Bezirks- und Gemeindesuche
Inge Prader: "Castingshows sind eine schlimme Seuche"
Die 56-jährige Modefotografin Inge Prader über den aktuellen Schönheitswahn, ihre aufregendsten Aufträge und schmusen auf einem Bankl in Lienz.

Foto © KLZ/Melanie FanzottInge Prader im Sommergespräch
Sie sind eine der bekanntesten Fotografinnen Österreichs - war das schon immer Ihr Traumberuf?
INGE PRADER: Nein, eigentlich war das ganz unromantisch. Ich hatte nach der Pflichtschule einen Ferialjob in einem Fotogeschäft und ein Jahr später wollte ich dort eine Lehre beginnen - sehr zur Freude meiner Eltern, die wollten, dass ich weiter zur Schule gehe. Dann habe ich eine Verkäuferinnenlehre begonnen. Weil ein Fotostudio angeschlossen war, habe ich gesehen, wie cool fotografieren ist. Dann habe ich umgesattelt, die Fotografenlehre begonnen und Blut geleckt.
Was macht für Sie die Faszination Fotografie aus?
PRADER: Also ich bin der Meinung, nur was man gern macht, macht man gut und ich mag meinen Beruf noch immer. Nachdem ich Menschen und Mode fotografiere, ist es ein stetiger Wandel. Kein Job ist wie der andere.
Haben Sie dann als Fotografenlehrling in Lienz schon früh den Wunsch verspürt, in die große weite Welt ausbrechen zu wollen?
PRADER: Ja. So mit Anfang 20 war ich ein halbes Jahr in Amerika. Und in New York dachte ich mir: Da will ich hin, da geht die Post ab, da ist der Nabel der Welt. Doch dahin bin ich dann nie gekommen. Es wurde Wien, um dort nach der Lehre die Meisterprüfung an der Grafischen Lehr- und Versuchsanstalt abzulegen. Als ich dort noch als Assistentin arbeitete, habe ich meinen Mann Paul, der Schüler war, kennengelernt.
Liebe auf den ersten "Klick"?
PRADER: Nein, er ist mir aufgefallen, weil er als Quereinsteiger ein besonders undisziplinierter Schüler war, mit dem ich immer Zores hatte. Wir haben uns bei der Arbeit verliebt und später auf seine Initiative gemeinsam unser Studio eröffnet. Am Anfang gab es irrsinnig viel Streit, weil wir uns als Fotografen nicht einig waren. Doch dann entwickelte jeder sein Spezialgebiet. Er ist mehr der Techniker und ich der extrovertierte Menschenfreund - seitdem funktioniert es perfekt.
Was war Ihre interessanteste Begegnung in Zusammenhang mit Ihrem Beruf?
PRADER: Das erzähl ich sicher noch auf dem Weg zum Friedhof. Ich sollte für ein österreichisches Magazin Porträts von Designer Wolfgang Joop machen. Er wollte mich erst gar nicht dabei haben, nach dem Motto: Wer ist Inge Prader, noch nie gehört. Dann durfte ich aber doch mit, und als er die Fotos sah, sagte er: Genial! Dann holte ich noch seinen geliebten Hund mit aufs Bild und er war so begeistert, dass ich seine nächste Kampagne machen sollte. Tatsächlich kam ein halbes Jahr später der Anruf, ich sollte die internationale Werbekampagne für sein neues Label und eine Parfümserie fotografieren. Das Highlight meiner Karriere. Geld spielte keine Rolle, Luxushotels und Limousinen - die kleine Osttirolerin in der großen Welt!
Wie oft kommen Sie jetzt noch nach Osttirol?
PRADER: So oft wie möglich. Ich habe dort ja noch meine über alles geliebte Mutter, sie ist jetzt 91. Gerade vorletzte Woche war ich da und es war so schön! Es ist ein "Hamkemman" mit Erinnerungen an jeder Ecke: Da hat es mich mit dem Rad aufgestellt, dort war ich mit meinem ersten Freund schmusen auf dem Bankl - und solange man Eltern hat, egal wie alt man ist, wenn man Heim kommt, ist man wieder Kind.
