Man geht ein bisserl fremd
Der Carinthische Sommer bittet heuer den "Patriarchen der Provence" vor den Vorhang und führt gleich mehrere Werke des Komponisten Darius Milhaud auf.

Foto © Privat"Der verlorene Sohn" (hier eine rare Darstellung von Eugeniusz Zak) kehrt nach Ossiach zurück
Die Fotografie auf dem Klavier von Thomas Daniel Schlee ist leicht vergilbt. Sie stammt aus dem Jahr 1968 und zeigt den wohlwollend blickenden Darius Milhaud mit dem Intendanten des Carinthischen Sommers im zarten Alter von 10 Jahren. "Für meinen Musikerkollegen - gewidmet von einem alten Herrn, der auch Musik macht", steht auf Französisch darunter.
Selten gespielt
"Ich war von seiner Persönlichkeit schon damals fasziniert. Und auch heute bewundere ich seine Musik grenzenlos: seine leuchtenden Farben, seine Vitalität, wie er das Dramatische anspricht. Es lag mir immer schon am Herzen, ihn aufzuführen", gerät Schlee ins Schwärmen, wenn er über den französischen Komponisten, den er über seinen Vater Alfred, dem damaligen Direktor des Wiener Musikverlags Universal Edition, kennenlernte, spricht: "Deswegen ist es für mich unverständlich, warum er so selten aufgeführt wird."
Immerhin gilt Darius Milhaud (1892-1974), der aus einer alten provencalischen Familie stammt, als "Patriarch der französischen Musik des 20. Jahrhunderts" mit einem reichen ?uvre von weit über 400 Werken aller Genres: Opern (wie "Christophe Colombo"), 12 Symphonien, Vokalmusik, Kammermusik, mehr Streichquartette als Beethoven.
Dieses Jahr werden allein beim Carinthischen Sommer 14 seiner Werke aufgeführt: Unter dem Titel "Götter & Söhne" wird heuer die Musiktheaterproduktion erstmals zweigeteilt. Im Alban-Berg-Saal in Ossiach werden zuerst drei Minutenopern mit Figuren wie Theseus, Ariadne und Europa aus der griechischen Mythologie gezeigt. Sehr weltlich, auf das Frechste zusammengeschmolzen, von Liebe und Fremdgehen handelnd. Dazwischen werden die Sätze aus Milhauds 6. Symphonie gespielt. Gleich zu Beginn gibt es sogar eine Uraufführung: "Neige sur le fleuve - Schnee auf dem Fluss" aus dem Nachlass von Schlees Vater, ein Geschenk Milhauds zum 60. Geburtstag.
Dann folgt in der Stiftskirche die von Titus Hollweg szenisch umgesetzte Kantate "Die Rückkehr des verlorenen Sohnes", im Andenken an Benjamin Brittens Oper "Der verlorene Sohn", die jahrelang carinthisches Programm war. Das recht aufwendige, 45-minütige Werk (mit elf Sängern und 20 Musikern besetzt) wurde vom Librettisten André Gide durch einen im Alten Testament nicht existenten dritten Sohn ergänzt, der nach der Rückkehr seines Bruders die alte Ordnung völlig auf dem Kopf stellt und das Haus endgültig verlässt. Musikalisch sehr komplex, mit lebendigem, ungemein farbigem und melodiösem Klangbild, versucht Milhaud hier jedem Instrument eine eigene Musik, die dessen Charakter entspricht, zu geben.
Eröffnet wird das Festival schon tags davor, erstmals in Villach. Im Congress Center werden die "Auferstehungssymphonie" von Gustav Mahler und die "Deutsche Motette" von Richard Strauss aufgeführt.
Features
Zur Produktion
Götter & Söhne. Musiktheater mit Werken von Darius Milhaud. Regie: Titus Hollweg/musikalische Leitung: Emanuel Schulz
Premiere: 11. Juli, 20 Uhr. Wiederholungen: 27. 7. und 9. 8. im Alban-Berg-Saal und in der Stiftskirche Ossiach.
Info/Karten: Tel. 0 42 43 25 10
www.carinthischersommer.com










