Arijons behutsamer Start ins Leben
Ein Bub aus Mazedonien, Arijon, wurde zu früh geboren. Damit er überlebt, kam seine Mutter nach Klagenfurt.

Foto © KLZ/Susanne HasslerPerian Dauti mit ihrem Sonnenschein. Da die Frau bereits zwei Fehlgeburten hatte, entschied sie sich, Arijon in Kärnten zur Welt zu bringen
Der Anfang war beinahe das Ende. Arijon kam viel zu früh zur Welt. Eigentlich sollten bei seiner Geburt die Herbstblätter von den Bäumen fallen. Doch durch die Fenster des Klinikums Klagenfurt strahlte die Frühlingssonne - es war der 15. Mai 2012.
"Kinder, die ab der 24. Schwangerschaftswoche geboren werden, haben eine Überlebenschance von 50 Prozent", sagt Oberarzt Raimund Kraschl. Arijon wurde nach 24 Wochen und zwei Tagen geboren. Seine Haut war durchsichtig und weiß. Seine Blutwerte schlecht. Sein Leben stand an der Kippe. Er wog 780 Gramm und war nur 33,5 Zentimeter groß.
Jetzt hält Kraschl einen 2,9 Kilo schweren Buben im Arm, der seine Finger spreizt und seine rosa Lippen spitzt. Arijon hat überlebt. Nicht nur für seine Mutter Perian Dauti ist das ein Wunder.
Die Frau hatte in ihrer Heimat Mazedonien bereits zwei Fehlgeburten, weil sie an einer Rhesusunverträglichkeit leidet, bei der es zur Zerstörung der kindlichen roten Blutkörperchen kommt. Als die 41-Jährige zum dritten Mal schwanger wurde, wusste sie sofort: Sie muss weg aus Mazedonien. Sie muss bis zur Geburt des Kindes in ein Land ziehen, in dem es bessere medizinische Standards gibt. Da ihr Schwager samt Familie seit 20 Jahren in Wölfnitz bei Klagenfurt lebt, flog die werdende Mutter nach Österreich. Noch im Mutterleib bekam ihr Baby - über die Nabelschnur - Bluttransfusionen. Doch dann setzten die Wehen fast vier Monate zu früh ein. "Die Lage war akut bedrohlich", erklärt Oberarzt Kraschl. "Arijon war extrem blutarm und zählte zu unseren extrem unreifen Frühchen."
Arijon brauchte Bluttransfusionen. Er wurde an die Beatmungsmaschine angeschlossen. Er kämpfte. Perian Dauti, ihr Ehemann und ihre Klagenfurter Verwandten gingen durch Himmel und Hölle. Die Mutter, die kein Wort Deutsch spricht, war fast durchgehend auf der Neonatologie im Klinikum. Sie legte sich ihr Baby auf den Bauch, damit es Hautkontakt hatte. Sie redete in die Öffnung des Brutkastens hinein, damit Arijon ihre Stimme hörte. Dann der Meilenstein: Arijon konnte von der Beatmungsmaschine genommen werden.
Einflüsse reduzieren
150 Frühgeborene "landen" pro Jahr bei Oberarzt Kraschl und seinem Team. "So ein Frühchen ist im Spital extremen Reizen ausgesetzt", weiß der Mediziner. Es riecht nach Desinfektionsmittel. Überall Licht, Schläuche, Messgeräte, Stimmen. Mit der Ruhe im Mutterleib hat das wenig zu tun. Aber die Eltern, Ärzte und Pflegerinnen tun alles, um diese Einflüsse zu reduzieren. Eine Schwester streichelt sanft die Zehen eines Mädchens, das ebenfalls im Klinikum betreut wird. "Du wirst einmal eine wilde Henne", sagt sie zum Kind. Und strahlt die Kleine an, als gebe es den Brutkasten gar nicht. Richtige Nestchen aus Decken und Tüchern haben die Schwestern den Babys gebaut. Das alles soll den Mutterleib, so gut es geht, simulieren. Irgendwer hat ein Plüschtier in einen Brutkasten gelegt. So viele kleine Gesten, die von so viel Liebe zeugen.
Rückkehr in die Heimat
Arijon hat den Brutkasten mittlerweile verlassen. Er trinkt selbstständig aus der Flasche und hat keine Atemaussetzer mehr. Für den Fototermin zog ihm seine stolze Mama einen weißen Strampler an. "Wir sind alle ganz verliebt in Arijon", sagen die Kärntner Verwandten, die in den letzten Monaten Dolmetsch für Mutter und Ärzte spielten. In einer Woche werden Arijon und seine Mutter zurück nach Mazedonien fliegen, wo schon sein Vater sehnsüchtig wartet.
Dort, in der Heimat, könnten die Eltern allerdings bald von einem finanziellen Problem eingeholt werden: Da die Frau in Österreich nicht sozialversichert ist, muss sie für Arijons Krankenhauskosten theoretisch selbst aufkommen. Die sind laut ersten Schätzungen auf über 150.000 Euro angestiegen. Eine Summe, die für die Familie nicht zahlbar sein wird (siehe Spendenkonto).
Doch was ist schon Geld: Arijon lebt. Nur das zählt. "Was wäre die Alternative gewesen?", fragt Kraschl. "Diese Mutter wollte unbedingt ein Kind. In Mazedonien hätte ihr Baby keine Chance gehabt. Die Alternative wäre also Arijons Tod gewesen."













