Biedermeier bescherte Kärnten Bauboom
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde in Kärnten eifrig gebaut und umgebaut. Ein Buch spürt die Vielfalt der Biedermeier-Architektur auf.

Foto © KKSchloss Wolfsberg: Tudorstil
Das Buch stellt meine erweiterte Dissertation dar, ist also eine wissenschaftliche Arbeit, aber ich denke, es ist dennoch lesbar, vor allem wegen der vielen, vielen Bilder." Bianca Kos, Kunsthistorikerin und Historikerin, hat in der jüngsten Publikation des Geschichtsvereins für Kärnten dem Biedermeier nachgespürt und dabei Erstaunliches entdeckt, das nicht nur den Fachmann, sondern auch den interessierten Laien begeistern wird. Vor allem die Fotos bewirken, dass man nach der Lektüre Kärntens Architektur - und dabei im Speziellen die von Klagenfurt - mit anderen Augen sehen wird.
"Zweite Gesellschaft"
"Im Biedermeier ist auch bei uns viel passiert. Wir waren nicht so schwach entwickelt, wie bisher angenommen wurde", sagt Kos. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte die Wirtschaft einen Aufschwung, was sich an der beachtlichen Zahl der Gewerken, der damaligen Industriellen, erkennen lässt. Diese "zweite Gesellschaft" machte ein erstarktes Bürgertum aus, das durchaus über Vermögen verfügte. Im ganzen Land wurde gebaut beziehungsweise umgebaut. Industriebauten entstanden. Zahlreiche Fassaden erhielten ihr biedermeierliches Aussehen, wobei hier kein einheitlicher Stil vorlag. Erlaubt war, was gefiel: Klassizismus beim typischen "Stöckl" wie dem Palais Kleinmayr in Klagenfurt - diese Bauform war in verschiedener Größe am weitesten verbreitet - bis hin zu Schloss Wolfsberg, das durch den Tudorstil auffällt. "Historismus eben", sagt Kos. "Man nahm viele historische Baustile auf." Besonderer Beliebtheit erfreuten sich die Gärten, die sogar den städtischen Bereich dominierten. Man lustwandelte gerne inmitten üppiger Pflanzenpracht, baute aber auch ganz profan Obst und Gemüse an. Ein besonders schönes Beispiel ist die zu Stift St. Paul im Lavanttal gehörige Parkanlage mit den beiden "Stöckln". Wer viel auf sich hielt - und es sich leisten konnte - besaß neben dem Stadthaus eine Meierei am Land, die als Sommersitz diente, aber auch als landwirtschaftliche Produktions- und Versorgungsstätte für den Eigenbedarf.
Der Kirchenbau im Vormärz hinterließ bei Weitem nicht so ausgeprägte Spuren wie im 17. und 18. Jahrhundert. Dennoch entstanden neue Sakralbauten wie die wunderschöne klassizistische Pfarrkirche St. Ruprecht in Klagenfurt. Auf dem St. Ruprechter Friedhof fällt auch das Grabmal der Familie von Herbert auf, die aus der Wirtschaft kam - Johann Michael Freiherr von Herbert gründete schon 1761 die erste Bleiweißfabrik Österreichs - und die zum neuen Adel und damit eigentlich zur "zweiten Gesellschaft" zählte. Bemerkenswert ist, dass die "zweite Gesellschaft" Anfang des 19. Jahrhunderts dem alten Adel durchaus Konkurrenz machte, wenn es um den Besitz von Schlössern ging. So besaß die Gewerkenfamilie Egger zwischen 1815 und 1825 bereits 17 Güter und Schlösser. Die "Neureichen" hausten auf, so etwa die Familie Henckel-Donnersmarck, die Schloss Wolfsberg ganz im Tudorstil umbaute und damit an die Vorliebe der Dichter der Romantik für die Welt des Mittelalters anschloss.
















