Ironman: Die Stunde des Patrioten
Dem Letzten gehörte das Rampenlicht. Wayne Richey (68) aus den USA kam drei Minuten vor Mitternacht im Ziel an.
Quelle © Kleine Zeitung DIGITAL Ironman Austria 2010: Der "Last Finisher"
Die Dramaturgie stimmt. Wie eine Riesenhand streicht böiger Wind über das Gelände, dicke Regentropfen fallen aus dem Himmel. Wären da nicht die hunderten klatschenden Menschen auf den Tribünen und der Südafrikaner Paul Kaye, die Szene würde sich überzeugend als Endzeitstimmung verkaufen lassen.
Was nicht ganz falsch wäre: Kayes Reibeisenstimme am Mikrofon peitscht die Zuschauer zum Countdown. Es ist 23 Uhr, die letzte Stunde des Ironman 2010 hat begonnen. Das Rennen ist jetzt 16 Stunden alt. Vor acht Stunden hat sich Marino Vanhoenacker im Ziel als Sieger feiern lassen. Es fühlt sich an, als wäre es Tage her.
"In Südafrika sehen wir Regen als Geschenk. Holen wir sie rein, zeigen wir ihnen, dass wir noch hier sind." Kayes schreit den Satz mehr als er ihn spricht. Die Stimme hallt dumpf in die Nacht, wo sich noch eine Handvoll Athleten durch das Dunkel Richtung Ziel kämpft. Einer nach dem anderen tröpfeln sie ins Scheinwerferlicht auf den letzten Schritten ihrer insgesamt 226 Kilometer langen Reise. Das Adrenalin gewinnt gegen die bleierne Müdigkeit, die Augen glänzen. Der Moment auf der Ziellinie wird zum Schmelztiegel aller Hoffnungen und Ängste der vergangenen Stunden. Sie sind eisern.
Wayne Richey sitzt alleine auf einer Holzbank inmitten tausender Plastikbecher. Das große Zelt hinter dem Ziel ist leer, alle anderen Athleten waren vor ihm da. Die goldene Rettungsdecke um die Schultern des 68-Jährigen knistert. Darunter hebt sich der Brustkorb nur mühsam, die Luft sticht. Am 4. Juli 2010, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, ist der Zahnarzt aus dem kalifornischen Küstenstädtchen Monterey der Letzte: 16 Stunden, 57 Minuten und eine Sekunde. Nach ihm kam nur noch das Feuerwerk. "Der Schmerz geht, der Stolz bleibt", sagt er ein wenig trotzig und der weiße Schnurrbart zittert. Es war das Mantra, das seinen Kopf füllte, damit für den Gedanken an die Aufgabe kein Platz blieb. Nicht bei seinem 21. Ironman, nicht am Unabhängigkeitstag. Nicht mit der amerikanischen Flagge am linken Ärmel, nicht mit dem Adler auf der Brust. Schweiß tropft auf den Boden, doch Richey verweigert jeden Schluck mit dem Hinweis, er kenne seinen Magen. Und der sei momentan unpässlich.
Julie Richey steht daneben, sie begleitet ihren Mann zu jedem Bewerb. Die vier Kinder sind über die gesamten USA verstreut. "Stolz mag bleiben", sagt sie, "aber heute wäre es mir lieber gewesen, er hätte aufgehört." Ihre Blicke treffen sich. Leise, gepresst, kommt die Antwort: "Schatz, du weißt, dass ich das nicht kann." Kurz habe er daran gedacht, einfach aufzuhören, gibt er später zu. Vier Jahre will er noch in seiner Praxis arbeiten, der Körper ist sein Kapital.
"Du hast mich früher gefragt, was heute die schwierigsten Momente waren. Es waren drei. Das Schwimmen, das Radfahren und der Marathon." Wayne Richey lächelt. "Ich bin 68. Ich sollte mich mit dem Halb-Ironman beschäftigen, oder mit Golf." Julie hilft ihrem Mann von der Bank auf und schüttelt den Kopf, "das sagt er immer". Er gleitet vorsichtig in den Beifahrersitz, sie dreht sich noch einmal um: "Morgen wird er sich anmelden. Er weiß es nur noch nicht."
















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