Süchtig nach Sprachen
Er träumt von der Istrianisierung Europas, hatte nach Florjan Lipu Entzugserscheinungen und erhält heute den Staatspreis für literarische Übersetzer: Johann Strutz.

Foto © Helge BauerJohann Strutz: viele Sprachen im Kopf
Bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden heute (18 Uhr, Musil-Institut) die Staatspreise für literarische Übersetzer verliehen. Die Kleine Zeitung traf Johann Strutz (zweiter Preisträger ist der gebürtige Chilene Adan Kovacsics) zum Gespräch.
Was war der Anstoß zu Ihrer Übersetzer-Tätigkeit?
JOHANNES STRUTZ: Der Wieser Verlag hat bei mir angefragt wegen des ersten Istrienbandes "Europa erlesen". Die müssen beobachtet haben, dass ich mich in Istrien sehr gut auskenne. Für mich ist dieses Land ein Wunder an Sprachkompetenz. Ich habe damals versucht, die verschiedenen istrischen und kroatischen Dialekte herauszuarbeiten. Aber ich hatte einen ziemlichen Spundus vor dem literarischen Übersetzen. Als ich 1984 an die Universität Klagenfurt kam, gab es einen Regionalschwerpunkt für Literatur und Kulturbeziehungen im Alpe-Adria-Raum. Was jetzt Istrien betrifft, musste ich feststellen, dass nur wenige Studierende beide, also die romanische wie auch die slowenische Sprache, lesen können. Ich hab also pausenlos für die jeweils andere Sprachgruppe übersetzt.
Sie haben istrische und kroatische Dialekte erwähnt. Von wie vielen sprechen wir da?
STRUTZ: Über zehn sind es sicher, vielleicht sogar 30. Oft ist das eine ganz kleinräumige Geschichte und ein Dialekt wird nur in einem Dorf gesprochen. Aber das haben wir ja in Kärnten auch. Früher hat man in engen Kommunikationsverhältnissen sofort erkannt, aus welchem Dorf jemand kommt. Bei mir, also in Ruden, gibt es ein Rudnerisch, da sind einzelne Bezeichnungen mit dem Istrischen und mit dem Russischen verwandt. Zum Beispiel: Im Slowenischen heißt "glas" Stimme, im Walisischen ist das "llais" und wenn man das spricht (Strutz demonstriert das gleich: "Also Mund halb offen, Zunge in L-Stellung und dann blasen") erkennt man die Ähnlichkeit. Meine Studenten halten das zunächst immer für reine Spekulation.
Wie schaut es, im Vergleich zu Istrien, mit der Kärntner Sprachkompetenz aus?
STRUTZ: Da muss ich ausholen. Die jetzige Diskussion mit den Ortstafeln ist so mickrig. Seinerzeit, also als ich Kind war, hat man nie Klagenfurt gesagt oder Völkermarkt, sondern Celovec und Velikovec. Jetzt erleben wir einen Sprachtod. Nein, ich muss mich korrigieren: eigentlich ein Verstummen. Wenn die Menschen, meistens die alten, dann reden, staunt man, was sie noch wissen. Und was für ein Slowenisch das ist. Im Kopf hat man schon beide Sprachen, aber vieles, was der slowenischen Sprache heute fehlt, geht zurück auf jene Zeit, in der es verboten war, in der Öffentlichkeit Slowenisch zu sprechen. Nach und nach haben die Kärntner Slowenen das Wertesystem der Mehrheitsbevölkerung übernommen.
Vom Schriftsteller Florjan Lipu stammt die ernüchternde Diagnose: "Meine Sprache lebt nur noch in Oasen." Sie haben mehrere Romane von Lipu ins Deutsche übersetzt. Wie ging es Ihnen, als er bei der Preeren-Preis-Verleihung gesagt hat, er habe alles gesagt und wolle jetzt nichts mehr schreiben?
STRUTZ: Ich bekam Entzugserscheinungen. Lipu war für mich eine richtig hohe Schule. Diese Herausforderung, diese Intensität, diese sprachliche Virtuosität! Für mich verfügt er über unerreichten Sprachreichtum und Experimentierfreude. Dass der Wieser Verlag mit Franz Marenits mir Florjan Lipu zugetraut hat, das hat mir sehr geholfen. Er ist für mich der zentrale slowenische Autor.
Haben Sie schon eine literarische Ersatzdroge gefunden? Autoren, die Sie als Übersetzer und als Mensch fordern können?
STRUTZ: Als Übersetzer und als Mensch. Das ist es. Ich lese natürlich, was die jungen Leute schreiben, aber fündig bin ich eher in anderen kleinen Literaturen geworden. Aktuell beschäftigt mich Raymond Williams, den man eher als Wissenschaftler kennt und kaum weiß, dass es ein ansehnliches Prosawerk gibt. Da kann die Öffentlichkeit gespannt sein, da gibt es noch nichts auf Deutsch. Und im Mai 2012 soll der letzte Band der Lipu-Werkausgabe erscheinen. Die frühe Prosa vor dem "Zögling Tja" - so kann ich meine Entzugserscheinungen doch mildern.
Mit Maja Haderlap liest nun erstmals eine slowenische Autorin bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur. Kennen Sie den Roman bereits?
STRUTZ: Nein, natürlich nicht. Ich bin neugierig. Und wie. Es ist spannend, das zu beobachten. Eine slowenische Lyrikerin, die deutsche Prosatexte schreibt.
Sie übersetzen aus dem Slowenischen, aus dem Kroatischen und Italienischen, aus dem Englischen und Walisischen. Über die Vielsprachigkeit der Habsburger schrieb Edvard Kocbek "aber mit ihren Pferden sprechen sie slowenisch". Wie sprechen Sie auf Ihrem Bauernhof mit Ihren Tieren?
STRUTZ: Es ist ja ein Gnadenhof. Wir haben zwei Pferde und zwei Rinder gehabt und so ein Naheverhältnis zu den Tieren, dass wir es nicht übers Herz gebracht haben, sie zum Fleischhauer zu bringen. Sie sind uns nach der Reihe weggestorben. Jetzt haben wir noch ein Rind. Und mit dem spreche ich slowenisch. In der alten Sprache, wie man sagt. Da haben wir es wieder - "alt" inkludiert schon das Verschwinden.
Ihre Vision?
STRUTZ: Es gibt einen Autor, Milan Rakovac. Der hat Texte geschrieben, von denen man eigentlich nicht sagen kann, welche Sprache das ist. Er hat alle istrischen Texte gemischt. Mit ihm plädiere ich für die Istrianisierung Europas. Für eine spielerische Mehrsprachigkeit, die Basis sein könnte für literarische Kompetenz.
Features
Zur Person
Johann Strutz, geboren 1949, lebt als Literaturwissenschaftler (Universität Klagenfurt) und Übersetzer (aus dem Slowenischen, Kroatischen, Italienischen, Englischen und Walisischen) in Ruden.
Von Florjan Lipu u. a. "Verdächtiger Umgang mit dem Chaos", "Botjans Flug", "Herzflecken".
Radiotipp
Johann Strutz ist heute auch Gast im "Zajtrk z profilom" des slowenischen Programms von Radio Kärnten (ab 9.05 Uhr auf 105,5).












