Stadtschreiber bieten bissigen "Crashkurs Klagenfurt"
Die Klagenfurter Stadtschreiber haben einen Briefroman über die Eigenheiten der Kärntner veröffentlicht. Peter Wawerzinek schreibt E-Mails an seinen Vorgänger Karsten Krampitz. Ein ironischer Blick auf das südlichste Bundesland Österreichs.

Foto © TraussnigKarsten Krampitz und Peter Wawerzinek
Die beiden deutschen Autoren Karsten Krampitz und Peter Wawerzinek haben 2009 bzw. 2010 beim Bachmann-Wettbewerb den Publikumspreis gewonnen. Damit verbunden war für beide ein Stipendium als Stadtschreiber in Klagenfurt. Aus den beiden Sommeraufenthalten ist das Buch "Crashkurs Klagenfurt" entstanden, eine liebevoll bissige Betrachtung der carinthischen Eigenheiten, erschienen in der "Edition Meerauge" des Heyn-Verlages.
Die beiden Autoren haben sich den Briefroman als Vorlage genommen, das Buch ist als E-Mail-Dialog zwischen den beiden aufgebaut, Wawerzinek schreibt aus Klagenfurt an seinen "Amtsvorgänger" Krampitz, der inzwischen wieder in Berlin residiert. "Crashkurs Klagenfurt" trägt nicht zu Unrecht den Untertitel "Poesie und Propaganda". Wawerzinek philosophiert anhand des Neuen Platzes gleich grundsätzlich über die Trugbilder, welche Touristen von einem Städtebesuch mitnehmen: "Denn der Tourismus erfindet sich Orte, Plätze, Landschaften, die es nicht gibt." Wenn man eine Stadt wirklich kennenlernen will, so sein Befund, muss man sich an die Ränder begeben, wo die Touristen nicht hingehen.
Was ihm, dem Bachmann-Preisträger 2010 (mit dem Romanauszug "Rabenliebe"), besonders auffällt, ist das Verhalten der Klagenfurter an Wochenenden. "Erstaunlich schon, wie an Feiertagen die Stadt erstirbt. Die Luft ist raus. Der Atem geht verloren. Die Stadt erschlafft auf beiden Lungenflügeln. Man sucht so vergebens nach Leben." Tatsächlich ist es an einem Sonn- oder Feiertag in der Landeshauptstadt ausgesprochen schwierig, eine warme Mahlzeit in einem Lokal zu ergattern.
Für die Polemik ist eher Krampitz zuständig, der in seinem Sommer in Klagenfurt das Gästebuch der Jörg-Haider-Ausstellung im Klagenfurter Bergbaumuseum gestohlen hatte. Er wollte die Eintragungen "ohne Zensur" lesen, begründete er sein Tun später, das Buch gab er zurück. Krampitz ärgert sich wortreich über Alltagsrassismus, nennt den "Ironman"-Event ironisch "blau gefärbten Massensport", widmet Jörg Haider viel Raum und sogar ein Gedicht.
Die - ironisch gemeinte - Bemerkung von Krampitz, man könne in Klagenfurt nur saufen, sorgte in den heimischen Blättern für Aufregung und generierte zahlreiche Leserbriefe. Die Analyse von Wawerzinek über die Funktion der Literaten blieb hingegen unbeachtet: "Karsten, Kellner sind wir! Tragen Meinungen auf Tabletts in die Welt. Bewirten die lesenden Augen."
Wer das Buch liest, findet trotz etlicher Brechungen ein sehr genaues, humorvolles Bild von Klagenfurt und seinen Bewohnern. Einheimische erkennen Plätze und Personen, auch Lokale. Häufig erwähnt wird etwa das "Theatercafe", wo Prinzipalin Veronika Salcher quasi im Alleingang einen Ort der Kultur am Leben erhält, wo sich sonntags bis zu 80 Menschen in den winzigen Gastraum quetschen, weil es Konzerte gibt. "Crashkurs Klagenfurt" ist aber auch für Nicht-Einheimische lesenswert, sie erfahren viel über diese Stadt, könnten auf den Spuren der Stadtschreiber wandeln.
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