Kärnten wähltKnoflacher: "In Kärnten wird erst gebaut, dann geschaut"

Hermann Knoflacher, Verkehrsplaner ohne Scheu vor klaren Worten, über den Irrsinn der Koralmbahn, Finanzierungs-Märchen und Radfahren bei Minus 18 Grad.

Knoflacher kritisiert die Mutlosigkeit in Raumordnungsfragen
Knoflacher kritisiert die Mutlosigkeit in Raumordnungsfragen © APA/Herbert Pfarrhofer
 

Quer durch Kärnten wird an einer Eisenbahnstrecke gebaut, die knapp vor Klagenfurt endet und für deren weiteren Verlauf es keine Pläne gibt. Wie kann so ein wichtiges Raumordnungsthema über Jahre ignoriert werden?
HERMANN KNOFLACHER: Weil es jenen, die die Tunnel bauen wollten, wurscht war, was weiter passiert. Die Verantwortlichen bei der ÖBB, allen voran Horst Pöchhacker (ehem. Aufsichtsratschef, Anm. d. Red.), haben in Haider, Klasnic und Gorbach Erfüllungsgehilfen gefunden. Das kannte man von der Autobahnumfahrung Klagenfurts. Da sagte jeder Experte: Machen wir einen Tunnel im Westen der Stadt um den See zu schonen, aber meiden wir denn Norden, denn der ist ökologisch ein sensibles Gebiet. Jetzt haben wir diese Tunnelkette, die eine Dauerbaustelle ist.

Zurück zu den Zügen: Die werden ja weiterfahren müssen.
Da machen Sie sich übertriebene Sorgen. Der Güterverkehr umfährt Österreich längst. Dieses Schlagwort der Baltisch-Adriatischen-Achse betrifft uns nicht im Entferntesten. In Ungarn kann man 20 Kilometer Freistrecke zum Preis von einem Tunnelkilometer in Österreich bauen. Natürlich nehmen die Güterzüge dann diesen, billigeren Weg. Der Schwerverkehr auf der Schiene, den man ankündigt, wird so nie kommen.

Die Koralmbahn wird Ihrer Meinung nach eine Pendlerstrecke?
Milliardenloch trifft es eher. Um diese Strecke kostendeckend zu führen, bräuchte man 30.000 Kunden, die zum Vollpreis jeden Tag pendeln. Und da reden wir nicht von den Kosten für die Strecke über Neumarkt. Werden wir die schließen oder erhalten? Denn die kostet im Betrieb ja auch Geld.

Sie erheben Generalanklage gegen die Politik.
Praktiker sagen mir: In Österreich wir nur gebaut, wenn Provisionen fließen. Das erklärt viele Projekte. In Kärnten kommt die Märchengläubigkeit dazu. Erinnern Sie sich, als Haider ankündigte: Durch den Verkauf der ÖBB-Gründe entlang des Wörthersees verdienen wir uns eine Tunnelkette? Kein Quadtatmeter Seegrund ist da dabei, entsprechend hätte man auch nie diese Preise erzielt.

Kärnten hat den höchsten Quadtatmeterverbrauch für Wohnbauten. Was läuft falsch?
Man lebt nach dem Motto: Erst bauen wir, dann schauen wir. Entsprechend ist die Raumordnung hauptsächlich damit beschäftigt, hinterher aufzuräumen. Und der Fokus auf das Auto vernichtete die Ortskerne. Man hätte gesetzlich die Möglichkeit Garagen an den Dorfrändern vorzuschreiben. Was wäre die Folge: Die Dörfer würden blühen, weil man alles fußläufig erreichen müsste. Die Reichsgaragenordnung, an der wir uns immer noch orientieren, stammt aus 1939 und wurde damals erlassen, um die Nazi-Industrie zu stützten. Kärnten läuft wirklich Gefahr „schiach“ zu werden. Schauen Sie sich die Gewerbezonen rund um Spittal oder Villach an, eine scheußliche Verhüttelung.

Die Grünen forderten letzten Sommer Tempo 100 auf der Wörthersee Autobahn. Gute Idee?
Ein kultivierter Umgang mit einem Problem in einer besonders sensiblen Region. Aber auch ein alter Hut. Die Forderung kenne ich aus einem Verkehrsministertreffen 1971. Fast alle Teilnehmer der Besprechung waren dafür, einzig der Vertreter der deutschen Autoindustrie dagegen. Sie sehen, wer sich durchgesetzt hat.