Die Modefotografie, so schön die Bilder auch sind, hat Schattenseiten wie die Diskussion um Magermodels. Wie erleben Sie das?
PRADER: Das Thema ist mir ein großes Anliegen, weil ich so krass sehen konnte, in welche perverse Richtung es sich entwickelt. Es gibt zwar immer wieder Initiativen gegen den Magerwahn, aber eine Trendumkehr sehe ich leider noch nicht.
Eine ertragbare Gratwanderung für Fotografen - auf der einen Seite die Auftraggeber, auf der anderen Seite die Models?
PRADER: Es ist ein Teufelskreis. Natürlich will ich, das meine Fotos gut aussehen. Der Kunde will, dass seine Kleidung gut aussieht. Es geht immer um Geld und eine ganze Großindustrie steht dahinter. Das bedeutet einen hohen Erfolgsdruck für jeden. Wenn ich sage - und dafür bin ich zu klein -, ich fotografiere keine dünnen Models, macht es ein anderer. Alle zusammen müssten in die richtige Richtung gehen. Und diese Castingshows, finde ich, sind eine ganz schlimme Seuche, weil Jugendliche Vergleiche ziehen und nichts mehr essen. Wenn ich merke, dass sich ein Model übergibt oder den ganzen Tag nichts isst, rede ich mit ihr. Es ist ein vielschichtiges gesellschaftliches Problem. Die Glitzermodewelt ist ein schöner Schein mit großen Gefahren.
Wie sehen Sie als Fotografin den Menschen?
PRADER: Ich freue mich immer, wenn ich Aufträge bekomme wie eine Porträtserie von alten Menschen oder ein Sozialprojekt. Ich liebe diese Jobs, wo es nicht um Trends oder Fashion, sondern um die Menschen an sich und ihr Innenleben geht. Es gelingt mir dann auch manchmal, ein bisschen in den Menschen hineinzuschauen.
Wer ist Inge Prader privat?
PRADER: Es ist schwierig, über sich selbst zu reden. Gerade ich sehe oft, dass die Menschen ein falsches Bild von sich haben. Aber ich bin ein irrsinnig privilegierter Mensch, weil ich so ein Schwein gehabt habe, dass ich da geboren bin. Dann bin ich noch jähzornig, ungeduldig, ein Tierfreund und froh, meinen Mann zu haben. Ohne ihn hätte ich das nicht erreicht. Ohne Paul hätte ich die Tiefen des Lebens nicht durchgestanden. Es ist ein wahnsinniges Glück, einen Partner zu finden, den man ein Leben lang aushält und umgekehrt.
Features
Zur Person
Fotografin. Inge Prader wurde am 16. April 1956 in Lienz geboren. Fotografenlehre in Lienz, Meisterprüfung an der Grafischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien. www.prader.at
Privat. Seit 20 Jahren verheiratet mit Paul Prader.
Arbeiten. Prader fotografiert für Wolfgang Joop, Don Gil, Profil, Madonna, Bundy & Bundy, Jones oder Kraft Foods Philadelphia.
Wordrap
Meine Kamera ... ist mir völlig wurscht. Zu meiner Kamera habe ich keine Beziehung, sie ist einfach nur mein Instrument.
Heimat ... ist dort, wo meine liebsten Menschen sind - damit ist Heimat Wien und Lienz.
Ich tanke Kraft ... in der Natur.
Das perfekte Foto ... von mir gibt es nicht. Perfekte Fotos berühren und haben keine Jahreszahl - dann sind sie Kunst.
Lienz ... ist meine Geburtsstadt und ein landschaftliches Juwel.
Wenn ich noch einmal auf die Welt kommen würde ... dann hoffe ich, dass es mir wieder so gut geht wie jetzt!








