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Kulinarischer Querdenker
Er führt Genussspechte in Versuchung: Die Ansichten des Kötschacher Edelgreißlers Herwig Ertl gibt's ab nächster Woche in Buchform.

Foto © Neumüller
Von (falscher) Bescheidenheit hält er wenig: "Tue Gutes - und rede darüber", ist eines der Mottos des Herwig Ertl, der seine Homepage mit einem adaptierten Gebetszitat garniert: "Führe uns bitte in Versuchung und erlöse uns von dem, was alle bieten - deine begeisterten Kunden." Fürs "In Versuchung führen" hat der Edelgreißler in Kötschach Mauthen 2000 sündhaft gute Feinkostartikel in einem Geschäft, das man eher in Wien oder München ansiedeln würde.
Den Gailtaler Standortnachteil im "köstlichsten Eck Kärntens" gleicht der 38-Jährige mit Energie aus: Er veranstaltet Genussfestspiele im Alpe-Adria-Raum, bei denen er Produzenten und Kunden zusammenbringt. Als Verkäufer ist er Genussbotschafter, dem so leicht keiner briefta-schenungeschoren entkommt. Wer das "Haus der Mode und Spezialitäten" (die Eltern führen eine Abteilung für Mode) am Kötschacher Hauptplatz betritt, wird zum Stargast einer Verkostung, mit Herwig Ertl als Hauptdarsteller. Er ist DER Verkäufer par excellence, erzählt, schwärmt, ein Löfferl da, ein Schluckerl dort, so wird Kunde zur Füllung des Einkaufswagens geführt. Einer wie er könnte Wüstenscheichs Schilifte verkaufen.
Aber das will er gar nicht. Ertl ist Kämpfer gegen schlechte Massenprodukte: "Ich will den Leuten nur zeigen, dass es auch was anderes gibt, dass man Panschereien umgehen kann. Im Vergleich mit Schmuck, Uhren oder teuren Autos sind gute Produkte leistbarer Luxus - warum soll ich meinem Körper schlechte Öle zuführen, wenn's auch gute gibt?", fragt er. Genussluxus beginne beim Obstsaft: "Zu mir kommen Schüler, die sind überrascht, wie Apfelsaft schmecken kann." Er "appelliert an die Eltern, ihren Kindern die Chance zu geben, das zu entdecken."
Einheimische entdecken ihn seltener als die Klientel von auswärts - das schmerzt: "Ich hab ja Bauernbrot vom Lamprechthof, tagesfrischen Salat von der Gemüsefarm Würmlach, Speck und Würste vom Salcher, das kostet bei mir gleich viel wie ab Hof. Aber der Einkauf im Supermarkt ist halt bequemer." Aus Kärnten findet man bei ihm auch Bier von der Mauthener Loncium-Brauerei, Gailtaler Urmais von Sepp Brandtstätter, feinen Schafskäse von Nuart, Pfau-Schnäpse, Bachmann-Lachs, Fische vom Weißensee und Kötschacher Wein vom Winzer Werner Holzfeind.
Begonnen hat alles damit, dass Meinl das Kötschacher Geschäft vor zehn Jahren nicht mehr beliefern wollte. "Da hab ich den Chocolatier Zotter und andere Produzenten gefragt, ob wir zusammenarbeiten könnten." Peu à peu kam Genusspartner um Genusspartner dazu, aus Kärnten, Österreich, Italien, Deutschland. Ertls Sortiment wuchs zur neuen "Ess-Klasse", wie er sein Sortiment nennt. Das läuft, dank seines Verkäufergeschicks: "A Zeitung kannst weglegen", sagt er, "aber an Herwig Ertl kannst nicht weglegen. Ich bin als Werbeträger für meine Partner unbezahlbar." (siehe: Bescheidenheit).
365 Tage im Jahr ist er "im Kopf im Geschäft", nur 200-prozentiger Einsatz lasse einen Feinkoster wie ihn überleben. Und doch hat er, man glaubt es kaum, ein Privatleben: Jeder Arbeitstag beginnt mit einem Frühstück im Gailtalerhof, gemeinsam mit anderen Unternehmern: "Da wird diskutiert und g'schumpfen, das muss sein." Etwa 150 Abende im Jahr gehören der Singgemeinschaft Kötschach-Mauthen, dem Kirchenchor und dem Polo-Quartett, die der Tenor stimmgewaltig verstärkt. Sonntags ist der Kirchenbesuch obligat: "Da kann ich am besten entspannen und nachdenken. Nach der Kirche muss ich gleich meine neuen Ideen aufschreiben."
Und da sind natürlich Lukas, 15, und Alexander, 11, die beiden Söhne des geschiedenen Kaufmannes. "Sie spielen Golf, ich spiel den Caddy. Mich freut's, dass wir fast jedes Wochenende miteinander verbringen." Die Söhne geben Feedback, das der erfrischend offene Papa im Vorwort seines Buches "Einfach Genuss" öffentlich macht: "Papa, du bist manchmal so peinlich", zitiert er Sohn Alexander - damit ist wohl die theatralische Inbrunst gemeint, mit der Ertl mitunter agiert. Aber die kommt ja von Herzen. Cousinen haben ihm ein "Ach, Herwig, du bist oft noch wie ein Kind" ins Stammbuch geschrieben - auch das taugt ihm: "Ich kann noch wie ein Kind sein, das ist doch schön."
Die quergedachten Ansichten Ertls kommen nächste Woche in 3500-Stück-Auflage auf den Markt. Davon sind bereits 900 Bücher bei Ertl vorreserviert -wer ihn kennt, weiß, dass "Einfach Genuss" recht schnell aufs "ausverkauft" zusteuern wird.
"Einfach Genuss - Ansichten eines kulinarischen Querdenkers" erscheint im Carinthia-Verlag und kostet 24,95 Euro.
Präsentiert wird das Buch am Dienstag um 19 Uhr in der Buchhandlung Heyn in Klagenfurt.








