Vertreibung aus der Puppenstube
Die Familie Moor in den Händen von Stephanie Mohr: Am Donnerstag feierten Friedrich Schillers "Räuber" Premiere am Stadttheater Klagenfurt und ernteten starken Beifall.

Foto © Helge Bauer/StadttheaterRoman Schmelzer als "Canaille" Franz Moor
Am 13. Jänner 1782 soll das Mannheimer Nationaltheater einem "Irrenhaus" geglichen haben. Auf dem Programm standen "Die Räuber", das Debüt eines gewissen Friedrich Schiller. Ein Besucher notierte, dass sich "fremde Menschen schluchzend in die Arme fielen". Rollende Augen, geballte Fäuste, Frauen, die halb ohnmächtig zur Tür wankten: Der Tumult muss unvorstellbar gewesen sein.
Aus dem Stadttheater Klagenfurt ist das Gegenteil zu berichten: Über drei Stunden Schiller - und kaum ein Hüsteln, kaum ein Sesselscharren, sondern konzentrierte Aufmerksamkeit, während auf der Bühne der Wahnsinn seinen Lauf nimmt. Der Inhalt ist bekannt: Maximilian von Moor hat kein Glück mit den Söhnen. Der Ältere, Karl, wird Räuberhauptmann, der jüngere, Franz, will dessen Erbrecht und Verlobte und ist bereit, dafür über Leichen zu gehen. Am Ende sind alle tot. Die Sprache des Stückes ist so zeitlos wie seine Themen: der Reiz der Macht, die Lust am Leben außerhalb der Normen, die Entwurzelung der Gesellschaft
Zeitlos ist auch das Ambiente, das Miriam Busch beisteuert: eine schmucklose Bühne, kahl wie das Leben der Protagonisten. Da geht es nicht um den Schein, da geht es um das Sein. Auch wenn auf halber Höhe ein heimeliger Raum baumelt, ein Puppenzimmer des bürgerlichen Glücks: Für die Moors ist dieses Glück längst nicht mehr erreichbar, war es vielleicht gar nie.
Stephanie Mohr interessiert in ihrer Inszenierung vor allem die Psyche der Figuren. Um deren Seelenzustände zu verdeutlichen, lässt sie Szenen analog ablaufen, verdichtet und verschränkt das Geschehen. So spiegelt sich gleich zu Beginn der Verrat von Franz, der dem Vater einen falschen Brief vom Bruder unterjubelt, in Karls Hoffnung, wieder nach Hause zurückkehren zu können. Ein höchst interessanter Ansatz, der im zweiten Teil allerdings nicht weiter entwickelt wird. Da setzt Stephanie Mohr weniger auf neue Ideen als vielmehr auf die Kraft ihrer Schauspieler. Nun, auf die kann sie sich verlassen.
Franz, die Canaille
Allen voran Roman Schmelzer - "Franz heißt die Canaille". Und was für eine! Schmelzer in wechselnden Thomas-Gottschalk-Sakkos (Kostüme: Alfred Mayerhofer) kostet alle Facetten von machtbesessen bis schleimig aus. Dass er sich von allen zurückgewiesen fühlt, kompensiert er mit ständigem Essen. Und wie er am Ende abgewrackt und nahe am Wahnsinn versucht zu beten und sich gleichzeitig einen Apfel in den Mund zu stopfen, das bleibt nachhaltig in Erinnerung.
Denis Petkovi gibt einen Karl, der immer wieder selbst davon überrascht zu sein scheint, was das Leben für schlechte Karten für ihn gemischt hat, der die Wunden seiner Räuber liebevoll säubert und sie trotzdem am Ende zur Strecke bringt. Isabella Szendzielorzs Amalia ist eine selbstbewusste Liebende, Heiner Stadelmann ein wenig präsenter Maximilian von Moor. Stellvertretend für das ausgezeichnet agierende Ensemble seien noch Florian Carove als Bastard Hermann sowie Eduard Wildner als Hausknecht der Moors erwähnt.
Der erklärt gegen Ende des Stückes Franz, der von bösen Träumen gequält wird, dass diese Träume von Gott kommen. Im Stadttheater Klagenfurt kommen sie aus der Puppenstube und sind in Musik gegossen: Der Schauspieler und Musiker Kyrre Kvam steuert über den Köpfen der Schauspieler mit seinen sensiblen Arrangements und Liedern - unter anderem Vertonungen von Wilhelm Müllers "Frühlings-traum" und Goethes "Über allen Gipfeln ist Ruh" - dunkelgraue Sehnsüchte und Ängste bei.
Darunter geht die Welt elendiglich zugrunde.
Features
Die Räuber
"Die Räuber" von Friedrich von Schiller. Regie Stephanie Mohr.
Weitere Termine: 9., 12., 14., 16., 17. (15 Uhr), 20., 22., 29. Okt., 3., 17., 19., 23., 27. Nov. Jeweils 19.30 Uhr im Stadttheater Klagenfurt.
Karten: Tel. (0463) 54 0 64
Beim Stadttheater kann man zu den "Räubern" auch Begleitmaterial für den Unterricht anfordern. Weitere Infos:
www.stadttheater-klagenfurt.at














