Interview mit dem neuen BischofGlettler: Kirche muss offen bleiben, Menschen wollen kein Moraldiktat

Mit Johnny Cash im CD-Player und einem alten Golf fuhr Hermann Glettler zu seinem Antrittsbesuch nach Innsbruck. Kirche müsse, auch wenn sie schwächer wird, offen und einladend bleiben, mahnt der künftige Tiroler Bischof. Kritik übt Glettler an der „unseligen Allianz“ der drei führenden Parteien zur Verschärfung des Ausländerthemas im Wahlkampf. Hier würden Wunden in der Gesellschaft zurückbleiben.

Bischof Hermann Glettler bei der Vorstellung in Innsbruck © APA
 

Eine aktuelle Studie belegt den Glaubensschwund in Österreich. Nur noch jeder Zehnte geht sonntags zum Gottesdienst. Warum tut sich die Kirche so schwer?

HERMANN GLETTLER: Wir sollen uns nicht von Zahlen terrorisieren lassen. Es gibt eine Sympathie für die Kirche, die sich nicht in einer offiziellen Mitgliedschaft ausdrückt. Hinzu kommt, dass sich die Menschen immer weniger institutionell binden. Das heißt nicht, dass es kein spirituelles Interesse gibt. Ich denke, es gibt sogar einen großen, wenn auch versteckten Hunger nach Gott. Ja, es stimmt, die Regelmäßigkeit der Gottesdienstbesucher bricht weg, aber es hat noch nie so viele Ab-und-zu-Kirchengeher gegeben, so viele, die bei Taufen, Erstkommunionen oder anderen Ereignissen gerne dabei sind. Die Menschen hören bei diesen Anlässen sehr genau zu. Wenn man ein Wort findet, das sie innerlich anspricht, wird das sehr wohlwollend aufgenommen.

Das heißt, den Anspruch, Volkskirche zu sein, gibt es nicht mehr?

Doch, es geht sogar darum aufzumachen, damit noch mehr Menschen auf ihre Art und Weise mitgehen können. Es geht darum, dass Kirche aufmacht in die Weite von Gesellschaft. Das meint auch Evangelisation, nicht Propaganda, sondern Begegnungsmöglichkeiten mit Gott zu schaffen.

Wie sehr kann und soll Kirche noch wegweisend für Fragen der Moral sein?

Die Menschen wollen kein Moraldiktat. Und Kirche ist hoffentlich keine Moralinstitution. Andererseits braucht unsere Gesellschaft eine ethische Orientierung. Gerade heute, wo es extreme Werteverschiebungen gibt. Wobei wir uns als Kirche kritisch fragen müssen: Leben wir das auch selbst? Jesus ist nicht als Moralapostel gekommen, sondern mit dem Ziel, uns in eine Gemeinschaft mit Gott zu führen. Unser Leben ist die Antwort darauf.

In der Bergpredigt heißt es über die Jünger: Ihr seid das Salz der Erde! Was heißt das heute?

Das ist ein hervorragendes Bild. Christ sein heißt, dem Leben Geschmack zu geben und sicher nicht, einander die Suppe zu versalzen. Gier, Falschheit, übertriebener Stolz, Aggression sind Geschmacksverderber. Das Evangelium weckt uns aus einer falschen Selbstbezogenheit und ruft uns in eine Verantwortung für die Welt, für die Gesellschaft, füreinander. Kirche darf aber nicht in der Gesellschaft aufgehen. Sie muss gelegentlich ein salziges Gegenüber sein, so wie das Evangelium auch.

Sie haben einmal gesagt: „Die typischen Kirchgänger sind unbrauchbar für die Mission.“ Was haben Sie damit gemeint, die Frömmelei?

Ich habe gemeint, dass sie schon abgespeichert haben, wen Glaube interessiert und wen nicht. Andere, die nur gelegentlich teilnehmen, tun sich leichter, ins Büro zu gehen und zu sagen: „Freunde, das war ein cooler Gottesdienst!“ Aber nochmals, damit kein Missverständnis entsteht: Ich bin allen, die regelmäßig und auch stellvertretend für andere die Kirche besuchen, sehr dankbar – für die Treue, für das Gebet, und für die Sorge um die Notleidenden. In den Pfarren passiert immer noch Großartiges – durch vielfältige Aktivitäten, durch Spenden, durch Lebenskultur.

