"Reform-Bauchfleck" alarmiert Schulleiter
Notbremse von Zentralmatura bringt zahlreiche Direktoren in "entwürdigende" Lage, warnt Schulexperte. -Erneut führt Mathematik die Negativ-Hitliste der Fächer an.

Foto © KanizajBei vielen Schülern, Eltern und Lehrern hat das Reform-Hin-und-Her dieses Schuljahrs Verunsicherung ausgelöst
Nächste Woche Freitag geht ein besonderes Schuljahr zu Ende. Erstaunlich etwa ist, dass die Zahl der "Fünfer" seit Jahren bei ungefähr 10.000 liegt, obwohl es jedes Jahr 800 Schüler weniger gibt. Denn die geburtenschwachen Jahrgänge wandern durch die Schulstufen - ohne dass hinterher mehr nachkommt.
Auch die negative Fächer-Hitparade ändert sich nicht. "Mathematik hat den schlechtesten Platz geradezu abonniert", sagt Landesschulrat-Vize Rudolf Altersberger. Danach folgen Englisch und Deutsch. "Fleck" gibt es sogar in Religion, Bildnerischer Erziehung oder Sport. "Aber höchstens eine Handvoll, und das muss dann an der Einstellung liegen."
Eines aber unterscheidet dieses Schuljahr laut Altersberger von allen vorhergehenden: "Dass eine weitreichende Schulreform in voller Fahrt mitten im Schuljahr mit einer Notbremsung gestoppt wurde." Es geht um die Rücknahme der Zentralmatura bzw. deren Verschiebung um ein weiteres Jahr.
"Bauchfleck"
"Der Start nach guter Vorbereitung war total positiv", sagt Altersberger. "Das vorläufige Ende hingegen ist fast ein Bauchfleck und hat einen Motivationsstopp bei vielen engagierten Beteiligten verursacht."
Nicht zuletzt deshalb, "weil die Blockierer jetzt triumphieren können". Deren Prophezeiungen, das klappe eh nicht und man werde schon sehen, gipfelt jetzt in ein "Das haben wir ja gleich gesagt".
Dabei waren die Erfahrungen durchaus vielversprechend. In den vier Versuchsklassen, die in Mathe bei der zentralen Matura mitgemacht haben, gab es bei den gut 100 Schülern nur drei Fünfer, so wenig wie noch nie. Auch in Englisch, so Altersberger, habe man von den AHS die besten Rückmeldungen erhalten.
Einige Schuldirektoren sind nach wie vor entsetzt über die Entwicklung. Sie haben die Möglichkeit, weiterzumachen, müssen dazu aber die Schulgemeinschaftspartner (Schüler, Eltern und Lehrer) überzeugen. Altersberger findet diese Situation verheerend: "Dass man bitten und betteln muss, um einen pädagogisch wichtigen Schulversuch weiterführen zu dürfen, ist entwürdigend."
Features
Reformpläne
Ziel. Schulexperten verlangen zahlreiche System-Veränderungen, um die österreichischen Schulen an das Spitzenniveau anderer Länder heranzuführen.
Themen. Zu den wichtigsten geplanten Neuerungen gehören gemeinsame Schulen für 10- bis 14-Jährige, ein neues vereinheitlichtes Lehrer-Dienstrecht mit anderen Anwesenheitszeiten, die Ausweitung der Neuen Mittelschulen und die bundesweit einheitliche und daher vergleichbare Zentralmatura.
Konflikte. Über praktisch alle genannten Punkte wird noch verhandelt. Gravierendstes Ereignis mitten im Schuljahr 2011/2012 waren der Stopp und die Verschiebung der Zentralmatura um ein weiteres Jahr.
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Rudolf AltersbergerFoto © Bauer












