Köhlmeier: "Dann fällt mir der Buchdeckel zu"
Weder für noch gegen? Der Schriftsteller Michael Köhlmeier (62) spricht am Mittwoch an der Universität Klagenfurt über die "Nichtwiderständigkeit" von Literatur.

Foto © KKKöhlmeier: "Dort, wo sich Literatur in einen fremden Dienst stellt, wird sie schlecht"
Sie haben einmal formuliert: "Es fällt dem Schriftsteller in mir manchmal schwer, dem empörten Bürger in mir nicht nachzugeben, aber immer, wenn ich Literatur geschrieben habe, die ich in irgendeine Dienst zu stellen beabsichtigte, habe ich mich hinterher geschämt - weil sie so schlecht geworden ist". Mussten Sie sich tatsächlich des öfteren schämen?
MICHAEL KÖHLMEIER: Manchmal schon. Das war hie und da bei Texten der Fall, über die ich aber nicht mehr reden möchte. Zumindest in meinen Romanen, die ja mein Herzstück sind, habe ich es immer vermeiden können, als politisierender Mensch aufzutreten.
Haben Künstler nicht auch die Aufgabe, der Gesellschaft eine Richtung zu weisen, im weitesten Sinne auch politisch zu sein?
KÖHLMEIER: Natürlich kann man im "Profil" oder in der "Presse" einen deklariert politischen Text schreiben. Aber wenn ich bei einem Autor merke, er will mich mit seinem Roman, Theaterstück oder Gedicht politisch irgendwo hinführen, dann ärgert mich das.
Wie bewerten Sie dann die Literatur eines Bert Brecht?
KÖHLMEIER: In vielen seiner Sachen finde ich ihn schlecht. Ich denke da an unsägliche Agitprop-Stücke wie "Die Maßnahme" oder "Der Jasager/Der Neinsager". Es wird auch niemand ernsthaft glauben, dass das "Lob der Hirse" ein gutes Gedicht ist. Wenn in einem Roman Figuren vorkommen, die nur Thesenträger des Autors sind, dann fällt bei mir automatisch der Buchdeckel zu. Wenn ich Figuren darstellen will, dann müssen die ihr eigenes Leben haben. Dann muss ich ihnen glauben und nicht dem Autor. Lessing hat das einmal sehr schön gesagt: Wenn eine Figur spricht, dann muss sie für sich recht haben.
Trotzdem haben Sie Bücher geschrieben, die in gewisser Weise aufklärerisch im Dienste einer Sache stehen. Etwa Ihr preisgekröntes Kinderbuch "Rosi und der Urgroßvater", das die Vertreibung von Juden aus Ihrem Heimatort Hohenems thematisiert.
KÖHLMEIER: Das will ich auch gar nicht abstreiten. Aber wenn der Urgroßvater nur das Sprachrohr irgendeiner politischen Meinung wäre, dann wäre das furchtbar.
Sie sind tragende Säule des "Philosophicum Lech", Moderator des "Club 2", gefragter Geschichtenerzähler und Interviewpartner, am Mittwoch etwa von Michael Kerbler an der Universität Klagenfurt. Kommen Sie überhaupt zum Schreiben?
KÖHLMEIER: Ich habe eigentlich das Gefühl, dass ich zurzeit sehr intensiv zum Schreiben komme. Seit 2007 arbeite ich an einem sehr umfangreichen Roman, den ich nur für "Madalyn" unterbrochen habe.
Was ist sein Thema?
KÖHLMEIER: Es wird ein sehr aufklärerischer Roman werden, eigentlich das dunkle Gegenstück zu "Abendland" und spielt viel in den kommunistischen Ländern. Wenn ich einen großen Vergleich mache, dann ist "Abendland" der Faust und das, was ich jetzt schreibe, der Mephisto.
In der "neuenbuehnevillach" ist im Mai die Dramatisierung Ihrer Novelle "Sunrise" zu sehen. Sind Sie in die Produktion eingebunden?
KÖHLMEIER: Nein. Die Novelle habe ich vor ungefähr 20 Jahren geschrieben. Mit der Bühnenfassung habe ich nichts zu tun. Ich kann mich nur überraschen lassen.
Features
Fakten
Im Rahmen der Reihe "Wissen schafft Kultur" spricht Michael Köhlmeier Mittwoch, um 19 Uhr, im Stiftungssaal der Uni Klagenfurt mit Michael Kerbler über die "Nichtwiderständigkeit von Literatur".
Radio Ö1 strahlt das Gespräch am Freitag, 27. Jänner, um 16 Uhr, aus.
Eintritt frei! Infos: 0463/228822-0













