"Bei Skandalen packt mich das Jagdfieber"
ORF-Korrespondentin Sonja Sagmeister ist in Jenig, Hermagor, aufgewachsen. Die Sprachwissenschaftlerin "wollte immer Journalistin werden".

Foto © kk/privatSonja Sagmeister im großen Plenarsaal des EU-Parlaments
Schon als Volksschülerin hat Sonja Sagmeister die Kleine Zeitung gelesen und als Zwölfjährige Nachrichtenmagazine wie Profil. Mit 13 Jahren wusste die Gailtalerin, dass sie Journalistin werden wollte. Als ORF-Korrespondentin berichtete sie bisher aus vier Kontinenten und aus 19 europäischen Ländern. In den vergangenen drei Jahren war sie als EU-Korrespondentin in Brüssel tätig. Begleitet von Ehemann Roland Brandner, einem Allgemeinmediziner aus Spittal, mit dem sie seit vier Jahren verheiratet ist. Seit Jänner ist das Paar zurück in Wien.
Die Gailtalerin, die sich als aufdeckende Journalistin mit Berichten über Geldwäsche, den Amis-Anlegerbetrugsskandal und jüngst mit Aufdecker-Berichten um Karl Heinz Grasser einen Namen gemacht hat, arbeitet nun in der ORF-Wirtschaftsredaktion. Auch gelang es ihr beim Nato-Gipfel 2009 dem amerikanischen Präsidenten Barack Obama eine Frage zu stellen. Neben einem sprachwissenschaftlichen Buch hat die Wirtschaftsexpertin jetzt mit Daniel Gros, einem strategischen Berater der EU-Kommission, das Sachbuch "Nachkrisenzeit" geschrieben.
Wurde die Basis für Ihren Beruf in der Familie gelegt?
SONJA SAGMEISTER: Mein Vater war sehr weltoffen und räumte mir immer das Recht ein zu fragen und auch bei den Erwachsenen sitzen zu bleiben. Prägend für mein Frauenbild war meine Großmutter Hedwig Sagmeister, die nach dem Tod des Großvaters neben dem Hebammenberuf auch dessen Baufirma weiterführte.
Was haben Sie von Ihrem Auslandsstudium in den USA mitgenommen?
SAGMEISTER: Aus dieser Zeit weiß ich, wie es sich anfühlt, Ausländerin zu sein. Angst vor Grenzen habe ich nie gehabt. Das Fremde ist für mich interessant und spannend und etwas wovon man lernen kann. Das erlaubt mir, offen in die Welt hinaus zu gehen. Durch Grenzen im Kopf ergeben sich Vorurteile. Ich habe 1996 in den USA bulgarische, mexikanische und japanische Freundschaften geknüpft, die bis heute aufrecht sind.
Wie fühlen Sie sich, wenn Sie Skandale aufdecken? Verliert man dadurch den Glauben an die Gerechtigkeit?
SAGMEISTER: Bei solchen Recherchen packt mich das Jagdfieber. Das beschäftigt mich bis ins Privatleben und kostet viel Nerven und Energie, deshalb mache ich solche Dinge nicht so oft. Den vorurteilsfreien idealistischen Zugang zur Welt, den ich grundsätzlich habe, versuche ich mir aber trotzdem zu bewahren.
Wie hat sich die Möglichkeit ergeben beim Nato-Gipfel 2009 dem amerikanischen Präsidenten Barack Obama eine Frage zu stellen?
SAGMEISTER: Das zu tun war mein großes Ziel. Ich habe einfach daran geglaubt. Tatsächlich ist es dann trotz aller Sicherheitsnetze geglückt. Barack Obama ist der faszinierendste Politiker weltweit. Sein Charisma erfüllt nach fünf Minuten den ganzen Raum und man nimmt ihm das ab was er sagt. Ein großes Interview mit ihm wäre mein Traum und würde alles schlagen. Aber das geht, wenn überhaupt, nur über persönliche Netzwerke. Interessant auf Europaebene und ebenfalls sehr charismatisch ist Präsident Nicolas Sarkozy in Frankreich, dem ich auch schon Fragen gestellt habe.
Womit befasst sich Ihr Buch "Nachkrisenzeit"?
SAGMEISTER: Am Beispiel von Island beschreiben wir wie es zur Krise kam. Wie die Isländer zuerst immer reicher und dann immer ärmer wurden. In einigen Jahren wird es zwischen alten und neuen EU-Ländern keinen Unterschied mehr geben. Polen etwa wird in 20 Jahren Deutschland wirtschaftlich überholen. Der Schlüssel dafür ist die Bildung, die in Polen weit besser ist als in Deutschland und Österreich. Als Bildungsfanatikerin glaube ich, dass Bildung der Schlüssel für Entwicklung ist. Jede Art von Fortbildung ist die Basis für anderes Denken und senkt die Gefährdung, jemals arbeitslos zu werden. Festen Besitz kann man nicht verpflanzen. Aber mit dem was man im Kopf hat, kann man überall neu anfangen.
Zurück in Wien, ist ein Aufenthalt im Ausland derzeit kein Thema?
SAGMEISTER: Die vergangenen drei Jahre waren sehr anstrengend obwohl Korrespondenz sehr spannend ist. Von der Lebensqualität schlägt Wien sicher Brüssel und das hat am Ende auch einen Stellenwert. Nachdem auch mein Mann, der mit mir in Brüssel war, ähnlich interessiert an der Welt ist, schließe ich einen Auslandsaufenthalt zu einem späteren Zeitpunkt aber nicht aus.
Kommen Sie häufig ins Gailtal?
SAGMEISTER: Alle zwei bis drei Wochen komme ich zu meiner Mutter Hildegard. Dort treffe ich auch immer wieder meinen Bruder Dietmar, der auch ein Zugvogel ist und nach fünf Jahren in Tschechien jetzt in der Schweiz ist. Wir grillen zusammen oder machen eine Wanderung auf den Zottachkopf in den Karnischen Alpen. Heimat ist für mich meine Familie.
Welche Hobbys haben Sie?
SAGMEISTER: Ich lese internationale Zeitungen wie Financial Times oder Sachbücher über Wirtschaft. Wenn es die Zeit erlaubt, koche ich sehr gerne und da vor allem Fleischgerichte.
INTERVIEW: MARGRET KRONHOFER











