Adoption

Wenn das Fremde zum Eigenen wird

Jetzt, wo mehrere Kinder weggelegt wurden, rückt eine alternative Beziehung zwischen Eltern und Kind in den Fokus: die Adoption. Ein Glücksfall mit Schwierigkeiten.

© Weichselbraun
 

Spricht man mit Adoptiveltern, formulieren sie ein Gefühl deutlich: die Dankbarkeit gegenüber der leiblichen Mutter. Sie hat eine Entscheidung getroffen, die für sie unglaublich schwierig gewesen sein muss, aber sie hat sie getroffen: Sie wollte, dass ihr Kind eine Zukunft hat, ein Leben. Auch wenn es dadurch nicht mehr ihr Kind sein konnte.

"Das Leben mit Lukas* ist das beste und größte Geschenk. Wir sind der Bauchmama ewig dankbar und sprechen auch regelmäßig und liebevoll mit dem Kind über sie", sagt Anja*, die mit ihrem Mann Stefan* Lukas vor sieben Jahren adoptiert hat. Sie fügt hinzu: "Ich bin mir sicher, dass sie auch an ihn denkt, zu seinem Geburtstag oder zu Weihnachten."

Adoption in Zahlen

Sieben Adoptionen
gab es 2014 in Kärnten, davon drei Inkognitoadoptionen und drei anonyme Geburten. 2013 waren es elf Adoptionen, 2012 zehn und 2011 elf. Kärnten liegt damit zirka im Österreich-Schnitt.

Zwei bis drei Jahre
dauert die Wartezeit auf eine Adoption in der Regel. Als Mindestdauer wird die „Dauer einer Schwangerschaft“ angenommen. Derzeit sind in Kärnten rund 30 Personen auf der Warteliste für eine Adoption.

Anja und Stefan wissen kaum etwas über die leibliche Mutter ihres Kindes. Die Geburt erfolgte anonym, das heißt, dass die Daten der Mutter bei der Geburt nicht erhoben wurden. "Auf meinen Wunsch hin hat die leitende Hebamme alles niedergeschrieben. So wissen wir, dass die Bauchmama bis sechs Wochen vor der Geburt nichts von der Schwangerschaft wusste."

Kontakt mit der Mutter

Wie viel das Kind und die "sozialen Eltern" über die leiblichen Eltern erfahren, hängt von diesen ab. Wenn das Kind nicht in der Babyklappe abgegeben oder anonym geboren wurde, gibt es verschiedene Arten der Adoption. Bei der Inkognitoadoption erhält die Mutter Eckdaten über die Adoptiveltern und kann bei der Auswahl mitentscheiden. Sie verzichtet aber darauf, Name und Adresse der Adoptiveltern zu erfahren. Über das Jugendamt hat sie allerdings, wie auch bei den anderen Formen, die Möglichkeit, sich nach dem Kind zu erkundigen. Darüber hinaus gibt es noch die halboffene und die offene Adoption. Bei der offenen Adoption weiß die Mutter, wo sich das Kind befindet und kann eventuelle Kontakte vereinbaren. "Die offene Adoption weckt bei Adoptiveltern häufig die Ängste, dass die Verbindung zur leiblichen Mutter Unruhe in die Familie bringen könnte", sagt Christine Gaschler-Andreasch, stellvertretende Abteilungsleiterin für Soziales, Jugend und Familie des Landes.

Ein Adoptivkind erzählt

"Mein Leben ist wie ein schöner Traum", sagt Saskia* (21). Anders war ihr Start ins Leben: "Meine Mutter wollte mich nicht habe und hat mich nach der Geburt zur Adoption frei gegeben", sagt die Studentin aus Mittelkärnten. Mit ihren neuen Eltern habe sie aber einen "Lottotreffer" gemacht. "Sie haben mir einfach alles ermöglicht", sagt sie.

Dass sie adoptiert ist, hat sie im Alter von zehn Jahren erfahren. "Bei einem Festessen haben mir meine Eltern diese Sache vorsichtig erklärt", erzählt sie. Anfangs habe sie es gar nicht glauben können, zu unglaublich sei dies gewesen. Die Adoptiveltern hätten sie aber geschickt durch die folgende Lebens- und Identitätskrise begleitet.

"Ich musste versuchen, diesen Schritt meiner leiblichen Mutter zu entschuldigen und ihn zu verstehen", sagt sie. Bei der Aufarbeitung der Situation – Saskia nennt sie ein "Trauma" – sei es vor allem um die Ehre der leiblichen Mutter gegangen. "Heute bin ich ihr dankbar, dass sie mich geboren hat. Sie hätte mich in ihrer schwierigen Lage abtreiben können", sagt die Studentin, fügt aber dennoch hinzu: "Der Gedanke daran, dass mich meine Mutter nicht wollte, wird mich immer belasten und meiner Seele nicht gut tun."

Bisher habe sie nicht versucht, ihre leibliche Mutter zu suchen. "Es muss nicht sein, weil ich sowieso super Eltern habe. Aus heutiger Sicht war meine Adoption gleichzeitig ein Glück." Über ihre Adoption wissen alle Freunde und Verwandten bescheid. "Es ist für Niemanden ein besonderes Thema. Auf die große Glocke möchte ich die Geschichte aber doch nicht hängen." Dafür sei sie zu privat.

