Einquartiert in Wolfsberg, bis auf Weiteres
Vom zermürbenden Warten auf eine Antwort: Lokalaugenschein bei jenen acht Flüchtlingen, die der Landeshauptmann "abschieben" wollte.
Samvel O. (30) sitzt im Frühstücksraum der Wolfsberger Pension Zechner und wartet. Durch das Fenster kann der Armenier den angrenzenden Tennisplatz überblicken. Die pralle Nachmittagssonne fällt auf den dunkelroten Sand. Ein junges Pärchen trainiert sichtlich ohne großen Ehrgeiz. Der Ball fliegt hin und her, hin und her. Irgendwann landet er im Netz.
Medien. In der vergangenen Woche haben sich unzählige Journalisten hier die Klinke in die Hand gegeben. Gegen ihren Willen wurden Samvel und sieben weitere Flüchtlinge (darunter zwei Kinder) zu Berühmtheiten. "Manche Menschen sehen uns auf der Straße an wie Banditen", sagt Samvel. Nicht alle, gleichwohl: Unlängst habe ihnen ein Mann Zigaretten geschenkt. Wortlos, einfach so.
Rückblende. Freitag, 18. Juli in einem Flüchtlingsheim bei Krumpendorf: Gegen acht Uhr früh klopft es an der Tür des gelernten Malers. Die Zimmerwirtin verlangt nach ihm, man müsse reden, es gäbe ein Problem. ?Welches Problem?“, fragt Samvel. Wenig später ist er im Bilde: Asyl-Beamte fordern ihn auf, seine Sachen zu packen und in einen Bus zu steigen. Wohin? In ein anderes Quartier, in der Steiermark, heißt es zunächst. Ins Flüchtlingslager Traiskirchen, erfährt er später.
Was, wenn er sich weigert? Dann werde er ?auf die Straße gesetzt“, und müsse auf die Grundversorgung verzichten: Unterkunft, Nahrung, Taschengeld. Samvel O. unterschreibt eine Einwilligungserklärung und verlässt jenes Haus, das ihm die letzten Monate Heimat war.
Sechs Euro, 80 Cent. Wie fünf weitere Asylwerber hätte er den Bus "freiwillig" bestiegen, wird der Flüchtlingsbeauftragte des Landes, Gernot Steiner, Tage später verlauten. Steiner selbst war bei der Aktion nicht anwesend, ebenso wenig BZÖ-Landeshauptmann Jörg Haider, der den Auftrag zur "Abschiebung" erteilt hatte. Haiders Argument: die sechs Flüchtlinge seien straffällig geworden.
"Kein Verbrechen." "Ich habe kein Verbrechen begangen", beteuert Samvel. Wohl räumt er ein, dass es einen Zwischenfall mit der Polizei gegeben habe, es wurde Anzeige erstattet. "Eine Dummheit", sagt er, die ihm peinlich wäre. Es ging um sechs Euro und 80 Cent. Letztlich sei niemand zu Schaden gekommen. Der Akt liegt bei der Polizei, eine Verurteilung gibt es noch nicht. Vor dem Gesetz ist Samvel O. damit unbescholten, nicht aber vor dem Landeshauptmann, der Härte demonstrieren will. In zwei Monaten wird gewählt.
Nicht weit. Der Flüchtlings-Bus kommt nicht weit. Kurz vor der steirischen Grenze wird er im Auftrag von Innenministerin Maria Fekter von der Autobahnpolizei gestoppt. Die Asylwerber verbringen die halbe Nacht am Polizeiposten, dabei erleidet ein Mongole einen epileptischen Anfall. Bei der medizinischen Versorgung übersetzt Samvel: Er lebt seit vier Jahren in Österreich und spricht fast fließend Deutsch. Tags darauf verfügt die Innenministerin, dass die Flüchtlinge in der Wolfsberger Pension untergebracht werden. Bis auf Weiteres.
Neuer Versuch. Am folgenden Montag versucht Haider erneut, drei Asylwerber nach Traiskirchen zu verschicken, diesmal ohne Ankündigung. Fekter lässt zwei von ihnen sofort wieder nach Kärnten bringen. Auch sie kommen in Wolfsberg unter. Bis auf Weiteres.
"Ihr seid unsere Gäste." Die Flüchtlinge wurden in der Pension freundlich aufgenommen. "Bitte schreiben Sie, dass wir uns bedanken", sagt Samvel. Er werde behandelt wie ein zahlender Kunde. "Aber ich bin kein Tourist. Ich will wissen, was mit mir passiert." Das Warten auf eine Antwort zermürbt.
Eingeladen. Obwohl Samvel als Asylwerber mit einem monatlichen Taschengeld von 40 Euro auskommen muss, bestellt er Getränke für den Fotografen und mich. Gemeinsam mit seinem Landsmann Arman M. (43) hindert er uns am Zahlen. "Ihr seid unsere Gäste."
Lachen. Arman M. spricht kaum Deutsch, aber er lacht viel und zeigt fröhlich seine funkelnden Zahnplomben. Wie Samvel ist er aus Armenien geflüchtet, mit ihm sein 14-jähriger Sohn Georg. Als Angehörige einer armenischen Minderheit waren sie in ihrem Heimatland Aserbaidschan unerwünscht. In Armenien wiederum wurden sie als vermeintliche Aserbaidschaner verfolgt. Bis auf Weiteres stehen sie nun erneut zwischen den Fronten












