Anneliese Rohrer: "Ich bin keine Kärntnerin"
Die "Enge" vertrieb die Journalistin Anneliese Rohrer mit 18 aus der Stadt. Heute hält sie auch den Wählern hier vor, Teil des korrupten Systems zu sein.

Foto © Traussnig
Frau Doktor, Sie beobachten die heimische Politik seit fast vierzig Jahren. Hat Sie in den letzten vier Wochen doch etwas überrascht oder gar schockiert?
ANNELIESE ROHRER: Das Ausmaß der Korruption hat mich nicht überrascht - nur, dass diese jetzt gestanden wird. Ein bisschen schockiert hat mich vielleicht, wie auch schon beim Untersuchungsausschuss im Parlament in Wien, was für Leute, von welcher Qualität in diesem Land mit öffentlichen Geldern jonglieren. Privat würden Sie denen nicht einmal 3000 Euro anvertrauen.
In ihrem Buch "Charakterfehler" haben Sie 2005 befunden: In der Politik tummelten sich Lügner, Falotten, Diebe. Anstand sei ein Fremdwort. Würden Sie es heute noch schärfer formulieren?
ROHRER: Ich würde die Umgebung der Politiker stärker zur Verantwortung ziehen. Damit so ein System funktioniert, braucht es Mitläufer, Mitwisser, Mitschneider. Ich kann auch die Wähler nicht freisprechen: Sie wussten, dass Jörg Haider aus der Balance war, dass viele Projekte wahnsinnig waren: Die Untertunnelung des Wörthersees! Die Seilbahn zum Stadion! Wenn ich jetzt höre: "Wir haben es nicht gewusst . . . " Alles, was jetzt aufbricht, war bekannt. Dennoch haben sie Haider mit einer Mehrheit ausgestattet.
Warum war er ausgerechnet hier zuerst und so erfolgreich?
ROHRER: Erstens, die Enge. Die Kärntner haben die Karawanken vor der Nase, da sieht man nicht weit. Zweitens, Feigheit. Hier herrscht ein besonderes Einschüchterungssystem, wie man es sonst nur in Niederösterreich findet und das die SPÖ ab 1945 aufgebaut hat. Die Kärntner wehrten sich ja auch nie gegen Leopold Wagner. Drittens, Egoismus. Sie waren alle an der Korruption beteiligt, sie haben das Geld genommen, das Haider in bar verteilt hat. Was dachten sie, woher es kommt?
Ist Kärnten korrupter als andere Bundesländer? Oder ziehen es die Wiener, Niederösterreicher und Burgenländer nur geschickter auf?
ROHRER: Die Kärntner sind nicht korrupter als andere. Jörg Haider hat das ganze Land nach seinen Wohltaten süchtig gemacht. Das ist vielleicht die einzige Entschuldigung, dass man von Süchtigen kein klares Denken erwarten kann.
Hegen Sie die Hoffnung, dass jetzt . . .
ROHRER: Nein.
Aber dem Aufruf in Ihrem Buch "Ende des Gehorsams", sich zu engagieren sind doch viele "Mutbürger" gefolgt.
ROHRER: Und interessanterweise hat Franz Miklautz die erste Mutbürgergruppe hier in Klagenfurt ins Leben gerufen und auf die Beine gestellt. Er brachte vergangenen Dezember dann 700 Leute vor die Landesregierung, was hier sehr mutig ist, wo jeder jeden kennt. Jetzt registriere ich leider eine gewisse Hilflosigkeit und Resignation. Ich fürchte, die Kärntner werden kollektiv den Rückzug ins Nichtwählertum antreten. Ich wäre nicht überrascht, würde die Beteiligung an der nächsten Landtagswahl unter 50 Prozent liegen.
Sie haben Klagenfurt sofort nach der Matura verlassen. War damals schon das politische Klima ausschlaggebend?
ROHRER: Ich war damals noch nicht so politisch, ich fühlte mich hier eingesperrt. Klagenfurt war Mitte der Sechzigerjahre eine dumpfe Beamten- und Schulstadt. Es war noch enger als heute: die Kessellage, hinter den Karawanken das kommunistische System und davor die Partisanenphobie. Ich wollte nicht hier leben, wo ich dieselben Leute jeden Tag zur selben Zeit um die selbe Ecke biegen sehe - nicht wissend, dass einem das auch in New York passieren kann. Mit 18 fuhr ich nach Graz, um mich für ein Stipendium für ein Schuljahr in Amerika zu bewerben. Schon auf der Pack habe ich aufgeatmet, allein Graz war eine andere Welt.
Warum machen Sie dann heute Urlaub hier?
ROHRER: Weil ich hier mein Elternhaus habe und weil meine Tochter, die nur schöne Kindheitserinnerungen mit Klagenfurt verbindet, mehr an Kärnten hängt als ich. Zu Haiders Zeiten, in den Neunzigern und nach 2000, gab es Jahre, in denen ich gar nicht hier war. Ein Spaziergang durch die Stadt wurde zum Spießroutenlauf, die Leute haben mich angepöbelt. Man konnte jedes Verwandtentreffen mit einer einzigen slowenenfreundlichen Bemerkung sprengen. Und dann entgegen alle: "Ja, aber die Lebensqualität!" Frische Luft zu atmen, darunter verstehe ich, dass ich, die ich meine halbe Kindheit hier in Loretto verbracht habe, mir nicht anhören muss: "Ihr Wiener versteht's das nicht."
Ist es Absicht, dass man Ihnen die Kärntnerin nicht anhört?
ROHRER: Ja, aber wenn ich mich sehr echauffiere, kommt es leider durch. Es ist mir unangenehm, wenn das in einem Fernsehinterview passiert. John F. Kennedy, hat gesagt: "Ich bin ein Berliner." In Anlehnung an ihn möchte ich sagen: Ich bin keine Kärntnerin.
Verwenden Sie trotzdem noch einen Kärntner Ausdruck?
ROHRER: Foafale.
Was heißt das?
ROHRER: ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz ist ein Beispiel dafür.













