Kärnten, OsttirolWelche Sprüche Menschen mit Behinderung nicht mehr hören können

Am Sonntag, 3. Dezember, ist Tag der Menschen mit Behinderung: Betroffene erzählen, mit welchen Vorurteilen sie zu kämpfen haben und welche Sprüche sie nicht mehr hören können.

Starke Ansagen: Bernadette de Roja, Behindertenanwältin Isabella Scheiflinger, Katja Stoppacher, Heinz Pfeifer mit Hund Netti und Sabrina Maierbrugger (von links)
Starke Ansagen: Bernadette de Roja, Behindertenanwältin Isabella Scheiflinger, Katja Stoppacher, Heinz Pfeifer mit Hund Netti und Sabrina Maierbrugger (von links) © KLZ/Markus Traussnig
 

Fünf Menschen mit Behinderung aus Kärnten und Osttirol geben Einblick in ihr Leben. Ganz offen erzählen sie, mit welchen Vorurteilen sie kämpfen und welche Sprüche sie nicht mehr hören können.

Ein blinder Betriebswirt, eine Küchen-Mitarbeiterin mit Down-Syndrom, eine bloggende Rollstuhlfahrerin, eine 36-Jährige, die gehörlos und sehbeeinträchtigt ist, sowie eine junge Frau mit Behinderung, die als Model arbeitet. Sie alle gehören zu den 15 Prozent der Bevölkerung, die als behindert gelten.

Humorvoll, kritisch und ohne Tabus reden sie über ihre Erlebnisse, ihre Familien, ihre Berufe – und eben über ihre Behinderungen.

„Sie alle sind starke Persönlichkeiten, die Freude am Leben haben und sich ihren Herausforderungen stellen. Allen gemeinsam ist, dass sie Menschen um sich haben, die an sie glauben und die mit ihnen neue Wege bestreiten. Sie möchten ernst genommen und nicht auf ihre Behinderung reduziert werden,“ sagt Isabella Scheiflinger, die Leiterin der Anwaltschaft für Menschen mit Behinderung in Kärnten.

Kärnten: Fünf Geschichten: Tag der Menschen mit Behinderung

„Mehr Geduld und Motivation“
Bernadette de Roja ist 20 Jahre alt, besucht das „Centrum humanberuflicher Schulen“ in Villach und steht kurz vor der Matura. Im Alter von zwölf Jahren hatte sie einen Fahrradunfall, lag zwei Monate im Koma und wurde als Pflegefall entlassen – mit schlechten Prognosen. „Atmen, schlucken, reden – ich musste alles wieder lernen“, erzählt sie. Ihre drei obersten Ziele waren: aus dem Rollstuhl kommen, Matura machen, modeln.

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Zu unserem Termin kam de Roja tatsächlich ohne Rollstuhl. Eine Körperhälfte ist beim Bewegen zwar stark beeinträchtigt. „Aber den Rollstuhl brauche ich nur noch für Strecken über 150 Meter“, erzählt de Roja. „Ich würde mir wünschen, dass die Leute mehr Geduld haben, wenn ich für gewisse Abläufe länger brauche.“ Was sie mitten ins Herz getroffen habe, war die Aussage: „Mit deiner Behinderung wirst du nie modeln können.“ Von wegen! Sie machte eine Ausbildung in der Modelschule Reitzl. „Bei der Strohmaier-Gala, bei Licht-ins-Dunkel-Abenden und bei Messen war ich schon auf dem Laufsteg.“ Ihr Appell: „Traut Menschen mit Behinderung mehr zu!“

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„Die Leute glauben mir oft nicht“
Sabrina Maierbrugger ist 36 Jahre alt und lebt im Gehörlosenzentrum in Klagenfurt. Vor vier Jahren musste die gelernte Konditorin in Frühpension gehen, weil sie zusätzlich zu ihrer Gehörlosigkeit immer stärker sehbeeinträchtigt wurde. Maierbrugger hat eine schwere Hör-Seh-Behinderung. Sie kommuniziert mit Gebärdensprache und ist mit Blindenstock unterwegs. Die Frau ist stolze Mutter zweier Kinder (elf und dreizehn). Auch wenn die Kinder beim Vater leben, genießt sie die gemeinsame Zeit mit ihnen sehr.

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Die 36-Jährige ist gern unterwegs und hat einen Lebensgefährten. Sie sagt: „Wenn die Leute sehen, dass ich halbwegs gut ausschaue, können sie im ersten Moment oft nicht glauben, dass ich eine Behinderung habe.“ Was sie stört, ist: „Ich bekomme wenig Besuch und habe selten Einladungen. Vielleicht denken viele, ich sollte besser zu Hause bleiben. Das macht mich traurig und einsam.“ Aber dagegen kämpft sie an: Etwa, indem sie nach Deutschland reist, um sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Nun hofft die 36-Jährige, dass sie sich auch in Kärnten bald besser vernetzen kann.