 

Das Problem mit der Anonymität

"So wichtig die Anonymität für die Mutter sein kann", sagt Gaschler-Andreasch, "für das Kind kann sie später zum Problem werden." Deshalb werden die leiblichen Mütter ermuntert, dem Kind persönliche Sachen, einen Brief, ein Foto, mitzugeben. "Wir haben uns gewünscht, so viel wie möglich über die Herkunft des Kindes zu erfahren", sagen Nicole* und Thomas*. "Wir wollen Mia* einmal ihre Geschichte erzählen. Das ist, laut Theorie, wesentlich für eine positive Entwicklung." Und noch etwas sagt die Theorie, die Adoptivelternwerbern in mehrtägigen Kursen vermittelt wird: Die Kinder sollten so früh wie möglich über ihr Adoptiertsein Bescheid wissen. Thomas sagt, dass er es Mia, die inzwischen knapp ein Jahr alt ist und nur wenige Tage nach der Geburt zu ihnen gekommen ist, schon gesagt hat: "Und wir sagen es ihr spielerisch immer wieder."

Das lange Warten

Auch Susanne* und Robert* haben es ihrer Tochter Emma* bereits gesagt. Emma ist erst seit wenigen Monaten bei dem Klagenfurter Ehepaar. Bis zum Frühling sind die künftigen Adoptiveltern "nur" Pflegeeltern. In Österreich gibt es keine gesetzlich vorgeschriebene Pflegezeit, in der Regel sind es aber rund sechs Monate. Die späteren Adoptiveltern bekommen die Kinder meist nur wenige Tage nach der Geburt mit nach Hause – nach dem sie oft mehrere Jahre darauf warten mussten. Und dann beginnt das erneute Warten – und die Angst, dass es sich die leibliche Mutter anders überlegt. Susanne sagt, dass sie "versucht, nicht an diese Möglichkeit zu denken, denn sonst würde ich verrückt werden".

Sie sagt auch, dass sie vor der ersten Begegnung mit Emma eine "Schutzmauer" aufgebaut hat. Sie hat an einem Donnerstag erfahren, dass es im Krankenhaus ein Baby für sie gibt. Am Freitag hat die Angestellte ihren völlig unvorbereiteten Chefs und Kollegen gesagt, dass sie ab Montag in Karenz geht. Am Wochenende hat sie alles vorbereitet und am Montag ist sie mit ihrem Mann ins Klinikum gefahren. "Ich war völlig überfordert", sagt Susanne, man bekomme ja ein "fremdes Kind". Aber es hat bald den Moment gegeben, an dem sie es "bedingungslos angenommen2 hat: als sie Emma das erste Mal gebadet hat, „das Alte wurde heruntergewaschen, das Neue fing an".

Wir haben unser Adoptivkind von Anfang an angenommen, als wäre es unser leibliches. Die Bindung und die Liebe waren vom ersten Moment an da. 

Nicole und Thomas, Adoptiveltern
 

Dieses "Neue" wird nicht einfach, das wissen Adoptiveltern, neben den "normalen" Schwierigkeiten, die das Aufwachsen mit sich bringt, kommen noch andere dazu. Gaschler-Andreasch: "Man sagt mit einer Adoption Ja zu einer nicht der Norm entsprechenden Lebensform: Das Kind verliert seine leiblichen Eltern und die meisten Adoptiveltern müssen mit dem Verlust leben lernen, kein leibliches Kind zu bekommen."

Aber Adoptiveltern, auch das erfährt man, wenn man mit ihnen spricht, machen keinen Unterschied zu einem leiblichen Kind. "Das Leben mit einem Adoptivkind ist wunderbar", sagen Nicole und Thomas. "Wir haben es von Anfang an angenommen, als wäre es unser leibliches. Die Bindung und die Liebe waren vom ersten Moment an da."

*) Alle Namen der Adoptiveltern und -kinder wurden geändert.

CHRISTIAN ZECHNER, ROSINA KATZ-LOGAR

Fakten zur Adoption

Wer kann adoptieren?
Ehepaare oder Einzelpersonen. Bei einem unverheirateten Paar darf nur eine Person adoptieren, Ehepaare dürfen dies nur gemeinsam. Seit 1. 1. 2016 können auch eingetragene gleichgeschlechtliche Paare Kinder adoptieren. Die Adoptiveltern müssen das 25. Lebensjahr vollendet haben. Der Altersunterschied zum Kind muss 16 Jahre und soll höchsten 45 Jahre betragen.

Anlaufstellen.
Die Vermittlung ist dem Kinder- und Jugendhilfeträger vorbehalten. Daher ist das Jugendamt in der jeweiligen BH oder dem Magistrat die erste Anlaufstelle, sowohl bei Inlands- als auch Auslandsadoptionen.

Gründe für die Adoptionsfreigabe.
Meist mehrere Gründe, die zusammenkommen, oft sind es Frauen ohne Ausbildung und Beruf. Eltern mit sozial gesicherter Lebens-perspektive geben ihr Kind selten fort.
Eignung.
Die Einschätzung aus dem Eignungsgespräch werden in einem Sozialbericht zusammengefasst. Werden die Adoptionswerber als geeignet angesehen, werden sie auf eine Bewerberliste genommen. Viele Faktoren sind zu beachten: zum Beispiel grundsätzlich stabile Lebensbedingungen,
die eine zuverlässige Elternschaft und ein
„gutes Zuhause“ in Aussicht stellen.

Weitere Informationen.
www.help.gv.at

 

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Zongher
0
1
Lesenswert?

Dieses Titelbild ist sehr "zweideutig"

Sehr sensibles Thema, aber das Bild schaut wirklich "nach einer anderen Tätigkeit" aus.

Antworten

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