In ihrer Kindheit regierte der Kaiser
Sechs Menschen - alles Frauen - sind im Bezirk Feldkirchen derzeit älter als 100 Jahre. Die Kleine Zeitung stattete den betagten, aber durchaus rüstigen Damen einen Besuch ab.

Foto © KuhsJustine Reimann feierte heuer im September ihren 100er. Zu ihren Hobbys zählt nach wie vor das Häkeln
Als sie geboren wurden, regierte noch Kaiser Franz Joseph I. und die Welt war noch nicht zerrissen von den beiden großen Weltkriegen. Es gab für die einfachen Haushalte in der Regel noch keinen elektrischen Strom und nur die Reichen fuhren die ersten Automobile. Handy, Fernseher - das waren damals Utopien. Die sechs ältesten Feldkirchnerinnen haben wohl das technisch bewegteste Jahrhundert durchlebt, das je stattgefunden hat.
Eine davon ist Veronika Gratzl aus Ebene Reichenau. Sie lebt mittlerweile im Caritas-Pflegeheim in Feldkirchen, wo sie von den Schwestern liebevoll betreut wird. Gratzl spielt am liebsten "Schnapsen" und trinkt gerne ein kleines Bier dazu. Die ehemalige Sennerin wuchs auf 1300 Meter Seehöhe auf - der Thamer-Hof war ihre Heimat. "Die Bergluft und meine selbst gepflückten Kräuter haben mich so alt werden lassen", glaubt Gratzl, die ihre schönste Zeit auf der Alm erlebt hat.
Auch Josefine Gitschtaler ist bereits 101 Jahre alt und lebt im Bezirksaltenwohnheim am Lindl. Sie wurde in Bodensdorf geboren und arbeitete in der Feldkirchner Firma "Blaas Leinen", war aber auch kurz in Wien als Köchin tätig. "Sie hat auf ihre leicht behinderte Schwester aufgepasst und kam mit ihr gemeinsam 1995 zu uns ins Heim", sagt Schwester Amalia Berna. Im selben Heim lebt auch die beeindruckend gesunde Justine Reimann, die immer einen Scherz auf Lager hat. Die Tiffnerin ist eine echte "Sprücheklopferin". Als die Kleine Zeitung sie um ein Foto bittet, schmunzelt die 100-jährige Dame und meint: "Na, dann werde ich eben einen Purzelbaum machen." Als es zu schneien beginnt, fordert sie gleich zu einer Schneeballschlacht auf.
Enkel, Urenkel, Ururenkel
"Hinter Hanse Honse seim Stodl hon i neun Hosen huasten ghört!", scherzt die ehemalige Schneiderin, die immer noch gerne häkelt und stickt. Ihr Frühstücksbrot streicht sie selbst und liest dabei die Kleine Zeitung. Gut kann sie sich erinnern, als ihr Mann vom Zweiten Weltkrieg zurückkam: "Das war eine unbeschreibliche Freude."
Anna Wernig (100) lebt nicht in einem Heim, sondern bei ihrer jüngsten Tochter Frederike Trampitsch (70) in St. Urban. Wernigs Mann Erich kam nie aus dem Zweiten Weltkrieg zurück - er wurde vermisst. Sie musste sechs Kinder alleine durchbringen - mittels Selbstversorgung mit einigen Tieren. Sie hat 28 Enkel, bei den Ur- und Ururenkel verliert sie schon den Überblick. Wernig kann sich sogar noch an den Ersten Weltkrieg erinnern: "Die Frauen waren alle so verzweifelt und traurig, dass die Männer plötzlich fort waren", sagt Wernig, die unendlich dankbar ist, dass sie zu Hause bei ihrer Tochter alt werden darf.
Olga Ausserladscheider (100) kommt ursprünglich eigentlich aus Innsbruck. Da sie dort niemanden mehr hatte, holte sie ihre Nichte aus Klagenfurt vor acht Jahren in ihre Nähe, damit sie sie wenigstens besuchen gehen kann. Sie lebt nun im Caritas-Pflegeheim.
Features
ZU DEN PERSONEN
Maria Kainzner. 24. Dezember 1907 in Krems bei Gmünd
Veronika Gratzl. 4. Jänner 1909 in Ebene Reichenau
Josefine Gitschtaler. 17. März 1909 in Bodensdorf
Anna Wernig. 20. Mai 1910 in St. Urban
Olga Ausserladscheider. 5. September 1910 in Innsbruck
Justine Reimann. 24. September 1910 in Tiffen










