Texte, die im Magen liegen
Ein Autor, der seine Story verschlingt, ein anderer, der eifrig mitdiskutiert und eine sehr aktive Moderatorin: Notizen vom ersten Lesetag des Bachmann-Bewerbes.
"Wohl bekomm's", wünschte Clarissa Stadler - und die neue Moderatorin der 33. "Tage der deutschsprachigen Literatur" meinte damit nur bedingt die Literatur. Denn Philipp Weiss, der gestern als erster Österreicher ins Rennen um den mit 25.000 Euro dotierten Bachmann-Preis ging, hat im Anschluss an die Jury-Diskussion einfach einen Teil seines Textes aufgegessen.
Mahlzeit. Das kam nicht von ungefähr: Weiss (Jahrgang 1982) erzählt in seinem Text "Blätterliebe" von einem Autor, der wegen undefinierbarer Übelkeit ins Krankenhaus geht - der behandelnde Arzt findet in seinem Magen einen Blättersalat, spricht: die Seiten eines fertigen Textes. Für den Wiener war die Mahlzeit eine "folgerichtige Fortsetzung" seiner Lesung. Danach gestand er, dass ihm selbst ein bisschen "übel" sei, andererseits zeigte er sich "angenehm überrascht" von der Atmosphäre in Klagenfurt und der Jury-Diskussion. Die nahm den Text, der sich laut Autor noch zu einem ganzen Roman auswachsen soll, übrigens gespalten auf. Die Verdikte reichten vom "Soufflé, das nicht zusammenfällt" (© Alain Claude Sulzer) bis zu "wahnsinnig anstrengend" (© Neo-Juror Paul Jandl).
Sehr aktiv.
Überhaupt zeigte sich die Jury, die neben Jandl mit Meike Feßmann, Karin Fleischanderl und Hildegard Keller drei weitere neue Gesichter aufzuweisen hat, nach dem Aufwärmen sehr diskutierfreudig. Angeregt wurden sie dazu auch von der aktiven Moderation von Clarissa Stadler, die sich mit profunder Text-Kenntnis immer wieder zur Anwältin der Autoren machte.
"Heimgehen".
Angeregt wurde die Jury aber auch von einem Autor, der selbst eifrig bei der Diskussion mitmischte: Der Deutsche Karsten Krampitz las einen Auszug aus seiner Novelle "Heimgehen" und plädierte in der anschließenden Debatte für die "Unschuldsvermutung für meinen Helden": Die Jury hatte nämlich (trotz verlesener "Gegendarstellung") irrtümlich angenommen, die Hauptfigur sei ein Stasi-Spitzel. Juror Ijoma Mangold meinte zum Einwurf von Krampitz trocken: "Wir Wessi-Juroren haben dieser Gegendarstellung natürlich nicht geglaubt."
Vereinzelte Zurufe. Jedenfalls habe er "den Text sehr gerne gelesen", für Feßmann dagegen war er "harmlos". Sogar das Publikum mischte sich ein, vereinzelte Zurufe kommentierte Clarissa Stadler mit "jetzt diskutiert jeder mit jedem." Auch ORF/3sat-Redaktionsleiterin Margit Czöppan, die die Diskussion im ORF-Café verfolgte, zeigte sich begeistert: "Sonst sind die Autoren oft wie Lämmer, jetzt traut sich endlich einer, dagegen zu reden."
"Klassische Horrorgeschichte".
Gut geschlagen - wenn wohl auch nicht Bachmann-Preis-verdächtig - haben sich gestern außerdem Christiane Neudecker mit einer "klassischen Horrorgeschichte" (so Sulzer), Lorenz Langenegger mit einer "Etüde" (© Spinnen) und Bruno Preisendörfer mit einer Geschichte über den "Fifty Blues". Alle Texte kann man (in acht Sprachen) unter bachmannpreis.eu nachlesen.
"Stierhunger".
Heute geht es im ORF-Theater weiter, den Auftakt macht um 10 Uhr die steirische Autorin Linda Stift, die mit ihren beiden Romanen "Kingpeng" und "Stierhunger" bekannt wurde. 3sat überträgt die gesamte Lesestrecke bis 15 Uhr wieder live.
Lesereihefolge.
Heutige Lesereihefolge: Linda Stift (10 Uhr), Ralf Bönt (11 Uhr), Karl-Gustav Ruch (12 Uhr), Jens Petersen (13 Uhr), Andreas Schäfer (14 Uhr). ORF-Theater Klagenfurt.










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