"10. Oktober mit Turrini im Fußball-Stadion, warum nicht?"
Buchautor Alois Brandstätter, seit 35 Jahren in Kärnten, über das "besonderste" an diesem Land, etwa die Abstimmungsfeiern.
Briefträgern, Wirten, Sprayern haben Sie bereits auf den Mund geschaut und Bücher über sie geschrieben. Welchen Titel hätte ein Brandstetter-Buch über Kärnten?
ALOIS BRANDSTETTER: Zuletzt habe ich einen Bildband über Oberösterreich getextet. Der Titel lautet "Das unvergleichliche Land". Für Kärnten könnte der Titel "Das besonderste Land" heißen.
"Besonderste" steht wofür?
BRANDSTETTER: Kärnten ist als Herzogtum älter als Österreich, hat vom Südbayrischen her eine besondere Sprache, die alte Mundart. Kärntner Kennwörter wie das "Lei" haben slowenische Wurzeln.
Wie sehen Sie als Oberösterreicher, der seit 35 Jahren in Kärnten lebt, die Kärntner Seele?
BRANDSTETTER: Es gibt eine ziemliche Sentimentalität, die in den Liedern zum Ausdruck kommt. Die Kärntner haben viel Gefühl. Das birgt eine gewisse Gefahr, dass es dann umschlägt in Abwehr. Wenn das Wir-Gefühl sehr stark ist, gibt es die Anderen und das Ausgrenzen. Der Gegner hält ja die Leute zusammen. Dabei sind die Gefahren, die drohen, eher subtil - nicht so wie in der Türkenzeit. Ich habe eben eine Chronik über das 15. Jahrhundert in Kärnten gelesen. Da haben die Türken wild gehaust. Kärnten hat sich gewehrt, Wehrkirchen wurden gebaut. Als die Gefahr vorüber war, wurden die Wehrmauern wieder erniedrigt.
Die Abwehr kocht jährlich mit dem Erinnern an den 10. Oktober wieder hoch?
BRANDSTETTER: Einige wollen, dass es nicht gelingt, dieses Ereignis zukunftsgerichtet zu sehen. Allerdings feiern ja auch nicht alle mit. Was der eigentliche Sinn dieses Festes wäre: Solidarität erzeugen und sich auf die besinnen, die schwächer sind, denen helfen zu wollen.
Nicht alle feiern mit, sagten Sie. Das kann auch daran liegen, dass die Feiern mehr rückwärts- als vorwärts gewandt angelegt sind?
BRANDSTETTER: Die von auswärts können das alles schwer verstehen. Ich war bei der großen Volksabstimmungs-Jubiäumsfeier dabei, als Bundeskanzler Kreisky auf der Ehrentribüne gesessen ist. Das war eine Strapaze für die Politiker. Ich hab' den Kreisky nie so unlustig gesehen wie bei dieser Feier.
Wie erklären Sie einem Fremden den 10. Oktober?
BRANDSTETTER: Die Oberösterreicher haben auch ihren Landesfeiertag, haben im Vorjahr aber ihren Patron gewechselt: Von Leopold auf Florian.
. . . im Zeichen der Zeit einen neuen Lebensabschnittpartner gewählt?
BRANDSTETTER: Sie wollten etwas Eigenes. Sezessionismus auf Religiös.
Mit dem Streben nach Eigenem gibt es Parallelen zwischen Oberösterreich und Kärnten?
BRANDSTETTER: Auf jeden Fall. Wobei: Oberösterreich hat vier eigenständige Viertel, Kärnten hat die Volkstumsgrenzen. Das ist die größere Grenze. Als es noch den Kommunismus gab, war da so etwas wie Urangst. Doch spätestens seit Slowenien bei der EU ist, ist wiederum eine Grenze weggefallen.
Mit Ängsten kann man in Kärnten offensichtlich immer noch Stimmung machen.
BRANDSTETTER: Es gibt offenbar Leute, denen daran liegt. Es wundert mich ein bissl, dass solche Ängste noch greifen.
Features
Zur Person
Alois Brandstetter kommt aus Pichl in Oberösterreich. Im Dezember wird er 70 Jahre alt.
Er war Professor für Deutsche Philologie (Altgermanist) an der Universität in Klagenfurt, wo er seit 35 Jahren lebt.
Werke
Bücher wie "Hier kocht der Wirt" oder zuletzt "Ein Vandale ist kein Hunne" über die Sprayer sind Romane, in denen der Autor über die Kärntner Seele räsoniert.














