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Zuletzt aktualisiert: 29.09.2007 um 18:59 Uhr

Brot für die Armen

Der VinziBus bringt täglich Brot und Tee zu den Obdachlosen. Die Kleine Zeitung war an einem Abend dabei. Über Hunger, Hilfe und die Hoffnung, zu überleben.

Der VinziBus versorgt Bedürftige in Klagenfurt mit Tee und Brot

Foto © EderDer VinziBus versorgt Bedürftige in Klagenfurt mit Tee und Brot

Werde ich heute genug zu essen bekommen? Wo werde ich schlafen? Es ist schon dunkel. Ein älterer Mann sitzt in einer unbeleuchteten Ecke des Parkplatzes und wartet geduldig. Der Mann wirkt gepflegt. Ob er schon weiß, wo er heute schlafen wird? Als plötzlich die Scheinwerfer eines Busses im Dunkeln auftauchen, scheint es, als würde er "Gott sei Dank" sagen und sein Gesicht den Ausdruck der Härte verlieren.

Der VinziBus stoppt in seiner Nähe. Eine Helferin kommt auf ihn zu. Sie schüttelt ihm die Hand. Ein langer Händedruck - so als ob er sie gar nicht mehr loslassen möchte. "Wie geht es Ihnen heute?", fragt sie. Die VinziBus-Helferin kennt ihn seit Monaten. "Naja. . .", sagt er und lächelt tatsächlich. "Wollen Sie ein Brot?" "Ja, bitte gerne". Sie geht zum Bus und holt ein mit Wurst belegtes doppeltes Schwarzbrot aus der Schachtel. An diesem Abend wurden die Brote von der Dompfarre gemacht. In der Schachtel daneben liegt Gebäck - Semmeln und Kornspitz.

Frau will nichts essen. Plötzlich tauchen aus der Dunkelheit weitere Menschen auf. Darunter zwei groß gewachsene Burschen - keine 30 Jahre alt. Und eine Frau mittleren Alters. Die Haare hängen ihr ins Gesicht, sie humpelt. Einer der schon beim Bus stehenden Männer kennt sie. Er redet energisch auf sie ein, aus Fürsorglichkeit. Es heißt, sie sei schwer krank. "Möchten Sie ein Brot heute?" wird die Frau gefragt. Sie schüttelt den Kopf. Sie kommt gar nicht so sehr wegen des Hungers, als vielmehr wegen der menschlichen Wärme. "Sie müssen aber was essen", sagt die Helferin besorgt. "Ich werde Ihnen etwas einpacken." Die Frau nickt.

Auch Kleidung. "Wo wirst denn heute schlafen?" hört man im Hintergrund einen Mann fragen. Er unterhält sich mit einem anderen Mann - beide beißen hastig in die Brote. Die Temperaturen sind an diesem Abend erstmals knapp über Null Grad. Der Angesprochene weiß nicht, ob er heute ein Dach über dem Kopf haben wird. Oder ob er wieder einmal draußen in der Kälte frieren muss - wie schon am Tag. In der kalten Jahreszeit bringt der Bus sogar manchmal warme Bekleidung mit, die dann noch vor dem "Abendmahl" anprobiert wird. An diesem Abend war es noch nicht soweit.

CLAUDIA BEER-ODEBRECHT
Seite 2: "Eine Tankstelle menschlicher Wärme"

Während die Helferin mit der kranken Frau spricht, schenkt der Fahrer des Busses heißen Früchtetee aus. Einer der jungen Männer beißt ins Brot und trinkt hastig den Becher leer. Sein Blick wirkt verschleiert. Vom Alkohol?

Leidet er an Einsamkeit? Oder sieht man seine Traurigkeit? Leidet er wie viele hier am Parkplatz gar unter Einsamkeit? "Wollen Sie noch ein zweites Brot?", wird er gefragt. "Ja, bitte gerne", antwortet er höflich. Dankbar für die Hilfe sind sie hier alle. Für das Essen - und für die netten Worte.

Jeden Tag warten die Obdachlosen auf den Bus mit der Aufschrift "Tankstelle menschlicher Wärme". Er fährt verschiedene Stationen in Klagenfurt an. Angefahren werden diese täglich zur annähernd selben Zeit. 365 Tage im Jahr. Was den Helfern in den vergangenen Wochen aufgefallen ist: Es sind immer mehr Jugendliche unter den Wartenden. Wo der Bus hält, wissen die Bedürftigen längst. Der Gemeinschaftssinn unter den Ärmsten der Gesellschaft ist so stark, dass niemand den anderen im Stich lässt. Auch wenn jeder einzelne für sich jeden Tag ums Überleben kämpfen muss. . .

Ehrenamtliche Arbeit. Ehrenamtliche machen diese Hilfe erst möglich. Rund 50 Helfer der Vinzenzgemeinschaft sind abwechselnd mit dem Bus unterwegs. Jeden Tag holen sie an einer bestimmten Stelle eine Schachtel Gebäck ab. Oft ist auch Süßes dabei. Essen, das sonst im Müll landet. Dann gibt es noch verschiedene Institutionen, die in ihren Küchen die Brote streichen und belegen und den Tee kochen - ehrenamtlich.

"Mit Geld nicht bewertbar". "Für unsere Helfer sind es ein paar ehrenamtliche Stunden in der Woche, wie viel man den Obdachlosen aber mit einer netten Geste geben kann, lässt sich in Zeit und Geld gar nicht bewerten", hat der österreichweit bekannte Vinzi-Pfarrer Wolfgang Pucher aus Graz einmal gesagt. Das spürt man auch an jenem Parkplatz, der nicht nur durch die Scheinwerfer des kleinen Busses erhellt ist.

Pensionisten. Einige der Menschen stehen vor dem Bus, essen und schweigen. Andere erzählen aus ihrem Leben. Von der Arbeitssuche, den Liebsten im Himmel oder der Krankheit, die man nicht anständig auskurieren kann. Auch Pensionisten gibt es hier - weil sie von der Mindestpension nicht wirklich leben können.

Gegen den Hunger. Ein alter Mann kommt auf die Gruppe zu, gibt jedem Helfer die Hand. "Ich bin froh, dass ihr wieder da seid", sagt er. "Kann ich heute wieder drei Brote haben?" Die Helferin gibt sie ihm. Sie weiß, dass er eines vor dem Schlafen, eines zum Frühstück und eines während des morgigen Tages essen wird - so bleibt er einigermaßen satt, bis der Bus abends wieder kommt.

Ich weiß nicht... Zufrieden blicken die Helfer nach über einer Stunde in die Runde. Der ärgste Hunger scheint gestillt zu sein und der Tee hat ein bisschen gewärmt. Wie auch die Zuwendung, die diese Menschen hier erfahren haben. Jetzt werden sie in die Nacht entlassen. Die Helferin geht auf den gepflegten älteren Mann zu und verabschiedet sich mit den Worten: "Dann bis morgen!" Er drückt ihr noch einmal dankbar die Hand. Lächelt, dass man seine Zahnlücken sehen kann, und sagt: "Ich weiß ja gar nicht, ob ich morgen noch lebe. . ."

CLAUDIA BEER-ODEBRECHT

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