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„Wie soll ein Blinder aussehen?“
Heinz Pfeifer ist 49 Jahre alt, studierter Betriebswirt und plant gerade seinen Umzug von Lienz nach Kärnten. Er ist schwer sehbehindert: blind mit schwachem Sehrest, wie es heißt. „Oft kommt es mir vor, als ob die Gesellschaft mir gegenüber blind wäre,“ meint er.
Neulich auf einem Klassentreffen sei die erste Frage gewesen: „Wie geht es dir mit den Augen?“ „Niemand hat gefragt: ,Wie geht’s im Beruf‘, ,Wie geht es der Familie?‘“, erzählt Pfeifer. Das zeige, dass der Mensch hinter der Behinderung oft nicht gesehen werde.

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Pfeifer ist verheiratet und hat zwei Stiefkinder. Er hat viele Ausbildungen – unter anderem ist er Lebens- und Sozialberater, Dozent an der DNA-Akademie Villach (Neue Akademien) und Mentalcoach. Derzeit sucht er eine Anstellung. Ein Spruch, den er nicht mehr hören kann, ist: „Du schaust ja gar nicht aus wie ein Blinder“. Darauf kontert er oft: „Aha, wie muss ich denn ausschauen?“ Zusammenfassend meint Pfeifer: „Ich würde mir Begegnungen auf Augenhöhe wünschen.“

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„Redet mich doch einfach an“
Katja Stoppacher ist 24 Jahre alt und hat das Down-Syndrom. Sie arbeitet in der Küche der Kelag-Lehrlingsschule. Demnächst wird sie von zu Hause auszuziehen und erstmals ohne Mutter wohnen - in einer Wohngemeinschaft in Klagenfurt.
„Mich ärgert es, wenn die Leute nicht direkt mit mir sprechen“, sagt Stoppacher. „Vor Kurzem war ich mit meiner Mama einkaufen. Da kam eine Frau und fragte meine Mutter, wie alt ich sei.“ So etwas passiere ständig. „Warum fragen mich die Leute nicht selbst? Sie können mich ruhig ansprechen“, lächelt die Frau.

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Wer mit ihr redet, erfährt Spannendes: Die 24-Jährige ist nicht nur berufstätig, sie ist auch leidenschaftliche Skifahrerin, die bei Rennen an den Start geht. „Derzeit mache ich auch regelmäßig Tanztraining. Denn 2018 wird es bei den Special Olympics erstmals die Sparte Tanz geben - und da will ich mitmachen“, sagt Stoppacher.
Eine Bitte kommt noch von ihrer Mutter: „Sagt und schreibt nicht mehr, Katja leidet am Down-Syndrom. Denn sie leidet nicht an ihrer Behinderung. Sie hat sie. Oder wirkt Katja wie jemand, der leidet?“

Markus Traussnig

„Nein, ich bin nicht gefesselt“
Laura Gentile ist 21 Jahre alt. Aufgrund einer Muskelerkrankung sitzt sie im Rollstuhl. Sie ist aus Hermagor, studiert Medienwissenschaften in Klagenfurt und betreibt nebenbei den Blog „lauraimrolli“.
„Ich finde es furchtbar, wenn jemand sagt, ich sei an den Rollstuhl gefesselt. Das bin ich nicht. Ich bin nicht gefesselt, ich sitze nur im Rollstuhl und ich brauche ihn. Der Rolli ist ein wichtiger Begleiter, der mich überall hinbringt“, stellt sie klar.

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Manchmal wundert sich Gentile, wie wenig die Leute über Menschen im Rollstuhl wissen. „Alle glauben, wer im Rolli sitzt, kann generell seine Füße nicht bewegen. Aber das stimmt nicht. Ich kann zwar nicht gehen, aber die Füße und Beine leicht heben kann ich. Es fehlt nur die Kraft fürs richtige Gehen.“ Wenn Gentile auf Partys oder in Lokalen ist, passiert ihr eines immer wieder. „Leute, die mich kennenlernen, sagen: Wow, du bist abends unterwegs, obwohl du im Rollstuhl bist?“.
Auch wenn das nicht böse gemeint sei, ärgert sie dieser Spruch. „Soll ich mich etwa mit 21 daheim einsperren, nur weil ich im Rollstuhl bin?“, fragt sie überspitzt und lacht laut.

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Bewusstsein

3. Dezember. Der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung ist jedes Jahr am 3. Dezember. Er wurde von den Vereinten Nationen ausgerufen, um das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die Probleme von Menschen mit Behinderung zu fördern.

Anwaltschaft. Die „Anwaltschaft für Menschen mit Behinderung“ ist eine unabhängige und weisungsfreie Serviceeinrichtung, welche im Sinne einer Ombudsstelle tätig ist. Sie arbeitet im
Auftrag der Kärntner Landesregierung. (Tel. 05 0536 57152)

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