17 ° C
Graz

20 JAHRE BRIEFBOMBEN-TERROR

Theo Kelz: "Als wäre es gestern gewesen"

Der Klagenfurter Polizist Theo Kelz (59) verlor durch eine Rohrbombe von Franz Fuchs beide Unterarme - und ließ sich zwei neue transplantieren.

© PRIVAT
 

Vor 20 Jahren begann der Bombenterror in Österreich. Von den Überlebenden traf es Sie am schlimmsten. Können Sie den Namen Franz Fuchs noch hören?
THEO KELZ: Selbstverständlich, ich werde ja dauernd von Freunden wie Fremden darauf angesprochen, so wie jetzt wieder. Der ist ja überall vorhanden.

Gut, das ist die optisch-akustische Seite. Und die emotionale?
THEO KELZ: Das macht mir nichts aus. Ich habe keinerlei Hass- oder Rachegefühle. Aber man sieht an ihm, wohin einen solche Gefühle treiben können - bis in die Isolation und zum Selbstmord.

Haben Sie Fuchs nie verflucht?
THEO KELZ: Er wurde erst fast vier Jahre nach meinem Unfall gefasst. Bis dahin ist das Ganze schon etwas abgeebbt.

Fuchs hat sich bei seiner Verhaftung die gleichen Verletzungen zugefügt wie Ihnen durch die Klagenfurter Rohrbombe.
THEO KELZ: Das klingt schon nach einer Fügung des Schicksals.

Manche Leute scheinen Fuchs fast zu bewundern, weil er sich ohne Hände umbringen konnte.
THEO KELZ: Ich nicht, weil ich weiß, was man ohne Hände leisten kann. Ich habe mir mit Armstümpfen die Krawatte selbst gebunden. Da ist es nicht schwierig, einen Henkerknoten zu binden.

Wie präzise sind Ihre Erinnerungen an den 24. August 1994, den Tag der Explosion?
THEO KELZ: Sehr klar, bis ins letzte Detail, als wäre es gestern gewesen. Nachdem ich fünf Kilo Sprengstoff entfernt hatte, wollten wir die Rohrbombe im Flughafen Klagenfurt röntgen. Ich sah nichts und wollte sie aus einer anderen Perspektive durchleuchten. Als ich die Bombe hinlegte, explodierte sie. Ich wurde an die Wand geschleudert. Ich schrie oder murmelte: "Jetzt sind meine Hände weg." Ein Kollege, der neben mir stand, wurde durch meine herumfliegenden Knochenteile verletzt. Ein weiterer Beamter hat meine Oberarme abgebunden und die Rettungskette gestartet. Ohne ihn wäre ich wohl tot.

Haben Sie noch Kontakt?
THEO KELZ: Ja, immer mal wieder. Die beiden sind wie ich noch aktiv im Polizeidienst.

Wie war es, als Sie nach der Operation aufwachten?
THEO KELZ: Ich war blind und hörte, wie der Chef der Augenabteilung sagte: "Ich muss Ihnen mitteilen, dass Sie beide Hände verloren haben und ich nicht weiß, ob ich Ihr Augenlicht retten kann." Das war Schock pur - und dann legte mir meine Tochter Andrea den Arm um die Schulter und sagte: "Aufgeben tun wir nur einen Brief." Sie hat mich mit meinem eigenen Spruch geschlagen. Und meiner verstorbenen Frau bin ich unendlich dankbar für die Unterstützung in schwerer Zeit. Ohne sie hätte ich es nicht geschafft.

Wie kamen Sie auf die Idee, sich zwei Hände transplantieren zu lassen, was es bis dahin nur einmal weltweit gegeben hatte?
THEO KELZ: Zwei Monate nach dem Unfall hatte ich in der Rehaklinik Tobelbad um 3 Uhr früh eine Vision und sah mich mit zwei neuen Händen im Bett liegen. Danach habe ich der Transplantations-Koryphäe Raimund Margreiter in Innsbruck geschrieben, aber er lehnte ab. Als auch 50 weitere Unikliniken weltweit ablehnten, forderte ich Margreiter direkt auf, mir zu helfen. Die Entschlossenheit hat ihn wohl dazu bewogen, meinen Fall zu übernehmen.

