Der Boris Becker von Klagenfurt
Burkhard Spinnen, neuer Vorsitzender der Klagenfurter Bachmann-Jury über Literatur, Fußball und Josef Winkler.

Foto © PeutzBurkhard Spinnen im literatischen Salon zu Klagenfurt: konzentriert
Für Iris Radisch ist Klagenfurt schlicht "ein Glücksfall". Was ist Klagenfurt für Sie?
BURKHARD SPINNEN: Für mich ein Teil meiner Biographie. Wichtiger ist, was Klagenfurt für die Literatur bedeutet: der Ort, an dem Texte und das Sprechen darüber vor aller Augen wichtig genommen werden.
Was hat Sie bewogen, den Vorsitz der Bachmann-Jury zu übernehmen?
SPINNEN: Man hat mir gesagt, man brauche mich. Und ich bin so eitel, das zu glauben.
Wie lange möchten Sie den Vorsitz inne haben?
SPINNEN: Solange man mich da haben möchte, minus ein Mal. Aber im Ernst, das weiß ich noch nicht.
Werden Sie als Jury-Vorsitzender anders agieren denn als "einfaches" Mitglied?
SPINNEN: Während der Diskussionen wird es kaum einen Unterschied machen. Die größere Funktion liegt im Vorfeld, da habe ich viele Gespräche mit meinen Jury-Kollegen geführt, unter anderem über die Änderungen beim heurigen Bewerb.
Der größte Bruch mit der Tradition ist die Verkürzung von drei auf zwei Lesetagen. Wie sehen Sie diese Verkürzung?
SPINNEN: Es gibt den Wettbewerb - und es gibt einen Gastgeber (Anm.: ORF und Stadt Klagenfurt sind Veranstalter, 3sat ist Mitveranstalter). Der Gastgeber stellt sich - und das ist sehr ungewöhnlich - eineinhalb Wochen lang in den Dienst der Literatur. Dass es Leute gibt, die das von berufswegen nicht tolerieren können, weil sie das Geld verwalten, ist nicht überraschend, mit so einer Entscheidung war früher oder später zu rechnen. Jetzt ist für ein paar Jahre eine Basis da, auf der wir weiterplanen können. Und: Dafür rutscht die Preisverleihung am Samstagabend auf einen sehr prominenten Platz.
Also: Freude darüber, dass die Literatur es ins Hauptabendprogramm schafft und Ärger darüber, dass ein Lesetag geklaut wurde?
SPINNEN: Beides stimmt. Was mehr stimmt, wissen wir am Sonntagmorgen.
Mit Dieter Moor haben die "Tage der deutschsprachigen Literatur" einen neuen Moderator. Was erwarten Sie sich von ihm?
SPINNEN: Ich habe Dieter Moor auf der letzten Buchmesse kennen gelernt. Ein sympathischer, interessierter und überraschender Mann. Ich bin sehr gespannt.
Auf der Buchmesse hat er Sie zu Ihrem Roman "Mehrkampf" interviewt. Inwiefern hat er Sie überrascht?
SPINNEN: Er hat nicht einfach das vorbereitete Programm anhand von Karten abgearbeitet, sondern auch eigene Fragen riskiert. Und
er hat sehr auf das reagiert, was ich geantwortet habe.
Totgesagte leben länger. Warum sollte es den Bachmann-Bewerb unbedingt allen Abschaffungsforderungen zum Trotz weiterhin geben?
SPINNEN: Es gibt tausend Gründe. Einer davon ist der: Damit die Abschaffungsforderer nicht ihren Lebenszweck verlieren. Ein anderer: Nirgendwo sonst wird so transparent über Literatur diskutiert, nirgendwo sonst gibt es einen so öffentlichen Versuch einer Urteilsfindung. Wir reden uns an das, was wir gelesen haben, heran. Der Bachmann-Bewerb ist der literarische Salon des Medien-Zeitalters. Ein Salon zwar mit sportlichem Reglement, aber immer noch ein Salon.
Wie sehr haben Sie selbst als Autor, als Juror vom Bachmann-Bewerb profitiert?
SPINNEN: Wieder tausend Antworten. Nur eine davon: Ich weiß jetzt noch besser, wie aberwitzig verschieden Menschen über dasselbe denken und reden können. Solches Wissen macht zuerst wütend und dann demütig.
Wie heimisch fühlen Sie sich mittlerweile in Klagenfurt?
SPINNEN: So wie Boris Becker in Wimbledon.
Was würden Sie einem Autor raten, der unbedingt einmal beim Wettlesen dabei sein will?
SPINNEN: Vorher mindestens zwei Mal die ganze Veranstaltung anschauen? Hilfreich. Mit Leuten reden, die dabei waren? Vielleicht ergiebig. Unbeeinflusst von allem und allen für seine Arbeit leben? Grundvoraussetzung!
Interessieren Sie sich für die Fußball-Europameisterschaft?
SPINNEN: Ja, allerdings.
Wer wird Ihrer Meinung nach Europameister?
SPINNEN: Wer im Endspiel mehr Tore schießt. Im Ernst: Ich hasse dieses Prognostizieren. Ich bin ein begeisterter Zuschauer. Und ich schaue zu, weil ich NICHT weiß, wie es ausgeht.
Josef Winkler hat heuer den Büchner-Preis gekommen. Was sagen Sie dazu?
SPINNEN: Erst einmal: Herzliche Gratulation. Er kommt ja regelmäßig beim Bachmann-Bewerb vorbei, ich kann seit Jahren das Größerwerden seiner Kinder verfolgen. Es freut mich ungemein, dass sein schwieriges Werk ausgezeichnet wurde.
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