Wie weit soll sich die katholische Kirche öffnen?

Sie darf nicht die Mentalität der Vereinsmeierei annehmen. Strenge Regeln geben vor, wer dazu gehört und wer nicht. Jesus hat das Gegenteil praktiziert. Er hat Menschen hereingenommen – auch jene, die stören. Wenn wir als Kirche nicht störungs-offen bleiben, driften wir in die Enge eines Vereins. Es geht um eine echte Gastfreundschaft für Suchende und um das Angebot einer Begleitung, sodass Menschen schrittweise in den christlichen Glauben hineinwachsen können. Mit Sicherheit abschreckend sind fade, nicht inspirierende Gottesdienste.

Wann ist für Sie ein Gottesdienst „fad“?

Fad dann, wenn die Teilnehmenden nur konsumieren wollen und nichts von ihrer Freude oder ihrem Leid in die Feier einbringen. Lebendige Gottesdienste berühren. Das kann auch eine schlichte Hl. Messe sein. Eine Studie besagt, Menschen schätzen im Gottesdienst ansprechende Musik, eine gute Predigt und das Gefühl, wahrgenommen zu werden. Es braucht nur selten die großen Events. Das Einfache gut und leidenschaftlich tun. Das fasziniert.

Haben Sie je eine Glaubenskrise durchlebt?

Meine Eltern haben mir einen sehr geerdeten Glauben mitgegeben, der durch viele Begegnungen weiter gereift ist. Ich habe meist ein sehr kindliches Vertrauen, dass letztlich alles einen Sinn hat und die ganze Welt Gott-voll ist. Manchmal beschleicht mich aber auch das Gefühl, dass der Glaube vielleicht nur eine große Erzählung ist – und ich ein Agnostiker, unsicher wie viele andere auch. Zum Glück gibt es in diesen Situationen Menschen, an deren Glauben ich mich anhalten kann. Jesus ist für mich entscheidend.

Der muslimische Glaube scheint vital zu sein und wächst. Kritiker werfen der katholischen Kirche vor, eine naive Toleranz zu leben. Zu Recht?

Tolerant sollte die Kirche immer sein, naiv natürlich nicht. Mit Sicherheit will ich keine defensiven und aggressiven Haltungen fördern. Wir leben in einer globalisierten Zeit. Diversität mit all ihren sozialen Bruchstellen reicht in jedes Dorf hinein. Auch in Tirol. Als Bischof werde ich den Auftrag haben, Einheit zu fördern – in dieser Frage zwischen den extrem Verängstigten und den unbekümmert Weltoffenen. Unser christlicher Glaube trägt ein riesiges Potenzial zur Bewältigung der aktuellen Probleme in sich. Gefährlich wird es, wenn man Fremde vertreiben will. Wir sollten uns nicht in scheinbar unbewältigbare Bedrohungsszenarien hineinreden lassen. Ein Land kann auch durch einen hochgepeitschten, beinhart erfolgreichen Tourismus geistig und seelisch ausgelaugt werden.

Gehört der Islam zu Österreich?

Die Frage ist falsch gestellt und irreführend: Jeder Mensch sollte überall auf der Welt das Recht haben, seine Religion frei zu wählen und ausüben zu können. Oder auch explizit keiner anzugehören. Außerdem ist der Islam kein homogenes Phänomen. Es gibt den salafistischen, meist hoch politisierten Islam, den ich für gefährlich erachte und schlichtweg ablehne. Aber generell begegnet die katholische Kirche der Mehrheit der Muslime mit tiefem Respekt. Freundschaftliche Beziehungen gehören dazu.

Ab heute gilt das Burkaverbot. Heißen Sie es gut?

Ich tue mir schwer, etwas an Kleidungsstücken festzumachen. Aber wir leben in einer Gesellschaft, die darauf Wert legt, einander offen zu begegnen. Ich empfinde Unbehagen, wenn ich nur das Augenpaar einer Person sehe.

