Fidele Antike, spießige 1950er-Jahre
Musiktheater beim Carinthischen Sommer: Unter dem Titel "Götter und Söhne" wurden mehrere Werke des französischen Komponisten Darius Milhaud szenisch aufgeführt.

Foto © NeumüllerNeues vom verlorenen Sohn in der Stiftskirche Ossiach im zweiten Teil des "Götter & Söhne"-Musiktheaters
Papierkostüme wie aus Stein gemeißelt, Papierblumen, Papierschmetterlinge, Papierschiffchen, Säulen aus Papier (Ausstattung: Gabriele Attl) ... Die griechischen Götter werden ganz schön "papierd'lt", so völlig respektlos, frech und menschlich kommen sie bei den drei Minutenopern "Der befreite Theseus", "Die Entführung der Europa" und "Die verlassene Ariadne" von Darius Milhaud zu Ehren.
Parallel und platt
Regisseur Titus Hollweg setzt mit hohem Tempo und weiteren persiflierenden Ideen beim wendigen, durchchoreografierten (Paul Zeplichal) Ensemble, noch eins drauf: Wie auf einem Catwalk bewegen sich die Götter zwischen den Zuschauern im Ossiacher Alban-Berg-Saal, spielen in alle Richtungen. Vieles läuft parallel, manches - auch im Text - ist allerdings recht platt, und mangels Podiums aus den hinteren Reihen nicht wahrnehmbar.
Die vitale und ungemein melodiöse Musik enthält Arien und Duette, die oft nur einige Takte dauern. Dazwischen werden die Sätze aus Milhauds Petite Symphonie Nr. 6 gespielt. Gleich zu Beginn gibt es sogar eine Uraufführung: das aleatorische Werk "Neige sur le fleuve".
Kontrastprogramm
Weggehen heißt nicht Scheitern. Nein, er ermuntert ihn sogar, das zu tun, was auch er getan hat. Reicht ihm das Köfferchen und weist ihm den Weg über den Steg vom Altarraum hinunter, während die Eltern im Hintergrund entsetzt erstarren. Auch musikalisch sehr berührend ist die Schlussszene der Kantate "Die Rückkehr des verlorenen Sohnes", die anschließend im Andenken an Benjamin Brittens jahrelang hier aufgeführter Oper "Der verlorene Sohn" gezeigt wurde. Librettist André Gide hat zusätzlich einen jüngsten Sohn erfunden, ein gleich bekleidetes Alter Ego.
In der Stiftskirche Ossiach hat Titus Hollweg das Werk erstmals szenisch gelöst. Im spießigen, puritanischen Ambiente der 50er- Jahre wird der Generationskonflikt vom Loslassen und Verlassen bei einem Festmahl, vor dem brav gebetet wird, sparsam, präzise und nachvollziehbar im Altarraum umgesetzt.
Darius Milhauds hat auch hier eine ausnehmend farbenreiche Musik geschrieben, polyfon geschichtet in verschiedenen Tonarten, Themen und Tempi. Jeder Teil ist einem Familienmitglied gewidmet und wird immer wieder von stimmungsvollen Passagen des Barockkomponisten Jean-Baptiste Lully unterbrochen. In einer völlig unüblichen Orchesterbesetzung von zwei Streichquartetten, Kontrabass und Bläsern spielen die 21 Musiker der Camerata Schulz unter der Leitung von Emanuel Schulz die vielen komplexen Themen mit großem Einfühlungsvermögen und Exaktheit.
Jung, vital und gut bei Stimme ist das gesamte Sängerteam, das auch die Minutenopern gestaltete: Sebastian Huppmann singt den verlorenen Sohn mit kräftigem Bariton. Steffen Rössler ist ein verständnisvoller Vater, Michaela Christl seine leidende Mutter, der höhensichere Marian Olszewski der jüngste Bruder.
Tadellos: Steven Scheschareg als älterer Bruder (Hippolytos, Dionysos), Stefan Reichmann (Theseus und Zeus), Claudia Guarin (Phädra), Judith Halász (Aricia) und Heidi Manser (Europa und Ariadne).
Features
Zum Stück
Götter & Söhne von Darius Milhaud.
Aufführungen: 26. Juli und 9. August, 20 Uhr. Alban-BergSaal und Stiftskirche Ossiach
Karten: Tel. 0 42 43 25 10












