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Zuletzt aktualisiert: 15.04.2012 um 05:10 UhrKommentare

"Gerettet hat mich immer die Kunst"

Reimo Wukounig erlebte als Kind Missbrauch und Prügel im Heim in Harbach und in Görtschach. Sein Talent wurde für den Künstler zum rettenden Anker.

Reimo Wukounig erinnert sich mit Schrecken an seine Kindheit in Kärntner Jugendheimen der 60er-Jahre, er schaffte aber trotz Traumata den Absprung in ein Leben als international anerkannter Künstler

Foto © KLZ/PeutzReimo Wukounig erinnert sich mit Schrecken an seine Kindheit in Kärntner Jugendheimen der 60er-Jahre, er schaffte aber trotz Traumata den Absprung in ein Leben als international anerkannter Künstler

Der Fall eines Kärntners, der in den 1960er-Jahren im Landesjugendheim Görtschach "wie ein Tier angekettet und auf abartigste Weise sexuell missbraucht" worden ist, hat viel Staub aufgewirbelt. Der Kleinen Zeitung hat der heute 62-Jährige, der seit Jahrzehnten mithilfe des Opferschutzvereins "Weißer Ring" vergebens um die Herausgabe seines Aktes durch die Landesregierung kämpft, exklusiv von seinem Martyrium erzählt.

In Görtschach war der Mann die "Nummer 44". Sein Vorbild war die "Nummer 33", Reimo Wukounig, damals auch im Erziehungsheim und heute international renommierter Künstler.

"Die Kunst hat mich immer irgendwie gerettet - oder wenigstens getröstet", sagt Wukounig (69), der sich auch mit Schrecken an seine Kindheit im Heim erinnert. "Görtschach war aber nur die verharmloste Variante von Harbach", sagt er. "Mit acht bin ich nach Harbach in Klagenfurt gekommen", erzählt der Kärntner. Wukounig war Halbwaise, 1947 war sein Vater (34) gestorben, seine Mutter war 26. "Harbach war eine Strafanstalt", erzählt der ehemalige Zögling, "das Heim wurde von abgerüsteten Militaristen nazimäßig betrieben". Hunger und Gewalt seien an der Tagesordnung gewesen.

"Im hinteren, schäbigen Teil des Klosters war das Knabenerziehungsheim untergebracht", erinnert sich Wukounig, "die Mädchen, die im vorderen Teil wohnten, sahen wir nur am Sonntag in der Kirche".

Reimo Wukounig erinnert sich noch an die Namen all jener Erzieher, die ihn und die Mitzöglinge damals züchtigten und demütigten. "Einige waren Kriegsinvaliden", sagt er, "ich höre noch das Knarren ihrer Prothesen".

Schüchtern sei er damals gewesen, er wagte nicht zu widersprechen, als ihn der Jahrzehnte später wegen Missbrauchs verurteilte Psychiater Franz Wurst perlustrierte. "Nackt stellte er uns zum Kachelofen und ließ uns fotografieren", erinnert sich der Künstler. Vom Heimleiter Alfons Pichler habe er - wie alle anderen - regelmäßig Prügel bezogen.

"Raimund, nicht Reimo!"

Wukounig, der im Heim Raimund heißen musste, "weil Reimo kein Kalendername ist", für den es Prügel setzte, wenn er, ein Linkshänder, mit der linken Hand zeichnen oder schreiben wollte, "hatte trotzdem Glück": Weil er "ein sauberer Bub" war, durfte er nach dem Unterricht in der Küche arbeiten. "Andere mussten aufs Feld, die Bauern der Umgebung konnten sich uns ausleihen", erzählt er.

"1955 ist das Heim in Harbach aufgelöst worden, weil die Zustände dort untragbar geworden waren", sagt Wukounig, der dann ins Internat nach Görtschach kam. "Sexuelle Übergriffe durch Erzieher oder den Stallknecht habe ich zwar nicht selbst erlebt", sagt er, "aber mich graust noch heute, wenn ich zum Beispiel daran denke, wie mich Fritz H., einer der älteren Zöglinge, zwang, zu ihm ins Bett zu kommen".

In Görtschach sei er "eigentlich privilegiert" gewesen, da sich sein Talent bereits herauskristallisierte. Einer der Erzieher, Bruno Muck, nahm ihn unter seine Fittiche. "Er ging mit mir zum Aktzeichnen", erzählt Wukounig, "ich wagte gar nicht, das nackte Mädchen anzusehen", sagt er, "aus dem Gedächtnis habe ich einen Burschen gezeichnet".

Weniger zimperlich war der Lehrer, der seinen Schüler übrigens auch im "Fach" Onanie unterweisen wollte. Ein "Lieblingsbubi" einer der Tanten sei Wukounig nicht gewesen, er bedauert es nicht: "Lieblingsbubis holten die Tanten in ihre Zimmer . . ."

Wukounig gelang die Flucht in die Kunst. "Ich habe getrutzt, bis sie mich nach Graz an die Ortweinschule gehen ließen", sagt er. Die Kindheit hat er u. a. mit einem Zöglings-Zyklus aufgearbeitet. Bruno Muck traf er eines Tages wieder: "Er empörte sich sehr über meine entartete Kunst."

ELISABETH PEUTZ

Foto

Foto © Wukounig

Bild vergrößernAus dem Zyklus "Einatmen - Ausatmen", Reimo Wukounigs Beitrag zur Biennale 1976 in Venedig; die Zeichnungen sind Teil seiner Aufarbeitung der Zeit im Heim: Franz Wurst ließ die Zöglinge ein- und aus- atmen Foto © Wukounig

Zur Person

Reimo Serge Wukounig, geb am 5. März 1943 in Klagenfurt.

Zögling in Harbach und Görtschach.

Ortweinschule für Kunst.

Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Wien, Assistenzprofessor u. a. an der Hochschule für Angewandte Kunst.

Biennale 1976 in Venedig, internationale Ausstellungen und Auszeichnungen.

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