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Zuletzt aktualisiert: 07.03.2010 um 05:10 UhrKommentare

Der Vater der Volkskunde

Franz Franzisci hat als Erster die Sitten und Bräuche in Kärnten festgehalten und die heimischen Märchen aufgezeichnet. Das Kärntner Landesarchiv hat sein umfassendes Werk aufgelegt.

Foto © Kärntner Landesarchiv

Als Franz Franzisci am 25. Dezember 1825 in Klagenfurt geboren wurde, war der Wiener Kongress gerade einmal zehn Jahre vorbei, Napoleon seit vier Jahren tot und in Weimar schuf Johann Wolfgang von Goethe, der 1832 starb, sein Alterswerk. Der Sohn eines Wagnermeisters absolvierte in Klagenfurt das Gymnasium, widmete sich 1848 - als die Revolution die Monarchie erschütterte - am Lyzeum dem Studium der Philosophie und Theologie und wurde schließlich am 27. Juli 1851 zum Priester geweiht.

Als Franzisci am 1. Dezember 1920 hochbetagt in Grafendorf im Gailtal starb, war der Erste Weltkrieg längst zu Ende und Österreich-Ungarn Vergangenheit. "Er hat gewaltige Umbrüche erlebt, aber wir wissen nicht, wie er darüber gedacht hat. Franzisci hat in seinen Tagebüchern und Aufzeichnungen diese wichtigen historischen Ereignisse nicht kommentiert", sagt Wilhelm Wadl, Direktor des Kärntner Landesarchivs.

Sein priesterliches Wirken führte Franzisci weit in Kärnten herum: 1851 finden wir ihn als Kaplan in Sagritz im Mölltal, danach als Pfarrprovisor in Heiligenblut und Pusarnitz. Ab Mai 1857 wirkte er als Katechet in St. Veit und von 1870 bis zu seinem Tod war er Pfarrer und Dechant in Grafendorf. Aber nicht nur das Seelenheil seiner "Schäfchen" lag Franzisci am Herzen. Er, der in seiner kargen Freizeit gerne die landschaftliche Schönheit mit dem Pinsel festhielt, hatte sein Ohr dicht am Volk, zeichnete sich durch rege Sammeltätigkeit aus und bewahrte nicht nur die Kärntner Märchen, sondern auch Volksleben und Brauchtum vor dem Vergessen.

Dem Kärntner Landesarchiv ist es zu verdanken, dass Franziscis Aufzeichnungen nun gesammelt vorliegen. "Lange Jahre verfügten wir nur über einen Teil des Nachlasses dieses Mannes, der als erster Volkskundler Kärntens gelten darf. Ein weiterer Teil gelangte über die Brüder Gotbert und Oswin Moro ins Museum der Stadt Villach und von dort zu uns", erzählt Wadl. Günther Biermann hat diesen Nachlass gesichtet und aufgearbeitet und so wurden nach den "Märchen aus Kärnten" jetzt auch die "Kultur-studien über Volksleben, Sitten und Bräuche in Kärnten" in kommentierter Form aufgelegt.

Franzisci hat mehr getan, als lediglich Brauchtum erstmals zu beschreiben. Er dokumentierte das bäuerliche Leben, wenn er beispielsweise die gefährliche Tätigkeit der "Hazer" (Heuzieher) im Mölltal schildert. Junge, kräftige Burschen brachten im Winter - beeindruckend immer wieder auch die Darstellungen der Wetterverhältnisse - das Heu von den hoch gelegenen Almen zu Tal. Manch einer ließ dabei sein Leben. Für jene, denen die Fahrt durchs steile, felsige Gelände glücklich gelang, buken die Frauen Krapfen und Strauben.

Rebensaft statt Kuss

Was die Deskription des Brauchtums angeht, so fallen einem sofort die Veränderungen ins Auge. "Beim Kranzelreiten in Weitensfeld mussten die Burschen mit bloßen Socken den Wettlauf meistern. Und vom Kuss der Jungfrau keine Spur", sagt Wadl. Franzisci liebt Details und erzählt etwa in diesem Zusammenhang, dass sich die Burschen nach dem Wettlauf lieber dem "steirischen Rebensaft" zuwandten als der "auf dem Marktbrunnen stehenden Braut".

Spannend auch Franziscis Bemühen, das Ringen - damals noch im Metnitztal - unter einen sportlichen Aspekt zu stellen und zu loben. "Damit markiert er eine Abkehr vom Josephinismus, indem er den sittlichen und kulturellen Wert von Bräuchen, aber auch Volksschauspielen betont", sagt Wadl. Interessant, dass beim Kufenstechen im Gailtal zumindest bildlich Frauen dargestellt werden - ein Missverständnis durch einen ortsunkundigen Künstler, das Eingang ins Franzisci-Buch fand. Berührend bei den Begräbnisbräuchen der Streifzug durch das Dasein des Menschen in den Alpentälern, bis "einfach und prunklos wie sein Leben die Fahrt des Bergers zu seiner letzten Ruhestätte" ist.

Nicht nur für die Kulturstudien, auch für die Märchen hat sich Günther Biermann monatelang mühevoll durch Franziscis Handschrift geackert. In den Brüdern Grimm fand der Kärntner Pfarrer seine großen Vorbilder für das Sammeln heimischen Erzählgutes, wobei er nicht nur Märchen, sondern auch Sagen berücksichtigte. Hin und wieder nennt Franzisci die Quellen, etwa mit dem Vermerk "von Theresia erzählt", bei der es sich um seine Hausangestellte in St. Veit gehandelt haben dürfte. Zwar dürfen Prinzen und Könige nicht fehlen, aber die Hauptprotagonisten sind Keuschler, arme Handwerker, Witwen mit vielen Kindern, Dienstboten, also einfache Leute, deren Schicksale - wenn auch verfremdet - durchaus ein Spiegelbild des Alltags von anno dazumal sind.

Franziscis vielfaches Wirken wurde anerkannt. Er war Inhaber des Franz-Josephs-Ordens und des Ordens der Eisernen Krone II. Klasse. 1914 wurde er zum Ehrenmitglied der blutjungen Kärntner Landsmannschaft ernannt. Diese wird heuer 100 Jahre alt. Aber das ist eine ganz andere Geschichte . . .

ULRIKE GREINER

Die Publikationen

Mühsame Arbeit. Viele Monate ist Günther Biermann über den Schriften Franz Franziscis gesessen. Schließlich wurde im 19. Jahrhundert alles mit der Hand aufgezeichnet - und das in der heute weitgehend unbekannten Kurrent- oder Sütterlinschrift, die nur mehr wenige Historiker beherrschen.

Die Kulturstudien über Volksleben, Sitten und Bräuche in Kärnten wurden vom Kärntner Landesarchiv herausgegeben. Sie sind dort oder im Buchhandel erhältlich, umfassen 176 Seiten und 34 Abbildungen.

Die Märchen sind ebenfalls im Verlag des Kärntner Landesarchivs erschienen. Die Illustrationen hat Hans Gerhard Kalian geschaffen. Das Märchenbuch umfasst 204 Seiten und 14 Abbildungen. Beide Ausgaben orientieren sich ungekürzt an den Originaltexten und wurden von Günther Biermann kommentiert.

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