Wie erleben Sie den Wahlkampf, in dem Migration und Zuwanderungsstopp die Auseinandersetzung bestimmen?

Die Verschärfung in den Worten und in den Gesten tut mir weh. Da gab es eine unselige Allianz der drei führenden Parteien. Wenn nun beispielweise von der Verpflichtung zur Arbeit für Asylwerber gesprochen wird. Bisher durften sie keiner Arbeit nachgehen, sie wurden verpflichtet, nichts zu tun. Und nun kommt der Vorwurf, dass sie ja ohnehin nur unser Sozialsystem belasten. Diese verletzende Rhetorik wird nach der Wahl wohl nachlassen, aber sie reißt jetzt Wunden. Und Menschen des Landes zu verweisen, die sich bereits bestens integriert haben, erscheint mir bedenklich und nicht selten unrecht zu sein.

Man muss da nüchtern einwenden: Das ist der Rechtsstaat.

Selbstverständlich. Der Staat darf seine hoheitlichen Rechte und Pflichten nicht aufgeben. Doch wir sind auch eingebettet in eine Weltgesellschaft, die im Aufbruch ist. Migration ist ein Faktum. Die Ursachen sind vielfältig. Oft eine reale, extrem belastende Perspektivenlosigkeit für die jüngere Generation. Ich habe das in Afrika vor Ort gesehen. Jetzt zahlen wir wahrscheinlich den Preis dafür, dass wir über Jahrhunderte hinweg bis heute die Ressourcen von fremden Ländern und Kontinenten abgesaugt haben. Niemand wird behaupten können, in diesen Fragen eine letztgültige Lösung zu haben. Es braucht sehr, sehr viel Geduld und eine heilige Ungeduld zugleich.

Werden die Tiroler sie aufbringen?

Das Land hat Tiefe und Höhe – und muss die Weite wahren. Von Innsbruck aus soll man trotz Brenner nach Rom sehen können, auf das Mittelmeer und darüber hinaus. Ein starkes Bild, finde ich. Oder um Hanns Koren zu zitieren: Heimat ist Tiefe und nicht Enge.

Wie geht es Ihnen mit dem Einüben ins Tirolertum?

Dass mir die Menschen beim ersten Gebet im Dom die Hände aufgelegt haben, war ein starkes Zeichen. Freilich muss ich noch „Tirol lernen“. Zwei Worte kann ich schon: „Griaß enk!“ und „Luschtverluscht“. Das heißt Frustration auf Tirolerisch (lacht).

Kommentieren

Bei der Erstellung von Kommentaren haben Nutzer rechtliche Bestimmungen (z. B. Privat-, Strafrecht), die Netiquette und Forenregeln einzuhalten. Was wir in diesem Forum nicht dulden: Beschimpfungen, Verspottungen, Belästigungen, Ehrbeleidigungen, Verhetzung, Diskriminierung in jedweder Form, Rassismus, Aufrufe zu Gewalt oder gar Selbstjustiz. Beiträge, die diesen Bestimmungen zuwiderlaufen, werden bei Kenntnis gelöscht, Nutzer im Wiederholungsfall gesperrt. Zudem behalten wir uns die stundenweise oder völlige Schließung von Foren vor. Wir weisen Sie darauf hin, dass wir auch keine Links zu anderen Websites akzeptieren.
Als Nutzer stimmen Sie der Speicherung der von Ihnen angegebenen Daten (Stamm-, Verkehrsdaten, etc.) ausdrücklich zu. Die angegebenen Daten werden an staatliche Stellen (z. B. Polizei, Gericht) bei Untersuchung von vom Nutzer verbreiteten Materialien, oder sonst vorgenommenen ungesetzlichen Aktivitäten, weitergegeben. Weiters werden angegebene Daten (Name und Adresse) an sonstige Dritte bei Verletzung von Rechten oder sofern deren Rechtsverletzung nachvollziehbar behauptet wird (zB gem. § 18 Abs. 4 ECG), weitergegeben. Mit der Erstellung von Kommentaren stimmen Sie dem ausdrücklich zu und verzichten auf die Geltendmachung von jeglichen Ansprüchen. Siehe dazu auch unsere Forenregeln/Betriebsbedingungen in den AGB.