Was muss Kärnten tun, um den Radverkehr zu stärken?
Radln. Ich war oft in Finnland, bin bei Minus 18 geradelt. Wenn man flächendeckend 30er-Zonen einrichtet und die kontrolliert, wird das außerdem sehr billig, denn dann braucht man keine eigenen Radwege bauen.

Zur Person

Hermann Knoflacher (78) wuchs in Korpitsch in der Nähe von Fürnitz auf. Er ist emeritierter Professor für Verkehrsplanung an der Technischen Universität Wien. Knoflacher ist bekannt für seine Kritik am Auto-Verkehr und gilt als Vertreter der „sanften Mobilität“. Er prägte den Satz: „Kärnten hat sich an das Autobahnkreuz genagelt.“
Er erfand das „Gehzeug“, einen Rahmen aus Holz, den man sich beim Gehen umhängen kann, um den Platzverbrauch eines Autos zu simulieren.

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Danke für Ihr Verständnis.

georgXV
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FREIE Fahrt für FREIE und mündige Bürger !!!

dies ist KEINE Aufforderung zum aggressiven Rasen und / oder Fahren unter Alkohol- und / oder Drogeneinfluß !!!
Tempo 130 ist ein Relikt der Steinzeit (Ölkrise in den 70er Jahren) !!!

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orbil
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Das sieht die Bau-und Zementindustrie aber anders, diese Sponsoren


und jetzt bitte nicht den Verkauf des Flughafens gefährden so knapp vor der Wahl.

Ein verkaufter Flughafen ist auch ein Jahrhundertprojekt und ein Beweis dafür, dass die Politiker an dieses Land glauben.

Bleiben die Schnellzüge in Klagenfurt überhaupt noch stehen, oder rasen sie durch?

Klagenfurt an der Koralmbahn oder Klagenfurt an der Autobahn, Klagenfurt am Flugplatz wird es jedenfalls nicht mehr.

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CuiBono
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Schon richtig

Knoflacher hat in vielem Recht, spricht allerdings mMn auch etwas aus einer verständliche Altersverklärtheit.

Das Koralmbahnprojekt kann selbstverständlich nur ein Anfang bzw. Teilstück sein.
Der weitere Ausbau ist unabdingbar.

Das wahre Problem liegt ja wirklich in der Politik und deren (klar korrupter) Kurzsichtigkeit. Hier liegt es am Wähler, das zu ändern.
Oder glauben die Kärnter wirklich, wenn sie bei den nächsten LT-Wahlen am 04. März Blau wählen, wird die "Jörgl-selig Gedenkttunnelkette" am Nordufer des Wörthersees Wirklichkeit?

Wie vertrottelt hier zu Lande agiert wird, zeigte doch schon der Bau der A2 - als damalige vorgeblich tourismusfördernde Aussichtstrasse - mit zwei am Klagendorfer Ring endenden Vollabfahrten.
Vollabfahrten für Vollkoffer.
Die Vollabfahrten wurden längst zurück gebaut - zu Parkplätzen. Die Vollkoffer sind in unverdienter Pension, jetzt gibt es Neue, sonst nix Neues.

Die im Interview eh angesprochene vertrottelt geplant und gebaute Nordumfahrung unter Verzicht auf einen Kreuzbergltunnel für die lokale Anbindung von Nord nach West und Süd, ist ein weiterer Beweis lokaler Weitsicht.

Muss ich noch seltsame Aus- und Rückbauten bei den Haupteinfallsstraßen und die besonders ausgeklügelte Busführung Klagendorf's erwähnen.

Ich glaub, ich lass es lieber.

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wjs13
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Bin überrascht, dass ich Knoflacher erstmals zustimmen kann

Habe das Loch durch die Koralm immer schon als dümmstes Projekt der Jahrhunderts bezeichnet.
Die Katastrophe kommte erst für die Wörtherseegemeinden am Nordufer, wenn ohne Pause Schrott-Güterzüge aus dem Osten durchrattern, mit dB Werten die einem Jet Start entsprechen.

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SoundofThunder
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Etwas fehlt

Die Verantwortlichen bei der ÖBB ,allen voran Pöchhacker haben in Haider,Klasnic,Gorbach UND Forstinger Erfüllungsgehilfen gefunden. Und die Fostinger sitzt wieder im Aufsichtsrat.

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