"Christine Lavant konnte auch richtig gut blödeln"
Elisabeth Wigotschnig, Witwe des Christine-Lavant-Erben Armin Wigotschnig, über Klagenfurter Jahre der Lyrikerin, ihr Heimweh und Feste.

Foto © Kleine Zeitung/Markus TraussnigWigotschnig im Interview
Der Kulturraum Klagenfurt lädt morgen zu einer "Reise" auf den Spuren von Christine Lavant durch die Landeshauptstadt. Wie kam es überhaupt zum Umzug der Lyrikerin nach Klagenfurt?
ELISABETH WIGOTSCHNIG: Christine Lavant wollte weg von St. Stefan und nach Klagenfurt, weil auch eine ihrer Schwestern, Anni Wigotschnig, der sie sehr verbunden war, hier lebte. Immer wenn sie in Klagenfurt war, hat sie bei Anni übernachtet. Als deren Mann überraschend verstarb, wollten die beiden Schwestern einander nahe sein.
Doch so schön, wie erhofft, war es für Christine Lavant in Klagenfurt dann nicht.
WIGOTSCHNIG: Nein. 1963 erlitt Josef Benedikt Habernig, Lavants Ehemann, einen Schlaganfall. Seine Tochter nahm ihn in Klagenfurt auf, um ihn zu pflegen. Christine war dazu gesundheitlich nicht in der Lage. Sie besuchte ihn aber regelmäßig, bis er 1964 verstarb. Anni erkrankte an Krebs. Armin und Christine haben mit ihr die letzte Zeit im Krankenhaus verbracht, bevor sie 1965 verstarb. Als sie 1966 in ihre Wohnung in den Sternhochhäusern zog, hatte sich die Situation also sehr verändert.
Gab es keine Möglichkeit, den Umzug abzusagen?
WIGOTSCHNIG: Nein, es war schon alles organisiert. Ich denke, der Magistrat hat ihr die Wohnung zur Verfügung gestellt. Sie wollte niemanden brüskieren.
Was waren die Probleme in Klagenfurt?
WIGOTSCHNIG: Sie hatte ein Leben lang in einem Dorf gelebt, wo die Leute sie kannten. Sie musste keine Rücksicht nehmen. Es war natürlich ein Problem, dass sie bei Tag die meiste Zeit schlief und in der Nacht dann arbeitete und auch die Wohnung aufräumte. Sie hat sehr schlecht gehört und gesehen, stieß daher gegen die Möbel und war laut.
Hat es je Beschwerden der Nachbarn deswegen gegeben?
WIGOTSCHNIG: Nicht, dass ich wüsste. Es war mehr ihre Sorge. Sie wollte keinen Konflikt, daher waren diese zwei Jahre in Klagenfurt sehr angsterfüllt.
Doch es gab auch schöne Momente?
WIGOTSCHNIG: Sie hatte nichts gegen Klagenfurt an sich. Sie hatte hier Freunde. Als wir in Wien lebten, hat sie uns besucht, zum Beispiel für Lesungen während der Festwochen. Sie lernte damals Prominente wie Lotte Tobisch kennen und war nicht schüchtern im Umgang mit ihnen. Vom Tonhof in Maria Saal kannte sie viele Schriftsteller wie Thomas Bernhrad, der später einen Band mit ihren Gedichten herausgegeben hat. Sie war mit dem Ehepaar Lampersberg gut befreundet und konnte bei Festen im Tonhof unglaublich fröhlich sein und vor allem mit Gerhard Lampersberg konnte sie richtig gut blödeln. Sie hatte einfach sehr viele verschiedene Facetten.
Waren die Klagenfurter Jahre für Lavant prägend?
WIGOTSCHNIG: Sie waren nicht so wesentlich. Ihre literarische Zeit war damals praktisch schon vorbei.
Wie kam es schließlich zur Rückkehr ins Lavanttal?
WIGOTSCHNIG: Sie hatte einfach schreckliches Heimweh, vermisste ihre gewohnte Umgebung. Schließlich wurde sie krank und ist in ein Pflegeheim in Wolfsberg gekommen. Sie schrieb meinem Mann, dass sie nicht in die Wohnung zurückkehren kann und er hat dafür gesorgt, dass sie 1968 in das Lintschnig Haus in St. Stefan zurückkehren konnte. In den Sternhochhäusern wäre das Leben sicher komfortabler gewesen. In St. Stefan hatte sie ja nicht einmal ein Bad.
Ihr Mann Armin war Christine Lavants Neffe und stets ihr Vertrauter. Sie hat ihn zum Nachlassverwalter bestimmt. War es eine schwere Aufgabe?
WIGOTSCHNIG: Sie war beim Otto Müller Verlag unter Vertrag und mein Mann hat einfach weitergemacht, Lesungen organisiert und sich um Veröffentlichungen bemüht. Er wollte immer in ihrem Sinne handeln. Als vor einiger Zeit die Briefe von Christine Lavant an Werner Berg zum Verkauf standen, hat sich mein Mann darum gekümmert, dass sie nicht veröffentlicht werden.
Warum?
WIGOTSCHNIG: Das sind intime Briefe zwischen den beiden, die niemand lesen sollte, solange noch Nachkommen von Berg und Lavant leben.
Sie und Ihr Mann haben auch viele persönliche Gegenstände von Christine Lavant wie etwa ihre Möbel, die im Musil-Museum zu sehen sind, aufbewahrt. Waren sie immer schon für die Öffentlichkeit bestimmt?
WIGOTSCHNIG: Mein Mann hatte immer schon die Vorstellung, von einem Raum, in dem die Möbel ausgestellt werden. Deshalb sind wir in Wien und Klagenfurt auch mehrmals damit umgezogen. Sogar ein Küchenkastl aus St. Stefan haben wir heute noch am Dachboden.
Features
FAKTEN
Kindheit. Christine Lavant, eigentlich Christine Habernig, gebore Thonhauser, geboren am 4. Juli 1915 in Groß-Edling bei St. Stefan im Lavanttal, gestorben am 7. Juni 1973 in Wolfsberg. Vor allem in ihrer Kindheit aber auch später erkrankte die Lyrikerin immer wieder schwer an Lungentuberkulose, Skrofulose, Lungenentzündungen und später Depressionen.
Leben und Wirken. 1935 begab sie sich auf eigenen Wunsch in eine Nervenheilanstalt in Klagenfurt, die Erlebnisse verarbeitete sie im Text "Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus". 1939 heiratete sie den um 30 Jahre älteren Kunstmaler Josef Habernig. 1945 begann sie wieder zu schreiben. 1970 bekam sie den Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur.