Der zu einem Erfolg wurde.
THEO KELZ: Ja, meine Hände sind die am besten funktionierenden in der ganzen Welt. Die Operation dauerte 17 Stunden, ich habe 5000 Therapiestunden hinter mir und vor einer Woche hieß es, dass alles wunderbar in Ordnung sei.

Wollten Sie Fuchs jemals sehen?
THEO KELZ: Ich habe sogar ein Ansuchen an die Gefängnisleitung Karlau gestellt, die den Wunsch an Fuchs weiterleitete. Aber er hat jeden Besuch abgelehnt.

Seither erobern Sie die Welt.
THEO KELZ: Als Erstes fuhr ich mit dem Motorrad nach Innsbruck und drehte mit Prof. Margreiter auf dem Sozius eine Runde durchs Spitalgelände. Dann machte ich eine 9500-Kilometer-Probefahrt zum Nordkap. Als das gut ging, traute ich mir eine Fahrt über Wladiwostok, durch Japan nach Alaska zu. Im März 2014 starte ich mit einem Freund zu einer vertikalen Weltumrundung für "Helping Hands - Giving Life" gegen den Hunger auf der Welt.

Kann man dem Unfall auch etwas Positives abgewinnen?
THEO KELZ: Man wird ein anderer Mensch. Und durch die vielen Medienauftritte kann man vielleicht anderen helfen, niemals die Flinte ins Korn zu werfen.

Wie lebt man mit fremden Händen?
THEO KELZ: Fremde Hände - das fragen nur Journalisten. Seit ich sie zum ersten Mal gesehen habe, sind das meine neuen Hände - von meinem Geist gesteuert und meinem Blut versorgt.

Hat Sie der Unfall verändert?
THEO KELZ: Ja. Weil ich selbst Opfer und mit meiner Familie auf Hilfe angewiesen war, ist es meine Pflicht, selbst zu helfen. 2000 habe ich eine Stiftung für Polizisten gegründet, die im Dienst Opfer von Unfällen oder Verbrechen werden. Montag war ich in Scheibbs, bei einem berührenden Treffen mit den Hinterbliebenen der Männer, die von einem Wilderer erschossen worden waren.

Hat Franz Fuchs die Republik verändert?
THEO KELZ: Wenn ich an unsere Möglichkeiten 1994 und das hervorragende Know-how und die technischen Geräte der Kollegen von heute denke - das hat sich auf allen Ebenen positiv entwickelt.

Ihr Resümee?
THEO KELZ: Man kann nicht vergessen, aber verzeihen schon.

Zwischen 22 Uhr und 8 Uhr ist das Erstellen von Kommentaren nicht möglich.
Danke für Ihr Verständnis.

Bei der Erstellung von Kommentaren haben Nutzer rechtliche Bestimmungen (z. B. Privat-, Strafrecht), die Netiquette und Forenregeln einzuhalten. Was wir in diesem Forum nicht dulden: Beschimpfungen, Verspottungen, Belästigungen, Ehrbeleidigungen, Verhetzung, Diskriminierung in jedweder Form, Rassismus, Aufrufe zu Gewalt oder gar Selbstjustiz. Beiträge, die diesen Bestimmungen zuwiderlaufen, werden bei Kenntnis gelöscht, Nutzer im Wiederholungsfall gesperrt. Zudem behalten wir uns die stundenweise oder völlige Schließung von Foren vor. Wir weisen Sie darauf hin, dass wir auch keine Links zu anderen Websites akzeptieren.
Als Nutzer stimmen Sie der Speicherung der von Ihnen angegebenen Daten (Stamm-, Verkehrsdaten, etc.) ausdrücklich zu. Die angegebenen Daten werden an staatliche Stellen (z. B. Polizei, Gericht) bei Untersuchung von vom Nutzer verbreiteten Materialien, oder sonst vorgenommenen ungesetzlichen Aktivitäten, weitergegeben. Weiters werden angegebene Daten (Name und Adresse) an sonstige Dritte bei Verletzung von Rechten oder sofern deren Rechtsverletzung nachvollziehbar behauptet wird (zB gem. § 18 Abs. 4 ECG), weitergegeben. Mit der Erstellung von Kommentaren stimmen Sie dem ausdrücklich zu und verzichten auf die Geltendmachung von jeglichen Ansprüchen. Siehe dazu auch unsere Forenregeln/Betriebsbedingungen in den AGB.