bergsteigen bleibt ein Seiltanz zwischen Leben und Tod. Bergsteiger verdrängen diese Emotionen oft, doch bei Ihnen gewinnt man den Eindruck, dass Sie sich darauf einlassen.
Die Emotionen vermittle ich vielleicht. Das liegt in einem Urtrieb, das, was man hat, weiter zu geben. Nachher, wenn man Situationen analysiert, kann man natürlich zum Beispiel sagen, man hätte dort umgedreht. Dann wäre das und das nicht passiert. Das ist eine logische Selbsttäuschung, weil ein Hinterherurteil eine vorher gegebene Situation nicht wirklich erfassen kann. Oberhalb von 8500 Metern auf dem K2 (bei einer Expedition im August 1986, Anmerkung) gab es für mich und Julie kein eindeutiges Zeichen eines Wettersturzes. Wir beschlossen gemeinsam zum Gipfel zu gehen. Was uns auch gelungen ist. Im späteren Verlauf bleibt Julie tot. Dass sie nicht mehr heruntergekommen ist, lag nicht an unserem Entschluss. Am K2, als Julie stürzte und ich mit ihr, schien unser Schicksal besiegelt. Wenn man in einer Steilwand stürzt, dann stürzen beide schnurstracks nach unten. Aber das war eine Schutzengelsituation, als hätte der Berg seine Arme ausgebreitet, um den Tod zu verhindern. Danach waren wir im Hochlager bei Sturmwind eingeschlossen. Warum Julie gestorben ist, weiß ich heute auch nicht genau, aber wahrscheinlich war es die geringe Flüssigkeitszufuhr.

Diemberger mit seiner Frau Teresa
Diemberger mit seiner Frau Teresa Foto © Andreas Kanatschnig

Wenn Sie ganz oben eins waren mit dem Berg, ließen Sie auf dem Gipfel etwas zurück oder nahmen Sie von diesem Einssein mit dem Berg etwas mit ins Tal?
Man nimmt was mit, dass man immer mit sich trägt. Aber lässt auch etwas zurück. Dieses Etwas ruft einen wieder zurück.

Extreme Alpinisten wie Sie, brauchen nicht nur Können, sondern müssen auch die eigenen Ängste überwinden. Wie darf man sich das vorstellen?
Wenn man genügend trainiert und ein positiver Mensch ist, hat man keine Angst. Außer in besonderen Fällen, wo man nichts dafür kann oder dagegen tun kann. Wie etwa, wenn die Felsen zu knistern beginnen und du weißt ein Blitzschlag kommt. Da kannst du dann gar nichts machen.

 

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